Panorama Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann, Teil 5


Oft mussten wir als Reporter von Knall zu Angehörigen von Verbrechensopfern. Chefredakteur Zanderl nannte das "Witwen schütteln".

Emotion, emotion, emotion

In Sankt Petersburg fasste die Polizei einen Serienkiller, der zwölf Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren ermordet und zerstückelt hatte. Kameramann Sergej und ich besuchten die Eltern der siebenjährigen Tanja. Sie war das letzte Opfer, Polizisten hatten ihre Leiche vor drei Tagen in der Wohnung des Verbrechers gefunden. Die Eltern waren am Boden zerstört, sie heulten, konnten keinen Satz formulieren. Über Handy rief ich Hund in Moskau an. "Du, das ist schwierig hier, die weinen ununterbrochen und sagen nichts."

"Das ist doch geil", entgegnete Hund. "Am besten wäre, wenn die Mutter vor laufender Kamera zusammenbricht. Genau das brauchen wir: emotion, emotion, emotion, wie Herr Zanderl immer richtig sagt." Er sprach das emotion Englisch aus, mit österreichischem Akzent. "Sag dem Sergej, er soll ganz dicht draufhalten, mit Fokus auf die Tränen." "Aber eine gewisse Rücksicht -" "Wir sind hier beim Fernsehen und nicht bei der Heilsarmee." "Was soll das, wenn die nichts sagen?" "Du musst die richtigen Fragen stellen. Sag dieser Mami mal, sie soll sich vorstellen, sie hätte eine Knarre in der Hand und vor ihr stünde der Mörder ihrer Tochter. Was würde sie dann tun?"

"Als Honorar dafür kannst du ihnen eine Stange Zigaretten geben, das reicht hier in Russland"

Damit hetzen wir zur Selbstjustiz auf!" "Vergiss deine missionarischen Ideen. Du musst immer an den Zuschauer denken! Unsere Zuschauer malochen tagsüber am Fließband oder auf dem Baugerüst und sitzen abends erschöpft vor dem Fernseher, in kurzer Hose, Unterhemd und mit einer Bierdose in der Hand. Die wollen keinen sozialpädagogischen Klimbim hören. Die wollen wissen, wie die Alte sich am Mörder ihrer Tochter rächt." "Ich schaue, was sich machen lässt. Übrigens haben mir die Eltern schon ein Foto der kleinen Tanja gegeben, in Schuluniform mit weißen Rüschen." "Nur ein Foto? Du musst dir alle Fotos aus dem Familienalbum sichern!" "Spinnst du? Tanja ist gerade gestorben, die Fotos sind das Letzte, was ihnen von ihrer Tochter geblieben ist. Die kann ich ihnen doch nicht wegnehmen!"

"Und ob du kannst! Sonst kommen in einer halben Stunde die Leute von Explosiv, und die Fotos laufen dann morgen bei denen. Frag auch, ob die die Tochter nicht auf Video gefilmt haben. Bewegte Bilder kommen immer besser als Fotos. Wir können dann rüberblenden von Bildern, wie die Kleine schaukelt, zu ihrem Sarg auf der Beerdigung. Das gibt einen geilen Effekt." "Ich glaube nicht, dass die eine Videokamera besitzen, das sind arme Leute." "Versuchen, immer versuchen! Du bist vor Ort, du musst das Beste rausholen. Ich kann mir hier nur den Mund fusselig reden. Übrigens, sicherheitshalber: Lass dir einen Wisch unterschreiben, dass sie exklusiv mit uns reden und mit keinem anderen. Als Honorar dafür kannst du ihnen eine Stange Zigaretten geben, das reicht hier in Russland."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker