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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Kommunikations-Knigge: Wie und wann man auf Nachrichten reagieren sollte

Wie schnell ist eine Whatsapp von der besten Freundin zu beantworten? Wie schnell eine Mail vom Chef? Oder eine SMS vom Klempner?

Der Nachrichten-Knigge der digitalen Kommunikation

Kommunikations-Knigge: Meike Winnemuth macht sich Gedanken über die richtige Verhaltensweise in der digitalen Welt

Neulich bekam ich eine Mail von einer Frau. Sie habe mich mal vor einigen Jahren kontaktiert und melde sich jetzt wieder, weil sie inzwischen die Lösung für ein bestimmtes Problem gefunden habe – das allerdings schon damals nur ihres war und nicht meines. Glaube ich jedenfalls. Denn weder erinnere ich mich an das Problem noch daran, überhaupt je von ihr gehört zu haben. Die aktuelle Mail kam also für mich aus heiterem Himmel und hätte reziprok eine ebenfalls mehrjährige Reaktionsfrist verdient. Trotzdem antwortete ich umgehend. Natürlich. Wie man das so tut in diesen Zeiten.

Sofortiges Antworten gilt in diesen Zeiten als wichtigster Akt der Höflichkeit, im Knigge des 21. Jahrhunderts steht das wahrscheinlich noch vor "nicht auf die Straße rotzen" und "nicht auf Leute schießen". Wenngleich es verschiedene Stufen von "sofort" gibt, abhängig vom Kommunikationskanal. Beim Chatten: zackig antworten, innerhalb einer Minute. Wenn man nicht schnell genug reagieren kann, weil gerade was Wichtigeres passiert (ein anderer Chat, die Geburt des ersten Kindes, die Demaskierung des Astronauten beim "Masked Singer"): zumindest Mitteilung machen mit Bitte um Geduld.

Digitaler Knigge für die richtige Reaktionszeit

Etwas weniger sofort darf man bei Messengerdiensten, SMS und Whatsapp antworten, wobei die Definition von "sofort" hier vom Grad der Intimität abhängt. Aktuelle Liebesbeziehung oder eine, die es werden könnte/allerbeste Freundin mit Liebes- oder Jobkummer/Waschmaschinenmonteur mit Terminvorschlag: sofort. Verwandte ersten Grades/gute Kumpel/ direkte Vorgesetzte: plus/minus zwei Stunden. Alle anderen: Bis Mitternacht, andernfalls ist die Kommunikations-Kühlkette unterbrochen und die Nachricht verschimmelt.

Für E-Mails gilt: innerhalb von 24 Stunden. Eine Freundin (kein Liebes- oder Jobkummer) hakte gestern per Mail beunruhigt nach, weil ich nach fünf Stunden noch nicht auf ihre SMS reagiert hatte.

Es ist also kompliziert, wie immer im Fall menschlicher Kommunikation. Und warum sollte es digital auch einfacher sein als in einem Vier-Augen-Gespräch? Das Problem an der Sache ist natürlich, dass man heute nie nur ein einziges, sondern meist Dutzende von Vier-Augen-Gesprächen gleichzeitig führt. Man jongliert mit mehreren Konversationen unterschiedlicher Dringlichkeit, hat also Dutzende von Bällen diverser Größe und Fluggeschwindigkeit in der Luft. Klar, dass einige davon zu Boden fallen und unauffindbar ins Gebüsch rollen. Aus nahezu jedem zweiten "Das beantworte ich später" wird so ein "Shit, ich wollte ja schon längst …" Diese in der Geschichte der Menschheit blutjunge Form von Multikommunikation sorgt in Verbindung mit dem Horrorwort "zeitnah" für das ungute Gefühl, ständig am Fuße eines Gebirgsmassiv namens Bringschuld zu stehen.

Ziel ist es die Erwartungen runterzuschrauben

Was tun? Druck rausnehmen und (noch so'n Horrorwort) Erwartungsmanagement betreiben. Alle wissen lassen, dass man nur einmal am Tag die Mail checkt und zweimal täglich SMS (ob's stimmt oder nicht). Push-Mitteilungen ausschalten. Blaue Häkchen und andere Formen von Lesebestätigung ausschalten: Niemand muss wissen, ob man die Nachricht schon erhalten hat oder nicht.

Und nicht zuletzt: die eigenen Erwartungen auf eine Antwort radikal runterschrauben. Ich stelle mir inzwischen jede verschickte SMS wie ein kleines Papierröllchen vor, geknotet ans Bein einer altersschwachen Brieftaube. Oder, was zeitlich etwa dasselbe bedeutet: versenkt in einen Briefkasten der Deutschen Post bei einmaliger Leerung pro Tag. Jede Antwort ist dann eine schöne Überraschung.

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