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Scharia: Mord kostet 100 Kamele

Das islamische Recht gilt als Grundpfeiler des Gottesstaats im Iran. Die Scharia ist Strafgesetz und Prozessordnung zugleich. Verbrechern drohen archaische Strafen.

Auf Ehebruch steht Steinigung, für den Liebesakt zwischen Unverheirateten setzt es 100 Peitschenhiebe. Und homosexueller Geschlechtsverkehr wird mit der Todesstrafe geahndet. So schreibe es der Koran vor, sagen die islamischen Rechtsgelehrten, und auch die Scharia.

Scharia, das arabische Wort für Weg, ist der Sammelbegriff für islamische Lebensregeln, religiöse Pflichten und grausame Strafen. Seit der islamischen Revolution ist die Scharia auch die Grundlage des Rechtssystems im Iran. Neben dem Koran ist die Sunna - das über Jahrhunderte aufgezeichnete vorbildliche Handeln und die überlieferten Aussprüche Mohammeds - Hauptquelle des Gesetzwerks. Es unterscheidet Hadd-, Qisas- und Tazir-Verbrechen.

Hadd-Strafen sind von Gott bestimmt, im Koran niedergeschrieben oder von der Tradition festgelegt und somit unveränderlich. Sie treffen den, der Ehebruch begeht oder jemanden zu Unrecht dessen bezichtigt, sowie alle, die Alkohol trinken, stehlen und rauben.

Die Verurteilung zu einer Hadd-Strafe erfolgt nach zweimaligem Geständnis des Täters oder der Aussage mindestens zweier Männer. Die Zeugen müssen rechtschaffen und muslimischen Glaubens sein. Die Religionszugehörigkeit ist wichtig, denn wie sollte man der Wahrheitsliebe eines Menschen trauen, der selbst die offensichtlichen Wahrheiten des Islam leugnet?

...der werfe den ersten Stein

Zum Teil werden Richter und Zeugen in die Exekution der Strafen eingebunden. Zum Beispiel bei Ehebruch. Den ersten Stein muss entweder der Richter werfen - wenn der Täter gesteht -, oder die Zeugen müssen es tun, wenn die Verurteilung aufgrund von belastenden Aussagen erfolgte. Eine Hadd-Strafe darf nur verhängt werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Zum Beispiel muss Diebesgut einen festgelegten Mindestwert haben und diesem angemessen aufbewahrt worden sein.

Das Strafmaß ist bei Ersttätern der Verlust von vier Fingern an der rechten Hand. Beim zweiten Mal heißt es Fuß ab, beim dritten Mal droht lebenslange Haft. Der Dieb kann der Strafe entgehen, wenn er das Gestohlene zurückgibt.

Auge für Auge, Bein für Bein

Tötungsdelikte und Körperverletzung fallen unter die Qisas, sie werden nach dem Prinzip »Wie du mir - so ich dir« vergolten. In strenger Symmetrie verlangt die Qisas, dass dem Täter das Gleiche widerfährt wie dem Opfer: Leben für Leben, Auge für Auge, Bein für Bein. Verzichtet das Opfer, oder stellvertretend seine Sippe, auf Blutrache, erfolgt die Bestrafung durch den Staat.

Eine weitere Möglichkeit der Sühne ist die Zahlung eines Blutgeldes. Für den Tod eines Mannes, unabhängig davon, ob es sich um vorsätzlichen Mord oder fahrlässige Tötung handelt, zahlt der Täter 100 Kamele, 200 Kühe oder 1000 Hammel, 200 Gewänder und 1000 Dinar oder 10.000 Silberdirhams. Bei Mord ist das Bußgeld innerhalb eines Jahres, bei fahrlässiger Tötung innerhalb von drei Jahren fällig.

Die Tazir-Delikte, Verbrechen wie Korruption, Betrug, Urkunden- oder Münzfälschung, Brandstiftung, werden mit Züchtigung bestraft. Die Scharia schreibt dafür kein Strafmaß vor, sondern überlässt es richterlichem Ermessen.

Strafmündig ist in der Islamischen Republik jeder, der geschlechtsreif ist: Mädchen sind es mit neun, Jungen mit 15 Jahren.

Bilder gelten als gefährlich

Neben dem Iran greifen unter anderem auch Pakistan, der Sudan und Saudi-Arabien auf das islamische Rechtssystem zurück. Auch in Afghanistan galt die Scharia. Als die Taliban im März in Bamian die weltberühmten Buddha-Statuen in die Luft jagten, beriefen sie sich darauf, dass die Darstellung von Menschen und Göttern verboten sei. Solche Bildnisse seien Ausdruck des Götzentums. Auch Mohammed habe 630 nach der Einnahme von Mekka die Bildnisse der Lebewesen in der Kaaba, dem Haus Allahs, zerstört.

Andere Staaten mit muslimischer Bevölkerung wie die Türkei haben sich eine klare säkulare Verfassung gegeben. Malaysia, das sich als islamischen Staat bezeichnet, spricht seine Urteile nach rein irdischem Gesetz.

Gesine Sriebold