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Bank-Formulare: "Werde als Frau totgeschwiegen" - 80-Jährige kämpft ihre dritte große Schlacht für Gleichberechtigung

Marlies Krämer hat schon dafür gesorgt, dass Hochdruckgebiete weibliche Namen bekommen. Nun kämpft sie dafür, dass auf Sparkassen-Formularen auch von "Kundinnen" die Rede ist. Entscheiden muss der Bundesgerichtshof.

Marlies Krämer such in ihrer Wohnung nach einem Dokument.

Marlies Krämer klagt vor dem BGH gegen ihre Sparkasse. 

DPA

Marlies Krämer hat schon einige Schlachten geschlagen und will mit ihren 80 Jahren noch nicht damit aufhören. Die freundliche ältere Dame klagt aktuell vor dem Bundesgerichtshof (BGH) gegen ihre Sparkasse. Die Bank verwendet in offiziellen Formularen nur die männliche Anrede, beispielsweise "Kontoinhaber" statt "Kontoinhaberin". Die 80-Jährige aus dem saarländischen Sulzbach sieht sich dadurch nicht repräsentiert und zog deshalb vor Gericht. 

Das Ziel: Frauen in Sprache und Schrift sichtbar machen

"Ich sehe das überhaupt nicht mehr ein, dass ich als Frau totgeschwiegen werde", sagte sie nach der mündlichen Verhandlung vor dem BGH in Karlsruhe. Es sei ihr Recht, als Frau in Sprache und Schrift erkennbar zu sein.

Doch die Vorinstanzen meinten das nicht. Schwierige Texte würden durch die Nennung beider Geschlechter nur noch komplizierter, argumentierte das Landgericht Saarbrücken. Zugleich verwies es darauf, dass die männliche Form schon "seit 2000 Jahren" im allgemeinen Sprachgebrauch bei Personen beiderlei Geschlechts als Kollektivform verwendet werde.

"Sprache, die 2000 Jahre falsch rübergebracht wurde, muss ja nicht noch die nächsten 2000 Jahre falsch rübergebracht werden", kontert Marlies Krämer. Die 80-Jährige setze sich auch in der Vergangenheit bereits für Frauenrechte ein. So verzichtete sie in den 90er-Jahren so lange auf einen Pass, bis sie als Frau unterschreiben konnte. Später sammelte sie erfolgreich Unterschriften für weibliche Wetterhochs - davor wurden Frauennamen nur für Tiefs verwendet.

Benachteiligt die unweibliche Sprache die Klägerin?

Für den VI. BGH-Zivilsenat mit seinen drei Richtern und zwei Richterinnen geht es im Kern darum, ob die Klägerin durch die unweibliche Formularsprache wegen ihres Geschlechts benachteiligt wurde. Dass die höchsten deutschen Zivilrichter daran Zweifel haben könnten, meinten Beobachter den einführenden Worten des Senatsvorsitzenden Gregor Galke zu entnehmen, der unter anderem ein Argument der Vorinstanz erwähnte: Auch die Gesetzessprache verwendet die männliche Form geschlechtsneutral.

Für Wendt Nassall, den Anwalt von Marlies Krämer, greift das zu kurz: "Was im allgemeinen Sprachgebrauch passt, passt nicht in ein Vertragsverhältnis", sagte er. In Vertragstexten seien - im Gegensatz zur Gesetzessprache - geschlechtsspezifische oder neutrale Formulierungen nötig.

Dass in Texten so weit wie möglich nach Mann und Frau unterschieden wird, findet auch Reiner Hall richtig, der Anwalt der beklagten Sparkasse. Doch warum soll die Sparkasse korrekter sein als das Gesetz? "Das leuchtet mir überhaupt nicht ein."

Die Sparkasse befürchtet ein Platzproblem

Es sei das Wesen von Formularen, dass sie vielseitig verwendbar sind. Würde man jeweils nach Frau, Mann, Ehepaar oder sonstigen Gruppen unterscheiden, wäre das bei mehr als 800 verschiedenen Formularen für eine Sparkasse schon ein räumliches Problem. Zumal - abgesehen von Vertragsmustern - Kunden grundsätzlich geschlechtsspezifisch angesprochen werden, wie der Deutsche Sparkassen- und Giroverband betont.

Noch ist offen, wie und wann der BGH sein Urteil spricht. Würde Marlies Krämer vor dem BGH Recht bekommen, dann hätten mehr als 1600 Kreditinstitute in Deutschland ein Problem. Und viele andere Institutionen und Firmen auch, die der Einfachheit halber mit dem verallgemeinernden Maskulinum arbeiten.


ar / DPA