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Projekt Stuttgart 21 Bahnhofsabriss beginnt unter Protest


Mit schwerem Gerät und unter Polizeischutz hat der Abriss des Stuttgarter Bahnhofs begonnen. Hunderte Demonstranten begleiten die Arbeiten und sorgen für Chaos rund um den Bahnhof. Mehrere Aktivisten stiegen auf das Dach des Gebäudes und harrten dort die gesamte Nacht aus.
Von Kuno Kruse

Der Bagger legt los. Hunderte Polizisten beschützen die Baustelle in der Stuttgarter Innenstadt. Per Twitter zusammengerufen sammeln sich die Gegner des Projektes Stuttgart 21 vor dem Bahnhof, legen den Verkehr lahm. Auch im Internet ist per Livestream zu verfolgen, wie der Bagger die Mauern des Nordflügels des Bahnhofs einreißt. Das Versprechen der Projektmanager, wenigsten die Quadersteine des Gebäudes behutsam abzutragen, scheint gebrochen. Der brachiale Einsatz des Riesenbaggers schafft jetzt schnell vollendete Tatsachen.

Rund 500 Gegner haben die ganze Nacht über vor dem Bahnhof gegen die Abrissarbeiten demonstriert. Einige Demonstranten besetzten nach Angaben der Protest-Organisatoren auch noch am Donnerstagmorgen das Dach des Bahnhofs, um den Abriss des Nordflügels zu verhindern. Die Polizei kündigte an, ihre Präsenz wieder verstärken. Die Gegner des Bahnprojekts kündigten für den Tag weitere Proteste und eine Dauerblockade der Baustelle an.

Die Zahl der Gegner des 4,1 Milliarden Euro teuren Umbaus, zu denen inzwischen auch der ehemalige Daimler-Benz Chef Edzard Reuther zählt, wächst. Am vergangenen Wochenende gingen 20.000 Gegner der geplanten Versenkung der Gleise unter die Erde auf die Straße. Die Polizei, die die ersten Projektgegner vom Eingang der Bausstelle davongetragen hat, rechnet mit einer weiteren Großdemonstration, die bis in die Nacht dauern könnte. Für die "Baumschützer", wie sich die Gegner des Projekts Stuttgart 21 nennen, weil auch ein nahe gelegener Park den Bauarbeiten anheim fallen soll, ist jetzt "der Tag X."

Am Mittwochabend kletterten mehrere Aktivisten auf das Dach des Nordflügels und enthüllten ein Protestplakat. Im Bahnhof hinderten Demonstranten für rund eine Stunde einen TGV- Schnellzug in Richtung Paris an der Abfahrt. Die Bundespolizei sperrte nach Bahnangaben aus Sicherheitsgründen die daneben liegenden Gleise ab. Der Bahnverkehr wurde behindert, es kam zu Verspätungen.

"Der Abrissbeginn wird nicht dazu führen, dass der enorme Widerstand gegen Stuttgart 21 - der immer größere Kreise zieht - in sich zusammenfallen wird. Im Gegenteil, er wird ihn anheizen. Diese Eskalation haben dann aber ausschließlich die Verantwortlichen von Stuttgart 21 zu verantworten", sagt Irmela Neipp-Gereke, Vorsitzende des Stuttgarter Kreisverbandes der Grünen.

Architekt will die Notbremse ziehen

In der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe des stern warnt der Architekt Frei Otto eindringlich davor, mit dem Bau des neuen Hauptbahnhofes zu beginnen. Man müsse jetzt "die Notbremse ziehen", es gehe "um Leib und Leben". Otto hatte 1997 gemeinsam mit Christoph Ingenhoven den Wettbewerb für den Bau des Tiefbahnhofs gewonnen und diesen mitentworfen. Vor einem Jahr schied er aus der S-21-Projektgruppe wegen wachsender Sicherheitsbedenken aus. Er müsse nun laut werden, sagte er dem Magazin weiter: "Aus moralischer Verantwortung heraus kann ich nicht anders handeln", so der 85-Jährige.

Die Projektträger wiesen die Vorwürfe des Architekten als "Panikmache" zurück. "Die Äußerungen von Frei Otto sind fachlich nicht fundiert und entbehren einer soliden Grundlage", sagte Wolfgang Drexler, Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm. In Stuttgart seien schon in denselben geologischen Schichten Tunnel gebaut worden und es sei nichts passiert.

mit swd/DPA/APN DPA

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