VG-Wort Pixel

Erneutes, schweres Erdbeben in Nepal Die Hoffnung wurde zertrümmert


Wieder hat ein schweres Erdbeben Nepal erschüttert. Erneut sind viele Gebäude kollabiert, Menschen wurden verschüttet. Die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Normalität ist ebenso zerstört.
Von Stefanie Glinski, Kathmandu

Erst war es nur ein kurzer Erdstoß, doch dann fing es richtig an zu beben. Schon einige Sekunden später waren die Straßen voll mit schreienden Menschen, die nach Angehörigen suchten und um Hilfe riefen. Panik brach aus. Denn keiner hätte mit einem weiteren großen Beben gerechnet. Die Verunsicherung ist bei vielen Nepalesen groß. Niemand hat geglaubt, dass sich die Katastrophe vom 25. April wiederholen könnte. An die kleinen Nachbeben hatten sich viele gewöhnt. Das erneute Erdbeben der Stärke 7,2 hat eine heilende Wunde aufgerissen.

Schon jetzt ist gewiss, dass mindestens 70 Menschen ums Leben gekommen sind, hunderte weitere Opfer werden befürchtet. Vor allem in der Region um den Mount Everest soll es Tausende Verletzte geben. Mit dem Hubschrauber haben sich Mitarbeiter des Innenministeriums einen Eindruck von der Situation im Osten des Landes verschafft. Das Ausmaß der Zerstörung sei groß, sagte ein Mitarbeiter der Behörde gegenüber dem stern.

Auch in Kathmandu sind die Schäden groß. Viele Häuser, die bereits Risse hatten, sind eingestürzt. In der Altstadt Bhaktapur sind erneut historische Tempel zusammengefallen. Unter den Trümmern werden Verletzte und Tote vermutet. Die nepalesische Armee war bereits eine Stunde nach dem Beben mit Bergungsarbeiten beschäftigt. Es wird gehofft, möglichst viele Verschüttete lebend zu bergen.

Diese Woche war in Nepal zum ersten Mal so etwas wie Normalität spürbar. Viele Familien waren in ihre Häusern zurückgekehrt. Nun werden sie abermals unter freiem Himmel schlafen müssen. Die Suche nach einem sicheren Schlafplatz hat bereits begonnen. Viele Menschen laufen mit Zelten und Decken durch die Straße. Trotzdem scheint Kathmandu auf das heutige Beben besser vorbereitet gewesen zu sein. Die Menschen haben Übung.

Schüler legen Prüfung zwischen Trümmern ab

"Meine Schüler sind sofort unter die Tische gesprungen, haben sich gegenseitig an den Händen gehalten und das Ende des Bebens ruhig abgewartet," sagt Tara Fairty, eine US-amerikanische Lehrerin des Kathmandu International Study Centres, einer internationalen Schule. Für heute war dort ein Sprachexamen angesetzt, dessen Datum international festgeschrieben ist. Bereits eine Stunde nach dem Beben traten viele Schüler zu der Prüfung an. "Wir hoffen, dass das Erdbeben und das damit verbundene Trauma der Schüler anerkannt wird und die Benotung gerecht erfolgt," fügt Fairty hinzu.

Neben der Region um den Mount Everest sieht die Situation auch in den historischen Dörfern im Umland von Kathmandu schlecht aus. In Bugmati, einem Dorf mit vielen Häusern aus Ziegelsteinen, sind erneut Gebäude eingestürzt. Die Anwohner haben bereits Stunden nach dem Erdbeben Zelte auf den umliegenden Wiesen aufgeschlagen. In Thimi, wo besonders viele Töpfer ihre Werkstätten haben, sitzen die Menschen weinend auf den Straßen. Es bestand Hoffnung, dass einige beschädigte Gebäude renoviert werden könnten. Doch viele Bewohner haben diese Hoffnung nun verloren. Ein Vater sitzt mit seinem Sohn am Rand der Hauptstraße des Dorfes. Müde zeigt er mit seinem Finger auf eine Ruine – das ehemalige Haus der Familie. "Hier haben bereits viele Generationen vor uns gewohnt, aber nun müssen wir nach einer neuen und sicheren Bleibe suchen," sagt er. Zunächst wird er zusammen mit den anderen Dorfbewohnern auf einer Wiese schlafen.

Was, wenn es Kathmandu trifft?

Noch heute Morgen schien es, als würde Nepal langsam zur Ruhe kommen. Viele nahmen ihre tägliche Routine wieder auf und wirkten entspannter. Jetzt ist das Land wieder an dem Punkt, an dem es vor zwei Wochen war. Angst und Panik bestimmen die Gefühlswelt der Menschen. Keiner traut sich, die Frage auszusprechen, die jeden plagt: Wird es ein noch stärkeres Beben geben, dessen Zentrum vielleicht sogar in Kathmandu liegt?

Wenn Sie für Nepal spenden wollen, finden Sie hier hilfreiche Informationen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker