Schadstoffe Die Gifte sind wieder da


Der Fluss war gerade einigermaßen sauber, jetzt hat die Flut das Ökosystem Elbe erheblich geschädigt. Schwermetalle und Chlorverbindungen gefährden die Fauna - auch auf überschwemmten Feldern und Auwiesen.

Eine Riesenparty war's: der "Elbebadetag" am 14. Juli. Vom Riesengebirge bis zur Nordsee feierten Wissenschaftler und Umweltschützer, Politiker und Bevölkerung die Genesung des großen Stromes - nun schwappt in der Elbe wieder üble Brühe. Die Katastrophenflut hat dem Fluss die Umweltkatastrophe gebracht.

Bestialischer Gestank

Das Hochwasser laugte Güllegruben, Klärwerke und Müllkippen aus, spülte Dünger und Pestizide von den Feldern, demolierte Öltanks, riss Tierkadaver mit und schwemmte Schadstoffe aus Tankstellen und Fabrikanlagen. Massenhaft Chemikalien und Gifte landeten im Fluss. Bestialisch stinkt es aus den riesigen Lachen, die auf Wiesen und Äckern zurückgeblieben sind.

Täglich ziehen Mitarbeiter des Sächsischen Landesamtes für Umwelt und Geologie Wasserproben bei Bad Schandau, Dresden und Meißen. Ergebnis: Die Belastung mit Diesel und Heizöl sowie Fäkalcolibakterien und Salmonellen ist hoch, denn in Tschechien und hierzulande ist eine ganze Reihe von Klärwerken ausgefallen und noch immer außer Betrieb. Wann etwa die abgesoffene Anlage Dresden-Kaditz, erst vor wenigen Jahren modernisiert, wieder angefahren werden kann, weiß keiner - so lange landen die Fäkalien direkt im Fluss. Ziemlich verdünnt hatten das alles die gigantischen Wassermassen; doch je mehr die Pegel fallen, desto problematischer wird der Dreck.

"Konzentrationen um das Fünf- bis Zehnfache erhöht"

Wissenschaftler der Arbeitsgemeinschaft zur Reinhaltung der Elbe (Arge-Elbe) nahmen auch Proben entlang des ganzen 1091 Kilometer langen Flusses. Zwar habe man beim Chemiewerk Spolana im tschechischen Neratovice, das verdächtigt wird, Gifte in den Strom verbracht zu haben, bislang keine gestiegenen Quecksilber- oder Dioxingehalte finden können, sagt Heinrich Reincke, Chef der Arge-Elbe-Geschäftsstelle in Hamburg-Finkenwerder, "doch in großen Strecken des Gewässers sind die Konzentrationen der Schwermetalle wie Quecksilber um das Fünf- bis Zehnfache gegenüber früher erhöht".

Ähnlich ist der Anstieg der chlorierten Kohlenwasserstoffe. Auch die Gesamtmenge des Dioxins im Fluss nahm zu. Die Gifte, so vermutet der Experte, stammen hauptsächlich aus dem Sediment, wo sie sich im Lauf der Jahre abgelagert hatten - die Hochwasserwelle hat sie dort herausgewirbelt.

Sauerstoffgehalt drastisch gesunken

Drastisch gesunken ist dagegen der Sauerstoffgehalt der Elbe; Ökologen und Angler befürchten deshalb in den nächsten Tagen für einige Abschnitte ein größeres Fischsterben. Für viele Schuppenviecher sieht es ohnehin schlecht aus: Zahlreich sind sie jetzt in den Tümpeln auf den Feldern gefangen. "Diesen Tieren können wir nicht helfen", sagt Carola Stilec, Geschäftsführerin des Anglerverbandes "Elbflorenz". Zu gefährlich sei ein Abfischen der Lachen; Helfer würden im Morast versinken, Boote sich im Gestrüpp verfangen. Was die anderen Fische, die im Fluss geblieben sind, durch die Giftfracht abbekommen haben, ist noch ungewiss. "Wir werden im Oktober den Schadstoffgehalt in Elbfischen kontrollieren und überprüfen, ob es Einschränkungen für den Verzehr geben muss", sagt Reincke.

Während sich die Qualität des Wassers schon in den nächsten Wochen durch Nachschub aus den Quellen verbessern dürfte, werden Chemikalien mit dem Schlamm, der sich auf den Feldern abgesetzt hat, dort liegenbleiben - und langfristig in den Feldfrüchten und auch im Grundwasser auftauchen. Selbst Öko-Landwirte bekämen nun Giftspritzen, "die sie nicht auf ihren Feldern haben wollen", befürchtet Andreas Bernstorff von Greenpeace. Immerhin wird der Modder, der sich auf die Straßen und in die Häuser ergoss, geräumt und auf Deponien zwischengelagert. Dann soll der Chemikaliengehalt ermittelt und entschieden werden, ob der Dreck als Sondermüll entsorgt werden muss.

Hochtoxische Schwermetalle und Chemikalien

Das Gift im Fluss landet in der Nordsee - ohnehin eines der am stärksten verschmutzten Meere der Welt. Allein vom hochtoxischen Schwermetall Quecksilber, so haben die Experten der Arge-Elbe ermittelt, strömt durch die Flutkatastrophe so viel in die Deutsche Bucht wie sonst nur während eines ganzen Jahres. Hinzu kommen all die Tonnen anderer Chemikalien in der Hochwasserwelle: Blei, Cadmium, Kupfer, Zink, Chrom. Eine gewaltige Dosis mit üblen Folgen für das Leben im Meer. Nun fürchten die Fischer an der Küste, dass ihnen wieder kranke, mit Geschwüren übersäte Fische- wie in den 80ern - in die Netze gehen.

Horst Güntheroth print

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