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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Equipment-Voodoo - große Leistung geht nur mit bestem Gerät

Das Damastmesser macht uns zu Spitzenköchen, der richtige Hammer zu Thor. Aber warum nicht? Lieber in 250-Euro-Schuhen joggen als gar nicht, meint unsere Kolumnistin Meike Winnemuth.

Ausrüstungsfetischismus

Ich glaube wirklich an den Schubs, den man sich verpassen kann, wenn man ein schönes neues Gerät kauft.

Selbstverständlich habe ich mir erst mal einen neuen Laptop gekauft (oder ein neues Laptop? Diskutieren Sie das bitte untereinander, ich schreibe derweil einfach schon mal weiter), bevor ich mich an mein neues Buch gesetzt habe. Jede Form übermenschlicher Anstrengung braucht exzellente Ausrüstung, sonst muss man gar nicht erst an fangen. Nur ein 2,9 GHz 6 CoreIntel Core i9 Prozessor der achten Generation (Turbo Boost bis zu 4,8 GHz) ist in der Lage, meiner Brillanz standzuhalten, nur das größte Display (in Spacegrau!) kann die rauschende Flut meiner Gedanken kanalisieren, die sich in ein angemessen dimensioniertes Auffangbecken von 1 Terabyte ergießen.

Genauso selbstverständlich habe ich mir einen konisch mit eingeschmiedeten Rücken, also ohne Stabilitätshäuschen im Blatt gearbeiteten, selbstschärfenden Marschrüffel gekauft, bevor ich auch nur das erste Blümchen in meinem Garten vergraben habe, und die Fachleute unter Ihnen wissen, worum es geht. Um einen Spaten. Genauer: das Supermodel unter den Spaten, D-Griff Esche gebogen.

Vollprofi dank Ausrüstungsfetischismus

In meinem Werkzeugwahn bin ich ein echter Kerl: Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die Kraft und die Herrlichkeit eines neuen Tools sofort auf mich übertragen. Das ist reine Magie, Equipment-Voodoo. Mit einem 35-lagigen Yanagiba-Damastmesser werde ich augenblicklich zur Spitzenköchin, mit einem Manfrotto-Stativ zur Topfotografin, mit dem richtigen Hammer zu Thor.

Große Leistung geht nur mit bestem Gerät. Vorbereitung ist alles, Topausrüstung garantiert das Gelingen. Man steigt ja auch nicht in Gummilatschen und Turnhose auf den Kilimandscharo. (Bis auf die Träger natürlich.) Schon Ötzi war Ausrüstungsfetischist, er ging mit einem exquisiten Kupferbeil ins Gebirge.

In Musikerkreisen kursiert der Ausdruck G.A.S. für Gear Aquisition Syndrome, Equipment-Sucht. Der liegt die gleiche Überzeugung zugrunde wie meine: Mit mehr Kram (Synthesizer, Equalizer, Amplifier) spielt man wie ein junger Gott, acht Gitarren sind besser als eine, und Keith Richards hat schließlich auch … Ähnliche Symptomatiken kann man in Baumärkten beobachten, bei Outdoor- und Fahrradhändlern sowie im Bereich der gehobenen Kaffeezubereitung. Es kommt zwar immer noch dieselbe schwarze Plörre raus (sage ich mal so als Teetrinkerin), aber die Creeeeeema!

Bei allem Spott: Ich glaube wirklich an den Schubs, den man sich verpassen kann, wenn man ein schönes neues Gerät kauft. Es gibt das Phänomen der Vorabbelohnung. Erst kommt die Ausrüstung, dann die Aufraffung. Also: Wenn man nach Jahren endlich mal wieder joggen gehen will, geht das nur in brandneuen Laufschuhen mit FlyteFoam Propel, AdaptTruss, FluidFit und MetaClutch. Extrinsische Motivation und so. Ich bin da ganz pragmatisch: Lieber in 250-Euro-Schuhen laufen als gar nicht laufen. Wenn's das braucht, warum nicht? Whatever works.

Lieber Youtube gucken als Fachliteratur lesen

Was ebenfalls funktioniert: eine Ikea-Tasche voller Fachbücher zu einem beliebigen Thema kaufen, idealerweise grabplattengroße Hardcover mit Lesebändchen, diese zu einem dekorativen Stapel auf dem Nachttisch bauen und dann auf keinen Fall anrühren, sondern im Schatten des Stapels Youtube-Videos zu besagtem Thema gucken. Ganz wichtig: im Bett. Auf diese Weise habe ich mir Hundeerziehung und Gärtnern beigebracht. Vom Youtuber Ingoderliegeradler habe ich zum Beispiel die Kunst des korrekten Schaufelns erlernt, ich kann ihm gar nicht genug danken.

Und was soll ich sagen? Das Buch ist fertig, der Laptop-Kauf war also absolut gerechtfertigt.

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