Rechtsextreme im Sauerland Häuserkampf mit der NPD


Im Sauerland treiben allerhand Extremisten ihr Unwesen: Nicht nur Terrorverdächtige werden dort gefasst. NPD-Mann Jürgen Rieger hat versucht, dort ein Gutshaus für ein Schulungszentrum zu erstehen. Vergeblich, denn jetzt ist dem Rechtsextremen die Gemeinde Menden zuvorgekommen.
Von Christian Parth, Menden

Rudolf Josef Düppe hat einen Erfolg der braunen Brut verhindert. Euphorisch greift der rastlose Bürgermeister von Menden im Sauerland gestern Abend zu seinem Telefon. "Wir haben uns geeinigt. Wir werden das Gut Rödinghausen kaufen. Ich bin sehr froh." Düppe ist ganz außer sich vor Glück. Ein wenig zittert seine Stimme, und er erweckt den Eindruck, als sei die Kunde für die gesamte Nation eine frohe Botschaft. Denn nach einer aufreibenden Verhandlungswoche hat Bürgermeister Düppe es geschafft, dem Hamburger NPD-Chef Jürgen Rieger ein Geschäft zu vermasseln: Der Rechtsextremist wollte auf dem paradiesischen Adelsgut im Stadtteil Lendringsen ein Schulungszentrum für seine Partei errichten. Während Düppe heute seinen Erfolg begießt, gibt es jedoch einige Menschen, die sagen, der eigentliche Sieger des Immobilienpokers heiße Rieger.

Vorteile für Rieger und den Verkäufer

Denn Rieger kann in jedem Fall einen Nutzen aus dem Immobiliengeschäft ziehen - selbst wenn es platzt: Kann er ein Grundstück kaufen, ist er einer NPD-Schulungsstätte ein Stück näher gekommen. Scheitert er, weil es Aufruhr gibt, dann hat er zumindest einen öffentlichkeitswirksamen Auftritt gehabt. Ein Gewinner kann auch der möglicherweise klamme Verkäufer sein: Er wird sein Grundstück in jedem Fall zu einem vernünftigen Preis los.

Dass es sich bei Riegers geplanten Immobilienkäufen aufgrund der vielen Vorteile um eine Masche handeln könnte, legt die Tatsache nahe, dass es sich bei dem Mendener Geschäft nicht um den ersten gescheiterten Versuch handelt. Der bärtige Krawallmacher Rieger, der im Mai dieses Jahres in zweiter Instanz wegen Körperverletzung - allerdings noch nicht rechtskräftig - verurteilt und erst Anfang dieser Woche wieder einmal wegen Volksverhetzung angeklagt wurde, hat dieselbe Show schon einmal abgezogen. Vor beinahe genau einem Jahr versuchte der Hamburger Anwalt und NPD-Chef, das "Hotel im Stadtpark" im niedersächsischen Delmenhorst zu übernehmen. Innerhalb von nur neun Tagen sammelte die Gemeinde 700.000 Euro, am Ende kaufte die Stadt das Gebäude für drei Millionen. Im Fall Delmenhorst mutmaßte selbst der Verfassungsschutz in seinem Bericht für das Jahr 2006, dass Rieger sein Interesse an der Delmenhorster Immobilie nur vorgetäuscht haben könnte. Der Besitzer sei verschuldet gewesen, heißt es zudem.

Auch in Menden ging Riegers Offerte an eine Verkäuferin, die finanziell offenbar unter Druck stand. Gutsbesitzerin Helga Mense-Ermert war knapp bei Kasse. Das erfuhr stern.de von Quellen vor Ort. "Ich habe den Eindruck, Rieger war der letzte Strohhalm, an den sie sich geklammert hat", glaubt sogar ein Insider aus dem Mendener Rathaus.

"Ein wunderbarer Flecken Erde"

In Menden war Riegers Spekulationsobjekt das Haupthaus auf Gut Rödinghausen - 22 Zimmer, die Fassade ganz mit Efeu bewachsen - und ein flacher langgezogener Anbau, in dem Helga Mense-Ermert wohnt. "Ein wunderbarer Flecken Erde", sagen die Leute in Menden. Hinterm Haus plätschert mit beruhigendem Rhythmus die Hönne, im Park schimmert das goldene Herbstlaub, gleich nebenan bekommen junge Mädchen Reitunterricht. Die rotbeschopfte Dame wollte das ehrwürdige Gemäuer aus dem Jahr 1698 schon seit zwei Jahren loswerden. Der Unterhalt ist ihr offenbar zu teuer geworden. Und als vor einigen Wochen endlich ein Interessent bei ihr auftauchte, muss sie ganz glücklich gewesen sein. Dass dieser Mann Jürgen Rieger ist, schillernder Chef der rechtsextremen NPD in Hamburg, der an dieser Stelle ein Schulungszentrum für seine Partei errichten will, war zweitrangig. Der "Mendener Zeitung" sagte sie nur einmal: "Wenn Herr Rieger will, dann verkaufe ich ihm das Haus. Seine politischen Ansichten interessieren mich nicht, ich stimme auch nicht mit ihnen überein. Aber er ist der einzige ernsthafte Interessent." Seitdem sagt sie gar nichts mehr.

