Nach dem Amoklauf Opfer erhalten Aids-Prophylaxe


Zahlreiche Verletzte des Amoklaufs im Berliner Regierungsviertel werden in den kommenden vier Wochen mit Medikamenten zur Vorbeugung von Aids behandelt. Grund ist die HIV-Infektion eines der ersten Opfer.

Nach dem Amoklauf eines 16-jährigen Schülers vom späten Freitagabend haben sich in der Berliner Klinik Charité drei weitere, nur leicht verletzte Opfer gemeldet. Der Täter hatte am Rande der Eröffnungsfeier des neuen Berliner Hauptbahnhofs betrunken 28 Menschen mit Messerstichen teils schwer verletzt. Den jetzt aufgetauchten Personen hatte er aber nur leichte Schnittwunden zugefügt, so eine Sprecherin des Kranknehauses. Damit erhöhte sich die Zahl der Verletzten insgesamt auf 31 Personen.

Die Betroffenen haben sich untersuchen lassen, nachdem sie erfahren hatten, dass eines der ersten Opfer mit dem HI-Virus infiziert ist. Insgesamt kamen 56 Menschen zur Untersuchung in die Klinik - außer den Opfern des Amoklaufes waren das auch Rettungs- und Einsatzkräfte. 28 erhalten nun vorsorglich Medikamente.

Übertragung nur in "drei von 1000 Fällen"

"Ein HIV-Test so kurz nach dem Amoklauf des Messerstechers am Freitagabend war nicht möglich", erklärte Charite-Oberarzt Dirk Schürmann am Sonntag in Berlin. "So schnell können Antikörper gegen den Aidserreger, den eines der ersten Opfer in sich trägt, nicht nachgewiesen werden." Deshalb würden sämtliche Personen mit Stichwunden, die nach dem infizierten Opfer vom Messerstecher verletzt worden seien, mit Aids-Prophylaxe behandelt. Dazu kämen Hilfskräfte, die beim Rettungseinsatz mit viel Blut in Berührung gekommen seien. "Insgesamt haben wir bei 28 Personen mit der Prophylaxe begonnen", sagte Schürmann. Das Risiko einer Infektion sei aber gering. "Durch Stichwunden wird das HI-Virus in drei von 1000 Fällen übertragen. Die Prophylaxe senkt das Risiko abermals um 80 Prozent", sagte der Arzt.

Die betroffenen Patienten müssten über die nächsten vier Wochen zur Vorbeugung vor der Immunschwächekrankheit Aids die für die Behandlung von HIV-Patienten üblichen Medikamente einnehmen, erklärte Schürmann, der an der Charite in der Abteilung für Infektiologie arbeitet. Dabei müssten sie ein Mal pro Woche zur Kontrolle in die Klinik kommen. Dort werde dann festgestellt, wie die Patienten die Prophylaxe vertrügen und ob gegebenenfalls die Medikamenten-Kombination umgestellt werden müsse. Über Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen oder Übelkeit seien die Betroffenen aufgeklärt worden. "Nach vier Wochen beenden wir die Prophylaxe und untersuchen die Patienten erneut gründlich." Dann werde über weitere Behandlungsmöglichkeiten entschieden.

"Menschen waren sehr aufgeregt"

"Die Menschen, die nach dem Amoklauf zu uns gebracht wurden, waren sehr aufgeregt", sagte Schürmann. Als sie später von dem Risiko einer HIV-Infektion erfahren hätten, seien viele maßlos schockiert gewesen. Nach der Aufklärung durch die Klinik-Ärzte habe sich bei vielen aber die Aufregung gelegt. "Die Leute haben sich dann sehr schnell beruhigt." Ihnen stehe psychologische Betreuung zur Verfügung, um die nächsten Wochen durchzustehen.

Auch zwei Tage nach der Bluttat bemühen sich die Berliner Ermittler darum, den genauen Tathergang abzuklären. Die Zeugenvernehmungen seien weitgehend erledigt, bestätigte ein Polizeisprecher am Sonntag. Mit Verstärkung durch Kollegen hatte die Mordkommission am Samstag 80 bis 100 Personen befragt. Nun werden die Aussagen miteinander abgeglichen, um ein genaues Bild zu bekommen. Unbekannt ist immer noch, was den Jugendlichen zu der Bluttat veranlasst hat.

Täter sitzt in U-Haft

Der Schüler sitzt unter dem Vorwurf des versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung in Untersuchungshaft. Am Samstag hatte er die Tat noch bestritten und angegeben, sich kaum erinnern zu können.

Gegen den Hauptschüler aus Berlin-Neukölln wurde noch in der Nacht zum Sonntag ein Haftbefehl erlassen. Mehrere Zeugen hatten den 16-Jährigen als Messerstecher identifiziert, nachdem ihn private Sicherheitsleute überwältigt und der Polizei übergeben hatten. Der Hauptschüler bestritt die Tat und verweigerte nach Angaben der Polizei vom Nachmittag jede weitere Aussage. Bei ihm wurde aber die Tatwaffe gefunden. Dem 1Jungen wird versuchter Mord in 24 Fällen und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, wie die Polizei am Samstagabend mitteilte. Damit droht ihm eine Jugendstrafe von bis zu fünf Jahren Haft. Möglich wäre auch die Einweisung in eine Erziehungsanstalt oder ein psychiatrisches Krankenhaus.

Bisher nur mit kleinen Delikten aufgefallen

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte, der Schüler sei der Polizei bisher nur mit relativ kleinen Delikten aufgefallen. Er habe nach bisherigen Ermittlungen einmal einen Mitschüler geschlagen, der ihn beleidigt habe. Außerdem soll der 16-Jährige in der Schule eine Scheibe eingeschlagen haben. Die Schwere der Tat müsse Anlass geben, mehr darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft mit Gewalt umgeht. Körting sagte, es müssten "mehr Stoppschilder gesetzt werden".

Reuters/AP AP Reuters

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