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Münteferings Partnerin Schumann: Pin-up für Genossen

Was braucht man, um in der SPD etwas zu werden? Stallgeruch, richtig. Und den hat Michelle Schumann, 29, Mitarbeiterin und Partnerin von SPD-Chef Franz Müntefering zur Genüge. Sie kommt aus dem tiefsten Ruhrpott, die Genossen aus Herne lieben sie: Für ihre zupackende Art, für ihr politisches Geschick, für ihre unverblümten Worte. Weniger enthusiastisch ist Münteferings Ex-Frau.

Von Frank Gerstenberg

Frank Dudda, Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat von Herne, ist ein typischer Ruhrpottler: bodenständig, kernig, zuverlässig, geradeaus. Übertreibungen sind ihm zuwider, Politikerkollegen bewertet er nach ihren Leistungen, nicht nach ihren Sprüchen - ganz gleich, welchen großen Namen sie haben. Bei dem Namen Michelle Schumann gerät der 45-jährige Rechtsanwalt jedoch schon fast in Schwärmen: Ein "politisches Naturtalent" sei sie, "extrem fleißig und belastbar".

"Nichts gekünstelt, alles echt"

Auch wenn die Diktion mit den kurzen, knappen Sätzen und die teilweise ausladende Gestik an ihre rhetorischen Vorbilder Gerhard Schröder und Franz Müntefering erinnern, ist Dudda überzeugt: An der 29-jährigen Begleiterin von SPD-Chef Franz Müntefering sei "nichts gekünstelt, alles ist echt".

Auch wegen ihres unbändigen Fleißes bewundert der Herner SPD-Politiker seine junge Genossin. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Herne, Stadträtin, Mitglied des Landesvorstandes und wissenschaftliche Mitarbeiterin von Franz Müntefering - "Münte" - in Berlin: Nach Ratssitzungen in Herne fahre sie abends nach Berlin und arbeite im Zug weiter: an Papieren zu ihren politischen Kernthemen Bildung und Schule, an Notizen für Müntefering oder an Artikeln für das SPD-Blatt "Vorwärts", bei dem die Waldorfschülerin der Hibernia-Schule in Herne, gelernte Kinderpflegerin und Absolventin des Instituts für Journalismus und Public Relations an der Fachhochschule Gelsenkirchen nebenbei noch ein Volontariat macht. "Wenn andere Leute schlafen, arbeitet sie", sagt Frank Dudda.

Lauscht man den Genossen aus Herne, so ist Michelle Schumann nicht weniger als die fleischgewordene Traumfrau eines jeden Genossen, ein Pin-up auf Sozialdemokratisch: Sie kann Partei, sie hat den Stallgeruch, sie ist bodenständig, arbeitsam, meinungsfreudig - und kann offenbar auf den Tisch hauen, wenn mal wieder nichts vorwärts geht im Ortsverein.

Eine eigene Karriere

Um Gottes willen, eine überehrgeizige Politmaschine? "Ganz und gar nicht", meint Dudda, der seit mehreren Jahren mit Michelle Schumann im Stadtrat von Herne zusammenarbeitet und einen "rundum positiven Eindruck von ihr hat". Sicher: Die junge Frau mit dem gewinnenden Lachen und dem Pferdeschwanz kenne kein Wochenende ohne Termine für die Partei und sei "jederzeit einsatzbereit". Mit "unglaublicher Disziplin und Leistungsfähigkeit" tanze sie jedoch offenbar leicht und locker auf allen Hochzeiten. Und trotz des riesigen Arbeitspensums für Partei und Müntefering-Büro, ihrem Brotjob, "ist sie mit der Gabe gesegnet, optimistisch in den (langen) Tag zu gehen".

Aber dann doch wenigstens eine Frau, die sich komplett ausbeutet, um Karriere zu machen und die sich nicht zu schade ist, als Anhängsel des 65-jährigen Parteichefs zu gelten? "Was heißt Karriere machen?", fragt Dudda: "Michelle Schumann hat längst Karriere gemacht. Wer als 29-jährige in den Landesvorstand der SPD wieder gewählt wird, hat ein eigenständiges politisches Gewicht, der braucht keinen Türöffner." Im Übrigen: Michelle Schumann gehe es um die Sache, was ein "bemerkenswertes Papier zur Bildungspolitik" beweise, das Schumann im November 2002 unter anderem mit dem heutigen Vorsitzenden der Kölner SPD, Jochen Ott, vorgelegt hat.

