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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Der ewige Stapel – warum mein Papierberg nie verschwinden wird

Es gibt tausend Methoden, einen Berg von Papierkram schrumpfen zu lassen. Aber eins ist sicher: Verschwinden wird er nie.


Meike Winnemuth schreibt über den unaufhaltsam wachsenden Stapel an Papierkram

Meike Winnemuth schreibt über den unaufhaltsam wachsenden Stapel an Papierkram

Zwischen den Jahren, das habe ich mal irgendwo gelesen und sofort auf ewig beherzigt, soll man auf keinen Fall putzen und waschen, das bringt Unglück. Ich war schon immer ein Freund der durch irgendein obskures Gesetz legitimierten Verwahrlosung, nicht dass es in meinem Fall noch der Aufforderung bedurft hätte. Putzen findet bei mir aus drei Gründen statt: 1. als Übersprungshandlung, wenn ich eigentlich was anderes total Dringendes zu tun hätte (--> Kolumne schreiben), 2. wenn es einen deutlich erkennbaren Unterschied von vorher und nachher zu geben verspricht (--> Fensterputzen, einmal jährlich), 3. wenn es selbst mir zu peinlich ist, wie es hier mal wieder aussieht (--> besonders unübersehbar nach dem Fensterputzen, was wiederum entschieden gegen Fensterputzen spricht).

Zeit zu Handeln

Aber nun muss dringend was passieren. Zum Jahresanfang stehen die Sterne ja immer günstig für ungeliebte Aktivitäten. Da ist zum einen der klassische "Jetzt aber mal"-Ruck, der einen verlässlich alle 365 Tage durchfährt und der genauso verlässlich nach wenigen Tagen wieder verpufft, und da sind zum anderen gewisse physikalische Notwendigkeiten. In meinem Fall ist das die prekäre Höhe des Ewigen Stapels, der jeden Moment einstürzen könnte und dann alles unter sich begraben wird – mich, den Hund, halb Norddeutschland.

Der Ewige Stapel ist, vermute ich mal, fester Einrichtungsgegenstand jedes Haushalts, ebenso wie die Chaosschublade für alles, was sonst keinen Platz findet in der Küche: Korken, Werbekulis vom Copyshop, Kabel für irgendwas, Eddings, Schaschlikspieße, Plastikfischchen mit Sojasauce vom Asia-Imbiss, Beutelchen mit Frischhaltepulver für Blumen; alles Zeug, das man bestimmt irgendwann noch mal dringend braucht und das deshalb auf keinen Fall entsorgt werden darf. Der Ewige Stapel ist ähnlich essenziell: ein fester Ort in der Wohnung, an den alle wichtigen Dokumente gepackt werden, Quittungen, Steuerbescheide, Stromrechnungen, Rentenstandsmitteilungen, Beitragserhöhungsschreiben diverser Versicherungen und sonstige Schriftstücke, die ganz bestimmt mal bald, demnächst, irgendwann abgeheftet werden.

Nämlich hier und heute. Wie immer geht es anfangs schnell, ich schichte lediglich von der Horizontalen in die Vertikale um, in Hängeregistraturordner, die allerdings schon bedenklich aus dem Leim gehen. Egal, rein damit, geht schon noch. Aber dann kommt wie jedes Mal der Moment, in dem ich auf etwas komplett Unabheftbares stoße. Hier ist beispielsweise die Plastikmappe, die mir vor Jahren eine Leserin schickte: eine Kollektion von – natürlich leeren – Hundegassibeuteln aus ganz Europa, aus Prag, Lissabon, La Rochelle und Südtirol, jeder begleitet von einem Foto mit Fundort und -zeitpunkt.

Papierkram muss gehegt und gepflegt werden

Es steckt so viel Sorgfalt und liebenswerte Obsession in dieser Sammlung, dass sie seit vier Jahren einen festen Bestandteil des Ewigen Stapels bildet und damit weiß Gott nicht die älteste Schicht ist. Wegwerfen? Unmöglich. Abheften? Kein Ordnungssystem der Welt ist für Gassibeutelsammlungen ausgelegt. Also zurück auf den Stapel.

Kleiderschrank - Mädchen wirft Kleidung in die Luft

Solche Stapel sind wie Komposthaufen: Sie werden regelmäßig umgehoben, gelüftet, neu gemischt, aber bestimmte Dinge wollen sich einfach nicht zersetzen. Ich habe gerade Spesenquittungen zu Reisen gefunden, die 2014 stattgefunden haben; vielleicht sollte ich sie langsam mal einreichen. Mache ich bestimmt, ganz bald.

Nach drei Stunden bin ich durch. Erfolg auf ganzer Linie: Der Ewige Stapel ist um gut die Hälfte geschrumpft, er hat jetzt höchstens noch Kniehöhe. Triumphaler kann ein neues Jahr nicht beginnen.

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