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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Nur keine falsche Bewegung oder warum uns kollektive Feigheit nicht weiterhilft

Brexit oder Borreliose, Gluten oder Google – um irgendetwas kann man sich immer sorgen. Dumm nur, dass die kollektive Feigheit uns alle lähmt.

Feigheit: Wie uns alle die Angst lähmt und paralysiert

"Elterntaxischlangen vor Grundschulen sind noch harmlos, viel schlimmer ist die gelähmte Vermeidungshaltung, die uns angesichts eingebildeter oder tatsächlicher Gefahren in Fundamentalpessimismus und kollektive Feigheit stürzt."

Gelegentlich denke ich darüber nach, ob ich nicht mehr Angst haben sollte. Oder wenigstens so fünf bis sechs Bedenken, die kleinen Schwestern der Angst. Sollte ich besorgter sein? Ist es nicht unverantwortlich, so bedenkenlos durchs Leben zu gehen, als unbesorgte Bürgerin? Ich mache mir Sorgen über meine Sorglosigkeit.

Dabei gäbe es so viel, über das man sich Sorgen machen könnte, über einiges mehr, über anderes weniger: Altersarmut, Artensterben, AfD, Artificial Intelligence, Aluminium im Deo, und ich habe noch nicht mal richtig mit A angefangen. Machen wir's kurz, und bleiben wir bei A: Es herrscht allgemeine Verunsicherung da draußen, an Ängsten und Sorgen von A bis Z ist kein Mangel und an Strategien, mit ihnen umzugehen, ebenfalls nicht.

Feigheit als Lifestyle

Sorgen haben alle. Die einen um Überfremdung, die anderen um Menschen, die sich um Überfremdung sorgen. Sorgen scheinen einen zu einem aufgeklärten, informierten, nachdenklichen Menschen zu machen. Sorgen um das Klima, den Rechtsruck, die unvermeidliche nächste Weltwirtschaftskrise. Sorgen um Bienen, Mieten, den Regenwald, die Demokratie.

Das Problem ist, dass es bei all dem Sorgenmachen immer schwieriger wird, echte Gefahren wie den Klimawandel von Lifestyle-Hysterien wie Laktose zu trennen. Alles ist irgendwie bedenklich, aber wie sehr? Was bedarf der größeren Sorgen: Brexit-Folgen oder Borreliose-Gefahr? Dieselskandal oder Digitalisierung? Gluten oder Google-Algorithmus? Insektensterben oder INF-Vertragskündigung?

Der grassierende Alarmismus führt nahezu immer zu weiteren Problemen: Elterntaxischlangen vor Grundschulen sind da noch harmlos, viel schlimmer ist die gelähmte Vermeidungshaltung, die uns angesichts eingebildeter oder tatsächlicher Gefahren in Fundamentalpessimismus und kollektive Feigheit stürzt. Niemand traut sich mehr was, denn höchstwahrscheinlich geht es sowieso schief. Bloß keine falsche Bewegung Die Mitarbeiterin einer großen Hamburger Firma erzählte mir, dass bei jeder Veranstaltung ein "Sicherheitsimpuls" gegeben werden müsse. Dass die Leute beim Treppensteigen das Geländer anfassen sollen, zum Beispiel. Ich habe gelacht. Sie meinte es todernst.

Was macht dieses Klima der Angst mit uns? Mit einer Freundin sprach ich gerade über unsere sorglose Jugend. Eine Zeit ohne Sicherheitsgurte und Fahrradhelme, dafür mit Passivrauch und Transfetten. Eine Zeit, in der man noch Literflaschen undefinierbarer Flüssigkeiten im Handgepäck mit sich führen konnte und nach vorn ins Cockpit durfte, nur so, um mal zu gucken. Eine Zeit, in der Kinder tageweise unerreichbar in irgendeinem Wald verschwunden waren und erst zum Abendbrot wieder erschienen, verdreckt. Eine Zeit mit Vollmilch, Vollfett, Vollleben.

Die Welt wird gefiltert durch unnötige Sorgen

Solche nostalgischen Heldengeschichten kursieren in jeder Generation. "Wie haben wir nur unsere Jugend überlebt?" ist ein Klassiker in Comedy-Programmen. Seltsam ist aber doch, dass die Generation, die die goldene Freiheit von einst belacht und beklatscht, dieselbe ist, die ihre Kinder heute im SUV direkt vor die Schulbank fährt. Wie kann das sein? Woher kommt auf einmal diese Angst? Aufgrund welcher Erfahrungen? Eigener offenbar doch nicht.

Wir gucken die Welt mehr und mehr durch eine Schutzbrille an, verzagt, verdruckst, und das ist der wahre Grund zur Sorge. "Statt Sorgen sollte man sich manchmal lieber Nudeln machen", postete ein Freund gerade. Genau.

Und jetzt mache ich mir Sorgen, ob das nicht ein viel zu flapsiger Schluss ist für dieses ernste Thema.

Ursula Ackrill liest aus ihrem Roman "Zeiden, im Januar".
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