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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Es gibt kein Grundrecht auf Beleidigung


Die Anschläge von Paris und Kopenhagen waren ein Schock für Europa. Die Konsequenz? Unsere Freiheit müssen wir rigoros verteidigen. Aber mit religiösen Gefühlen sollten wir künftig behutsamer umgehen.
Von Tilman Gerwien

Die Aufregung hat sich etwas gelegt, die "Je suis Charlie"-Plakate sind eingerollt, die feierlichen Resolutionen verlesen und nicht mehr in jeder Talk-Show werfen sich selbsternannte Helden todesmutig in die Schlacht für die Freiheit von Presse und Meinung. Zeit, einmal innezuhalten, Wochen nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen. Ja, es war richtig, sich über diesen Terror islamistischer Fanatiker in unseren Städten zu empören. Ja, es war richtig zu sagen: Wir lassen uns das nicht gefallen, Ihr werdet uns nicht einschüchtern. Doch, wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns auch fragen: Hatte all das nicht auch etwas Heuchlerisches, Bigottes? Um welche Freiheit ging es wirklich?

Konkret ging es beim Satiremagazin aus Paris wie auch bei der Attacke gegen den schwedischen Karikaturisten Lars Vilks in Kopenhagen um die Freiheit, auch weiterhin Abfälliges über den Islam veröffentlichen zu dürfen. "Charlie Hebdo" gefällt sich darin, Zeichnungen zu publizieren, die - soviel wird man wohl sagen können - zumindest geeignet sind, religiöse Gefühle von Muslimen zu verletzen. Der immer etwas verschwitzt daherkommende Altherren-Humor der Pariser Karikaturisten scheint geradezu besessen vom Thema Religion zu sein. Die Redakteure finden es auch sehr witzig, in regelmäßigen Abständen den Papst durch den von ihnen angerührten Kakao zu ziehen.

Anspruch auf Respekt

Alles nicht so schlimm, Menschen, die an einen Gott glauben, sollen sich mal nicht so anstellen? Nun ja, jeder hat halt das, was ihm heilig ist. Oder zumindest das, was ihm sehr wichtig ist. Weil es sein Leben als Ganzes umfasst, seine Identität ausmacht. Schwule und Lesben zum Beispiel legen - völlig zu Recht - allergrößten Wert darauf, dass ihre Lebensform respektiert wird. Juden sind ebenfalls zu Recht sehr empfindlich, wenn Sie mit antisemitischen Stereotypen - große Nase, geschäftstüchtiger Blick - konfrontiert werden. Wer sich darüber aufregt, dass Muslime sich aufregen, wenn ihr Prophet als Hund gezeichnet wird, banalisiert den Glauben und tut ihn ab als privates Hobby, ungefähr so wie Kegeln oder Yoga. Das kann man ja tun. Aber besser wäre es, jeden selbst entscheiden zu lassen, was ihm wichtig ist. Dem einen bedeutet der Mann auf dem Stuhl Petri in Rom sehr viel. Dem anderen ist sehr an seiner transsexuellen Identität gelegen. Beide haben Anspruch auf Respekt.

Auch Menschen, die an einen Gott glauben und ihn lieben, so sehr, dass sie ohne diesen Gott nicht leben können und wollen, verdienen Schutz. Wer ihren Glauben beleidigt, beleidigt sie selbst, denn sie können und wollen zwischen sich und ihrem Glauben nicht trennen. Er macht ihre Identität aus. Viele Muslime, die in Deutschland leben, auch jene, die gar nicht übermäßig religiös oder gar fundamentalistisch sind, fühlen sich gekränkt, wenn sie Titelbilder wie jenes auf der "Charlie Hebdo"-Ausgabe nach den Anschlägen sehen.

Wert der Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit ist ein sehr wichtiger Wert, aber dieser Wert steht nicht über allem. Er konkurriert mit anderen Werten. Das sieht man schon daran, dass das Strafgesetzbuch im Paragraph 185 auch einen Straftatbestand "Beleidigung" kennt. Wenn ich in irgendeiner Fußgängerzone die Frau eines Mannes als "Hure" bezeichne, muss ich mit negativen Reaktionen, unter Umständen auch handgreiflichen, rechnen. Niemand würde sich darüber wundern. Wenn aber der Papst als Kinderschänder dargestellt wird, soll jeder Katholik das brav ertragen. Über Menschen mit türkischen Wurzeln darf man sich – zu Recht – nicht abfällig äußern. Über ihren Glauben aber schon? Wie passt das zusammen? Das eine ist Rassismus, das andere Meinungsfreiheit?

Keine Beleidigung, auch nicht die Schlimmste, rechtfertigt barbarische Taten wie die von Paris oder Kopenhagen. Aber ein bisschen merkwürdig darf man es schon finden, wenn ein Land, in dem heftig darüber gestritten wird, ob junge Frauen schon diskriminiert werden, wenn in Uni-Publikationen von "Studenten" und nicht von "Studierenden" die Rede ist, anderseits gar nichts dabei finden will, wenn das Allerheiligste, das Menschen viel bedeutet, in den Schmutz gezogen wird.

Volkssport Beleidigungen

Zum Glück sind, zumindest in Europa, die Zeiten lange vorbei, in denen Menschen gezwungen wurden, an einen Gott zu glauben. Keiner muss an irgendetwas glauben. Jeder soll nach seiner Facon selig werden und kann das auch. Woher kommt dann aber die Notwendigkeit, ja, die Lust, jenen Menschen, die einen Glauben haben, immer wieder ins Gesicht zu spucken? Und was ist daran so wahnsinnig aufgeklärt und liberal? Wollen wir unter "Meinungsfreiheit" wirklich einen Volkssport von Beleidigungen verstehen? Auch "Meinungen" können die Würde anderer verletzen. Die Würde aber gilt eigentlich als unantastbar.

Konservative Christenmenschen müssen Veranstaltungen wie den Berliner "Christopher Street Day" ertragen. Aber die nicht so Konservativen müssen dann eben auch die Fronleichnamsprozession durch den Prenzlauer Berg ertragen. So was nennt man dann eine "multikulturelle Gesellschaft". Und die wollten wir doch eigentlich immer, oder?


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