Nach "Ehrenmord"-Urteil Streit um Halbwaise

In der Familie wird ein Ehrenmord begangen. Und fast im selben Atemzug beantragt eben diese das Sorgerecht für den nun sechsjährigen Halbwaisen. Weitreichende und erhebliche Zweifel scheinen berechtigt.

Im Streit um die Integration von Ausländern nach dem "Ehrenmord"-Urteil steht die Familie der getöteten Hatun Sürücü im Kreuzfeuer der Kritik. SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz sprach sich am Dienstag vehement dagegen aus, dass die Familie das Sorgerecht für den Sohn der Ermordeten bekommt. Eine Schwester des Opfers hatte angekündigt, das Sorgerecht für den Sechsjährigen zu beantragen, der seit dem Tod seiner Mutter bei Pflegeeltern lebt.

Wiefelspütz sagte der "Berliner Zeitung", es sei unvorstellbar, dass deutsche Behörden der Familie das Sorgerecht zusprächen. Das Kindeswohl müsse im Vordergrund stehen. "Da gibt es doch wohl erhebliche Zweifel, um nichts Schlimmeres zu sagen, ob das Wohl des Kindes durch eine solche Sorgerechts-Entscheidung wirklich angemessen berücksichtigt wird", sagte er dem Fernsehsender N24. Die seit Jahrzehnten in Deutschland wohnende und aus Ostanatolien stammende Familie auszuweisen, sei "nicht so ganz einfach".

Familie sagt sich von Täter los

Der Berliner Jugendsenator Klaus Böger sprach sich ebenfalls dagegen aus, das Sorgerecht für den Sohn der ermordeten Türkin Hatun Sürücü deren Familie zu übertragen. Er unterstütze den Kurs des Jugendamtes, den Sohn in einer Pflegefamilie unterzubringen, sagte der SPD-Politiker.

Der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir nannte die Vorstellung "unerträglich", dass das Kind im Kreise derjenigen aufwachse, die eine Mitverantwortung am Tod der Mutter haben könnten. Mehrere Geschwister der Ermordeten sprachen sich unterdessen von dem Täter los, der seine Schwester wegen ihres westlichen Lebensstils erschossen hatte.

Lange hier lebende Ausländer nur schwer auszuweisen

Das Berliner Landgericht hatte am Donnerstag den jüngsten Bruder des Opfers zu neun Jahren und drei Monaten Jugendhaft verurteilt. Zwei mitangeklagte Brüder wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Im Urteil hieß es, die Familie sei nie wirklich in Deutschland angekommen. Böger gab indes zu bedenken: "Durch die Reaktion der Familie auf das Urteil ist deutlich geworden, dass sie - jenseits einer abschließenden strafrechtlichen Würdigung - den Mord an der Mutter des Jungen zu verantworten hat."

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hatte die Familie zum Verlassen Deutschlands aufgefordert, da sie nur scheinintegriert sei und hiesige Wertvorstellungen nicht akzeptiere. Dies sei aber zuerst ein moralischer Appell, da lange hier lebende Ausländer nur schwer auszuweisen seien, sagte Körting-Sprecherin Henrike Morgenstern am Dienstag der dpa. Zudem habe ein Teil der Familienmitglieder die deutsche Staatsbürgerschaft.

Gewalt gegen Frauen sei kein "Ausländerproblem"

Als Konsequenz aus dem Berliner Ehrenmordprozess hat sich der stellvertretende Unionsfraktionschef Wolfgang Bosbach erneut dafür ausgesprochen, Zwangsheirat unter Strafe zu stellen. Der CDU-Politiker sprach sich auch für ausländerrechtliche Konsequenzen aus. Das Nachzugsalter sollte auf 21 Jahre heraufgesetzt werden, damit es schwieriger für die Verwandten werde, junge Frauen gegen ihren Willen zu verheiraten.

Mindestalter "integrationsfeindlich"

Kritik kam von den Grünen und der Linkspartei. Die frauenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irmingard Schewe-Gerigk, erinnerte Bosbach daran, dass seit 2005 Zwangsverheiratungen als besonders schwerer Fall der Nötigung mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden können. Die Heraufsetzung des Nachzugsalters sei jedoch integrationsfeindlich und verstoße gegen den verfassungsrechtlichen Schutz der Ehe, erklärte Schewe-Gerigk. Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Ulla Jelpke, warf Unionspolitikern vor, sämtliche muslimische Einwanderer unter Generalverdacht zu stellen. Gewalt gegen Frauen sei aber kein "Ausländerproblem", sondern komme auch bei "richtigen Deutschen" vor.

DPA/AP AP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker