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Nach Straßenbahn-Ausflug: Zirkuslama "Serge" macht Karriere in Bordeaux

Im Suff hatten junge Männer ein Lama entführt und mit in die Straßenbahn genommen. Jetzt wird das Tier zur Marke. Vorläufiger Höhepunkt: "Serge" läuft als Maskottchen für Girondins Bordeaux auf.

Marketing scheint manchmal ganz einfach zu sein: Fünf betrunkene junge Männer, ein entführtes Lama und eine gemeinsame Straßenbahnfahrt durch das nächtliche Bordeaux. Was mit einer - im Wortsinne - Schnapsidee begann, hat sich von Frankreichs Weinmetropole aus inzwischen zur internationalen Marke "Serge le Lama" entwickelt. Jüngster Höhepunkt: Die Profimannschaft von Girondins Bordeaux holte Lama "Serge" am Sonntag zum Atlantik-Derby gegen Nantes als Maskottchen in ihr Stadion.

Das Leben des acht Jahre alten männlichen Lamas spielte noch vor wenigen Tagen in der Manege eines französisch-italienischen Wanderzirkusses. Die nächtliche Sauftour von fünf Freunden in Bordeaux sollte das schlagartig ändern. Nach dem Gang durch Kneipen und Clubs schauten die fünf Freunde bei den Tiergehegen des Zirkusses vorbei, der in der Stadt gastierte. Spontan befreiten sie das Lama aus einem der Käfige - und zogen mit "Serge" durch die Nacht. Zusammen mit dem Tier bestiegen sie dann noch eine der modernen Straßenbahnen von Bordeaux. Erst der alarmierte Kontrolleur machte dem Ausflug ein Ende.

Sänger Serge Lama ist amüsiert

"Serge" landete wohlbehalten wieder im Zirkus, die fünf Entführer entkamen im Trubel. Allerdings konnte die Polizei das Quintett sehr einfach ermitteln - schließlich schwirrten nach zahlreichen Postings etwa auf Twitter ausreichend Daten und Bilder durchs Internet.

Zirkus-Chef John Beautour war zunächst wenig erfreut. Er sah auch andere Tiere durch die Aktion gefährdet. Ein Zebra habe man einfangen müssen, berichtet er örtlichen Medien. Die nächtliche Aktion fand allerdings schnell Unterstützer im Netz. Auf Facebook kam eine Solidaritäts-Seite gegen ein Strafverfahren innerhalb weniger Tage auf zeitweise mehr als 1,2 Millionen Likes. Einschlägige Foren wie Twitter oder Tumblr sind voller Fotomontagen mit Lamas.

Der nicht nur namensverwandte, sondern auch aus Bordeaux stammende Chansonnier Serge Lama freute sich in "Le Parisien": "Ich habe mich köstlich amüsiert." Nun könne man auch nicht mehr behaupten, er habe kein junges Publikum, fügte der 70 Jahre alte Schlagersänger ("Je suis malade") lachend hinzu.

Zirkus plant Merchandising

Inzwischen haben auch die Tierbesitzer Frieden geschlossen mit der Aktion. Jedenfalls zog der Zirkus eine Anzeige gegen die nächtlichen Saufkumpane zurück. "Für uns ist das eine schöne Geschichte", sagt Direktor Beautour mittlerweile, "und zudem unerwartet."

Im Zirkus wird nun über einschlägiges Merchandising nachgedacht - aktuell sind Hüte aus dem Lama-Kernland Peru im Gespräch. Und "Serge" durfte am Freitag erstmals für eine Cowboy-Lasso-Nummer in die Manege. Auch andere setzen auf den Werbefaktor des Lamas. Videos und Lieder befassen sich mit dem Tier, es gibt T-Shirts in zahlreichen Varianten. Air France bewarb seine neuen Direktflüge nach Peru mit einem Lama-Tweet. Die Fußballprofis von Bordeaux haben "Serge" nun noch einen Girondins-Fanschal verpasst.

Auf den Spuren von Elefant "Tuffi"

Auch in Deutschland gab es mal einen vergleichbaren Rummel um ein exotisches Tier auf Abwegen: In Wuppertal legte einst Elefant "Tuffi" mit einem Sprung aus der Schwebebahn in die Wupper die Grundlage für viel Legendenstoff. Die Fahrt war 1950 als Werbung für den Zirkus Althoff gedacht und endete nach Tuffis plötzlichem Sprung mit ein paar Schrammen am Hinterteil des Dickhäuters, der ansonsten unverletzt blieb. Serges Ausflug per Straßenbahn in Bordeaux war wohl ungeplant - der Werbeeffekt allerdings bleibt vorerst.

Gerd Roth/DPA / DPA