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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Das hättste besser gekonnt: über die Leere nach dem Fertigsein

Endlich fertig? Von wegen. Abi, Hochzeit, Weltumseglung: Nichts lässt einen so leer zurück, wie ein großes Projekt erledigt zu haben.

Projektsteuerung

Meike Winnemuth beschreibt die Leere, die ein beendetes Projekt zurücklässt

An dieser Stelle möchte ich mich in aller Schärfe gegen das Fertigsein aussprechen. Fertigsein ist furchtbar. Deprimierend. Fertigsein macht mich fertig.

Eigentlich tut man ja was, um es irgendwann erledigt zu haben. Das ist auch wundervoll und funktioniert bestens, solange es kleine, überschaubare Tätigkeiten betrifft, die eine halbe Stunde oder maximal einen halben Tag dauern. Fenster putzen, Socken sortieren, Schlafzimmerwand streichen: Wenn man damit fertig ist, ist alles schön. Abhaken, freuen, nächstes Ding vom Fließband des Lebens, dessen Ende irgendwo weit hinterm Horizont liegt, und zwar gottlob.

Auf die Größe des Projekts kommt es an

Anders bei größeren Projekten: ein Buch oder ein Haus oder ein Staudamm oder ein selbst gestrickter Pullover mit Hirschen und Zöpfen. Je länger etwas aus dieser To-do-Kategorie dauert und je mehr man sich eigentlich freuen müsste, dass es endlichendlich geschafft ist, desto ach. Desto seufz. Desto unbefriedigender. Ist doch komisch. Es gibt ein berühmtes Zitat der alten New Yorker Scharfzunge Dorothy Parker: "I hate writing. I love having written." Das kann sie nur behauptet haben, weil sie vornehmlich kurze Texte schrieb – das Fensterputzphänomen setzt hier ein. Hätte sie sich an einem großen Ding abgearbeitet, würde sie auch das having written gehasst haben. Ich weiß, wovon ich rede.

Denn zum einen ist man fast nie wirklich einverstanden mit dem Ergebnis. Es ist nur so halbwegs okay geworden, jedenfalls weit davon entfernt, was man sich mal vorgestellt hatte. Warum? Keine Ahnung. Man hätte früher anfangen müssen. Man hätte mehr reinhauen müssen. Sorgfältiger arbeiten sollen. Man hätte überhaupt alles anders machen müssen. Wie meine Verlegerin immer so weise sagt (und komischerweise kürzlich erst wieder sagte): "Jeder Autor ist bei Abgabe seines Manuskripts davon überzeugt, weit hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben zu sein." Das gilt nicht nur für Schreiber, sondern für die ganze Menschheit: dieses Gefühl, das hättste eigentlich besser gekonnt.

Man hatte sich was vorgenommen am Anfang, man hatte genau vor Augen, wie es sein sollte, sein würde. Und dann, ja dann. Dann kamen das Leben, die Zeit und das eigene Unvermögen dazwischen. Aus dem Plan wurde Wirklichkeit, und in der Geschichte der Menschheit hat bisher noch jede Wirklichkeit mächtig gegen den zugrunde liegenden Plan abgekackt. Wir müssen gar nicht mit Kommunismus und dem Berliner Flughafen anfangen, um das zu belegen, es genügt auch schon der Aschenbecher aus dem VHS-Töpferkurs damals.

Nach jeder Fertigstellung ist des halb omne animal triste, wie wir Lateiner gern sagen. Aber nicht nur wegen des mittelokayen Ergebnisses, sondern auch, weil das Rackern daran nun vorbei ist und man in ein mittelgroßes Loch fällt. Abi, Studium, Hochzeit, Beförderung, Weltumseglung: lange drauf hingearbeitet mit Bangen und Hoffen, und dann ist es vorbei, und man steht dumm da. Ein Projekt ist toll, solange man es macht. Wenn es fertig ist, nicht. Das Stricken war schön. Der Pullover hingegen … na ja. Ein Pullover halt.

Haken hinter Entwicklungsprojekten

Ich versuche mich deshalb seit einiger Zeit nur noch an Projekten, die per definitionem nie fertig sein können, sondern die immer nur im Werden begriffen sind. Garten, Freundschaft, Menschwerdung, Kochkunst, so Sachen. Entwicklungsprojekte, nie abgeschlossen, kein Haken je dahinter, in alle Richtungen offen. Und deshalb so viel befriedigender als alles, was ich je abgeheftet habe.

Schön, hin und wieder eine kleine Fensterputzkolumne dazwischen, klar. Braucht man ja auch, das Gefühl, mal was fertig gekriegt zu hab

Egal, ob Sie im Garten Unkraut zupfen, einen Pullover stricken oder Unterlagen kopieren: Verharren Sie nicht zu lange in einer Position. Wenn möglich, gönnen Sie sich bei allen einseitigen körperlichen Tätigkeiten nach 20 bis 30 Minuten eine Pause. Besser noch: Strecken und dehnen Sie sich zwischendurch.


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