"Wenn die Nazis kommen, prägen sie das Stadtbild"

Ganz Menden brachte sie mit ihren Worten in Aufruhr. Nachdem die Öffentlichkeit von den Pläne der Rechtsextremen erfahren hatte, formierte sich ungewöhnlich schnell ein vorbildlicher Protest, angeführt von Pfarrer Bernd Hoffmann. Von der Kirche des schlacksigen Protestanten sind es nur 50 Meter Luftlinie bis zum Adelsgut, auf dem weiland die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff ihrer Seele Labsal gönnte. Innerhalb von 40 Stunden organisierte Hoffmann die De-mo "Bunt gegen Braun" mit rund 1000 Teilnehmern. Vorneweg marschierte am vergangenen Samstag Bürgermeister Rudolf Josef Düppe. Weil die Besitzerin den Protestzug auf dem Grundstück nicht duldete, beschloss er, das Haus einfach zu umzingeln. "Bevor etwas passiert, mussten wir etwas tun", sagt Pfarrer Hoffmann. "Denn wenn die Nazis kommen, wird das für das Klima des Ortes zerstörerisch sein. Sie werden das Stadtbild prägen."

Vetodrohung des Eigentümers

Bürgermeister Düppe war klar, dass ohne Gegenangebot der Stadt Rieger durchaus Aussichten auf Erfolg gehabt hätte. Denn bei Gut Rödinghausen handelt es sich um ein kompliziertes rechtliches Konstrukt. Eigentümer des Anwesens ist die Familie Dücker-Plettenberg. 1994 erwarb Helga Mense-Ermert das Haus auf Erbpacht-Basis. Seit nunmehr zwei Jahren wollte sie es wieder loswerden. Mal tauchte es als Angebot bei Immobilienscout24 auf, zwischendurch sollte es bei Ebay unter den Hammer, doch die ange-peilte Summe von einer Million Euro wollte niemand berappen.

Knapp sechs Monate hatte Mense-Ermert laut Angaben von Vertretern der Gemeinde noch Zeit, das Anwesen unter ihren Bedingungen abzustoßen. Dann hätte die Bank den Verkauf übernehmen können. Offenbar drohte ein Verlustgeschäft. Dabei hätte es für einen Verkauf auch noch weitere Hürden gegeben. Der potentielle Käufer muss nämlich eine persönliche wie auch wirtschaftliche Eignung vorweisen. Das ist nötig, weil der Eigentümer Ferdinand Graf von Plettenberg, ein Opernsänger, der zurzeit mit samtigem Tenor die Wiener Gesellschaft verzückt, seine Zustimmung verweigern kann. Sein Anwalt, Ernst Kayser, sagte stern.de: "Herr Plettenberg hat gesagt, dass er eine solche Gruppierung niemals dulden wird" Ein Schulungszentrum der NPD entspreche nicht der von ihm gewünschten Nutzung.

"Alles andere ist unwichtig

Rieger hätte jedoch die Möglichkeit gehabt, gegen Plettenbergs Veto zu klagen. Die unappetitliche Angelegenheit wäre vermutlich vor dem Richter gelandet. Tagelang war Bürgermeister Düppe um eine Lösung bemüht. "Um das Unheil abzuwenden, muss die Stadt das Haus kaufen. Diese Option ist derzeit alternativlos", sagt Düppe stern.de noch gestern Nachmittag. Bereits am Montag verhandelte er stundenlang mit der Besitzerin. Am Dienstag erörterte der Stadtrat die Lage im nichtöffentlichen Teil. Es herrschte strikte Geheimhaltung.

Am Mittwochabend dann wurde der Durchbruch erzielt. Die Stadt wird das Gut kaufen. Derzeit schert es Düppe kaum, dass der Rechtsextremist Rieger die Gemeinde in die Knie gezwungen hat. "Es stimmt schon. Irgendwie standen wir mit dem Rücken zur Wand", sagt Düppe. "Aber für uns war es wichtig, ihn aus unserem Ort rauszuhalten. Alles andere ist im Moment unwichtig."


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