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Bespitzelung des Privatlebens: Müntefering erwartet Erklärung von "Bunte"

Der stern enthüllt in seiner neuen Ausgabe, wie die Politiker Lafontaine, Müntefering und Seehofer bespitzelt wurden. Die Rechercheaufträge kamen von der Illustrierten "Bunte". Ex-SPD-Chef Müntefering hat nun reagiert.

Die Story hieß, kurz gefasst: "Münte hat ne Neue". So hat es Stefan Kießling, Kopf der Agentur CMK, nach Augenzeugenberichten gesagt. Und wer diese Neue ist, daran war die "Bunte" brennend interessiert. Also recherchierte CMK monatelang, observierte die Berliner Privatwohnung des damaligen SPD-Chefs und manipulierte den Briefkasten seiner Freundin Michelle Schumann, um ihre An- und Abwesenheit auszuspähen. Ein CMK-Mitarbeiter beobachte Schumann sogar auf einer Zugfahrt zwischen Bochum und Berlin. Am 7. Mai 2009 brachte "Bunte" eine Titelgeschichte über Müntefering und Schumann unter der Schlagzeile "Schön, dass er wieder lachen kann".

Franz Müntefering verlangt nun, eine Reaktion des Blattes. "Ich warte gespannt, wann die Verantwortlichen der 'Bunten sich mir (und anderen Betroffenen) gegenüber erklären oder ob sie die angewandten Methoden diesem Anlass für normal und gerechtfertigt halten und deshalb keinen Erklärungsbedarf sehen", sagte er stern.de. Neben Müntefering hatte CMK auch den Linken-Parteichef Oskar Lafontaine bespitzelt, dem eine Affäre mit seiner Parteigenossin Sahra Wagenknecht nachgesagt wurde. Ebenso im Visier: CSU-Chef Horst Seehofer und seine ehemalige Geliebte Anette Fröhlich. In allen Fällen war die "Bunte" Auftraggeber der Recherchen. Unter der Überschrift "Verfolgt und ausgespäht" berichtet der stern in seiner aktuellen Ausgabe ausführlich darüber.

Seehofer: "DDR ist vorbei"

Müntefering mahnt nun Konsequenzen für den künftigen Umgang mit dem Privatleben von Politikern an. "Ich bin neugierig, ob es in der Medienwelt unseres Landes einen Ehrenkodex gibt, der zu einer öffentlich nachvollziehbaren Behandlung des Vorgangs und vielleicht sogar zu Konsequenzen für zukünftiges Verhalten führt oder ob das nicht für möglich gehalten wird". Er begrüße, dass der stern die "Courage zur Veröffentlichung seiner Recherche-Ergebnisse hatte."

Sehr scharf reagierte die Linkspartei nach Bekanntwerden der CMK-Recherchen. Der designierte Vorsitzende Klaus Ernst sagte stern.de: ""Wenn sich das bestätigt, sind nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschritten, sondern auch die der Pressefreiheit. Diese Bespitzelungspraktiken sind von keinem Informationsinteresse der Öffentlichkeit gedeckt, sondern ekelhaft und rechtswidrig. Verlagschef Burda muss dem umgehend Einhalt gebieten und sich bei den Betroffenen entschuldigen." Die Recherchen zu Wagenknecht und Lafontaine verliefen, wie die "Bunte" dem stern bestätigte, mangels Ergebnissen im Sande. Horst Seehofer, der ebenfalls zu den Betroffenen gehört, sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Die DDR ist doch vorbei."

Zypries: "Schwarze Schafe ächten"

Die Justiziarin der SPD-Bundestagsfraktion und ehemalige Justizministerin, Brigitte Zypries, kritisierte den Vorgang im Gespräch mit der "Welt". " Wenn die 'Bunte' Privatdetektive mit der Beschattung des Privatlebens von Politikern beauftragt, ist das schlicht rechtswidrig", sagte sie. Das Persönlichkeitsrecht sei "in eklatanter Weise verletzt worden". Die schwarzen Schafe in den Medien müssten geächtet werden. Die "Bunte" selbst hat unterdessen angekündigt, den stern verklagen zu wollen. stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn sagte, er sehe einer Klage gelassen entgegen. Der stern habe journalistisch sauber gearbeitet.

Zur Rechtslage sagte der Berliner Medienanwalt Christian Schertz zu "Spiegel-Online": "Sollte die im stern beschriebenen Methoden tatsächlich der Wahrheit entsprechen, wäre dies eine neue Qualität der Verrohung von Boulevardjournalismus in Deutschland". Das gezielte Beschatten von Prominenten, um deren Privatleben auszuspionieren, sei nicht zu rechtfertigen, eine Berichterstattung rechtswidrig. Die beschriebenen Methoden der CMK sollten für den Gesetzgeber Anlass sein, "derartigen Pervertierungen sofort eine Grenze zu setzen".

J.K./lk

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