Steinbrück als Punching-Ball

Ott, Schumann und andere "junge Funktions- und Mandatsträger" der SPD haben dort "Zwölf Punkte für eine neue Bildungspolitik" formuliert. In ungewohnter Klarheit auch im Umgang mit der eigenen Partei heißt es dort beispielsweise zum Thema "Integration und Durchlässigkeit": "Die alten ideologischen Schlachten unserer Väter und Großväter aus den 70ern sind wir Leid.

Insbesondere die konservativen Linken mit ihrer einseitigen Grundschulideologie, aber noch viel mehr die unerträglichen konservativen Rechten mit ihrem preußischen Ruf aus dem 19. Jahrhundert nach Klasseneinteilung der Menschen in gymnasialer, mittlerer und einfacher Bildung haben mit den Menschen des 21. Jahrhunderts nichts mehr zu tun."

Vorausschauend fordert sie eine gleichrangige Ausbildung und Bezahlung für alle Lehrer sowohl an der Hauptschule wie auch am Gymnasium und schlägt das erste Halbjahr der Jahrgangsstufe 11 auf dem Gymnasium als "Auslandshalbjahr" vor. Der heutige Finanzminister Peer Steinbrück hatte das politische Talent Schumanns schon früh erkannt, erinnert sich Dudda: Steinbrück hatte als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident im Jahr 2005 eine Gruppe junger Sozialdemokraten um sich geschart, die seine Arbeit als Landesvater kritisieren sollten - Michelle Schumann gehörte auch dazu.

Michelle Schumann hat "Spaß an der Politik, Spaß an Veränderungen und Spaß an Gestaltung", hat sie in Interviews gesagt. Das war schon in der Schule so, erinnert sich ihr Schulfreund und Vorgänger als Juso-Vorsitzender in Herne, Alexander Vogt: "Sie hat Demos organisiert und war in der Schülervertretung." An einen Spruch seiner Schul- und Parteifreundin erinnert sich der 30-jährige PR-Berater sinngemäß: "Wer schon in der Schule Bus-Geld einsammelt, kann ja nur in die Politik gehen." Vogt weiß, dass Schumann ein "extrem hohes Tempo anschlägt, wenn sie Politik macht". Mit Verkrampfung und Verbissenheit habe dies jedoch nichts zu tun: "Sie hat einfach ihr Hobby zum Beruf gemacht."

"Für Herne ist das kein Nachteil"

Ihr Hobby sei es eben, sich für Menschen einzusetzen und die Lebensbedingungen zu verbessern. Bestes Beispiel: Jahrelang beklagten sich die Jugendlichen in der 170.000-Einwohner-Stadt Herne darüber, dass spätabends und nachts keine Busse mehr fuhren, die sie von der Kneipe oder der Disco sicher nach Hause brachten. Michelle Schumann forderte als stellvertretende Juso-Vorsitzende eine Nachtexpresslinie, die inzwischen ein verkehrspolitisches Aushängeschild der Stadt ist. Ein "Kind des Ruhrgebiets" sei sie, immer "bei den Leuten" und immer an der Sache orientiert. Was Vogt an ihr vor allem schätzt: "Sie entwirft nicht nur Theorien, sondern packt an und macht."

Macken, Spleens, Schwächen? Vogt lacht, will sich aber nicht äußern: "Fragen Sie sie selbst." Für ihn sei sie ein "toller Kumpel", der bei allem Engagement nicht mit der Politik verheiratet ist: "Sie hat einen großen Freundeskreis, in dem viele mit Politik gar nichts zu tun haben." Wie Münte und Michelle einander näher gekommen sind und wie nah sie sich überhaupt stehen, dazu wollte sich Vogt nicht äußern: Über den engen Draht seiner Mitstreiterin in die Bundeshauptstadt ist er gleichwohl nicht unglücklich: "Für Herne ist das sicher kein Nachteil."

Skeptischer bewertet dagegen offenbar Franz Münteferings erste Frau Renate Müntefering die neue Partnerschaft ihres Ex-Mannes in der Zeitschrift. "Die Bunte". Zwar sagte sie: "Oh, er macht sich. Aber wenn er denn meint - von mir aus kann er sich eine 19-Jährige nehmen." Um dann einzuschränken: "Wobei ich das nicht so fair gegenüber seinen beiden Töchtern finde, die ja schon 40 und 44 sind." Münteferings ältere Tochter heißt Beatrix, die jüngere Mirjam. Münteferings zweite Ehefrau Ankepetra ist im vergangenen Sommer an Krebs gestorben.