Rolf Schneider über Wolf Biermann "Wie einst unter Hitler"


Der Schriftsteller Rolf Schneider über die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976, den Protest der Intellektuellen und die harte Reaktion der DDR-Führung.
Von Rolf Schneider

Die 70er Jahre in der DDR begannen mit Erleichterungen. Der ungeliebte Diktator Walter Ulbricht war abgelöst worden durch Erich Honecker. Der Staat, bislang ein außenpolitisches Aschenputtel, erfuhr internationale diplomatische Anerkennung, was den Herrschenden ein bescheidenes Maß an Selbstsicherheit bescherte. Sie nahmen sich vor, etwas mehr politischen Realismus zu gestatten, es ging um Konsumwaren, um Wohnraum, um künstlerische Freiheiten. Galerien zeigten abstrakte Bilder, die nicht länger als Verfallsprodukte des Klassenfeinds galten. Junge Leute durften Rockmusik hören und machen und durften Jeans tragen. Das Kino zeigte freche Filme aus Ost und West. Bislang indizierte Autoren wurden gedruckt.

Bei einer Gedenkveranstaltung in Brandenburg nahmen gemeinsam Staatschef Erich Honecker und der geächtete DDR-Dissident Robert Havemann teil. Der bislang mit Berufsverbot belegte Dichtersänger Wolf Biermann hatte in einer protestantischen Kirche seinen ersten öffentlichen Auftritt nach Jahren, außerdem erhielt er die Genehmigung, nach Köln zu reisen, um bei einer Veranstaltung der IG Metall zu singen.

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Das Konzert fand am 13. November 1976 statt. Drei Tage später verkündeten Nachrichtenagenturen, die Regierung der DDR habe Biermann die DDR-Staatsbürgerschaft entzogen. Noch einen Tag später trafen sich in der Wohnung des Lyrikers Stephan Hermlin, um einen Protest zu formulieren, mehrere Autoren aus der DDR. Ich gehörte zu ihnen. Unser Schriftstück überbrachten wir westlichen Nachrichtenagenturen. Am Abend lief der Wortlaut über Radio- und Fernsehsender der Bundesrepublik Deutschland und gelangte derart auch in die Wohnstuben der DDR.

Einen vergleichbaren Vorgang hatte es in Ost-Deutschland zuvor nicht gegeben. Wir Protestautoren verstanden uns nicht als politische Opponenten. Wir verstanden uns als staatsloyal, doch den Umstand, dass, wie einst unter Hitler, Künstler aus einem deutschen Staat ausgebürgert wurden (zwei von uns hatten dies einst selbst erfahren), mochten wir nicht widerspruchslos hinnehmen. Unser Vorgehen hatte Folgen. Eine große Zahl anderer DDR-Intellektueller schloss sich dem Protest an. Die DDR-Regierung mobilisierte ihrerseits Künstler, die der Ausbürgerung demonstrativ zustimmten. Die Sache erreichte die ostdeutschen Universitäten, wo sich Studenten mit Biermann solidarisierten. Als das west-deutsche Fernsehen eine Aufzeichnung des Konzertes in Köln ausstrahlte, saß die halbe DDR vor den Bildschirmen.

Die DDR-Obrigkeit praktizierte die üblichen Mittel zur Befriedung. Die Namenlosen unter den Protestierern wurden von den Hochschulen relegiert. Einige kamen in Haft. Die Prominenten wurden gedrängt, ihren Protest zurückzuziehen, was manche befolgten, die meisten nicht. Wenn sie Mitglieder der Staatspartei SED waren, erhielten sie Disziplinarstrafen oder wurden ausgeschlossen. Sie wie wir Übrigen waren einer ständigen Observation durch die Staatssicherheitsbehörde ausgesetzt. Wir bekamen zunehmende Schwierigkeiten in unserem Beruf.

Der Anfang vom Ende

Die Schauspieler erhielten keine Rollen. Etliche Autoren, darunter ich, wurden aus dem Schriftstellerverband entfernt. Unsere Bücher erschienen nicht mehr. Viele, darunter ich, stellten den Antrag, die DDR vorübergehend oder auf Dauer zu verlassen. Dem Ersuchen wurde stattgegeben. Bis zum Ende des Jahrzehnts verlor der Staat so einen erheblichen Teil seiner Künstlerschaft. Jeder Fortgang war eine Radionachricht wert und verstärkte die Unruhe im Land. Das Jahrzehnt, das einigermaßen hoffnungsvoll begonnen hatte, endete in der nämlichen Tristesse, die das Kennzeichen der Ära Ulbricht gewesen war.

Man hat die Vorgänge um die Biermann-Ausbürgerung den Anfang vom Ende der DDR genannt. Das trifft so nicht zu, denn es blieb wesentlich bei einer Intellektuellen-Affäre. Auch die zeitliche Zuordnung ist ungenau. Die DDR hatte für ihre Existenz niemals eine reale Chance, von Beginn an nicht. Der Anfang vom Ende der DDR war der Anfang der DDR.

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