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Die Exorzisten von Hinwil: Als die "Foltersekte" die "Teufelshure" bestialisch zu Tode prügelte

Vor 50 Jahren fand in der Schweiz ein spektakulärer Prozess statt. Es ging um den Tod einer 17-Jährigen, die von Sektenmitgliedern zu Tode geprügelt worden war - die Brutalität der Tat schockiert bis heute.

Magdalena Kohler

Eine sadistische, religiöse Fanatikerin: Magdalena Kohler auf dem Weg in den Gerichtssaal

Imago

Im Januar 1969 fand in Zürich ein Strafprozess statt, der weit über die Landesgrenzen hinaus große Aufmerksamkeit erfuhr. Der Gerichtssaal war während des dreiwöchigen Prozesses täglich mit über 200 Zuschauern voll besetzt. Dutzende Journalisten berichteten von dem Fall. Vor dem Gerichtsgebäude wurden die Angeklagten, wenn die Polizei sie zur Verhandlung brachte, wüst beschimpft und bedroht. Was die Öffentlichkeit so schockierte, war die unglaubliche Brutalität des Verbrechens. Die sechs Angeklagten, alle Mitglieder einer christlichen Sekte, hatten die 17-jährige Bernadette Hasler mit einer Reitpeitsche, Spazierstöcken und Plastikrohren zu Tode geprügelt. Sie begründeten die Tat so: "Gott hat es so gewollt."

Die Öffentlichkeit lernt im Laufe des Prozesses, wie religiöser Wahn zu einer angeblichen Teufelsaustreibung führt, die doch nichts anderes ist als blanker Sadismus. Der Gerichtsmediziner sagt bei der Vorstellung des medizinischen Gutachtens, dass er "noch nie derartige Folgen einer Misshandlung" gesehen habe, schreibt die "Neue Zürcher Zeitung" in ihrer Erinnerung an den Fall.

Sektenführer ein exkommunizierter, katholischer Priester

Die Hauptangeklagten sind zwei Deutsche. Josef Stocker, zum Zeitpunkt des Prozesses 63 Jahre alt und Kopf der Sekte mit dem Namen "Internationale Familiengemeinschaft zur Förderung des Friedens", und Magdalena Kohler, 55, seine Assistentin und Lebenspartnerin. Neben den beiden sitzen vier weitere Sektenmitglieder auf der Anklagebank. Die sogenannten Jünger nennen Stocker "Heiliger Vater" und Kohler "Heilige Mutter".

Die beiden Deutschen sind religiöse Fanatiker, die sich kurz nach Kriegsende kennengelernt haben und seitdem durch Deutschland ziehen. Beide stammen aus dem strengreligiösen, katholischen Bauernmilieu. Früh schon fallen sie als Eiferer auf. Selbstkasteiung gehört für sie zum aufrechten Glauben, wenn es also sein muss, peitschen sie sich selbst mit Gürtel und Strick. Sie unternehmen Reisen in den Nahen Osten, Kohler nennt Stocker ihren "Seelenführer". Als sie die Bekanntschaft der Nonne Stella machen, gründen sie die Sekte. Das Besondere an Stella ist nämlich, dass sie - so behaupten es die Mitglieder zumindest - über einen Draht zu Jesus Christus verfügt, der ihr ca. 18.000 krude Heilsbotschaften diktiert. Stocker, der von der katholischen Kirche exkommuniziert worden ist, bringt die Botschaft fortan unter die Leute.

Ihr Geschäftsmodell: Sie prophezeien den Weltuntergang und sammeln Spenden für eine Arche Noah. Wer nicht spendet, wird mit Sicherheit sterben, erzählen sie den Leuten. In Singen in Baden-Württemberg errichten sie ein Kinderheim, in dem der Nachwuchs der Sektenmitglieder auf Linie gebracht wird. 1957 geraten sie in Schwierigkeiten, weil sich das Datum des von ihnen angekündigten Weltuntergangs als falsch erweist. Als herauskommt, dass sie die Spenden lieber ganz irdisch für Luxusgüter wie einen Mercedes 300 ausgeben, wird Anklage erhoben. Stocker, der gerne Sekt trinkt, und Kohler setzen sich in die Schweiz ab. Dort finden sie zunächst Unterschlupf beim Bauern Josef Hasler, dem Vater des späteren Opfers.

Exorzismus von Hinwil Bernadette

Bernadette Hasler (2.v.r.) gemeinsam mit ihrer Familie

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Sie leben abgeschieden, aber luxuriös

Sie richten sich in der Schweiz ein und leben abgeschieden, aber luxuriös. Die Sektenmitglieder halten sie mit einen harten Regime gefügig, sie müssen Eigenständigkeit und Privatleben aufgeben, Lohn und Erspartes landen beim "Heiligen Vater" und der "Heligen Mutter". Ab 1965 bewohnt die Sekte ein Chalet in Ringwil, dass Sektenmitglieder gekauft haben. Hier wird schließlich die 17-Jährige Bernadette den Tod finden.

Das Mädchen lebt bereits seit vier Jahren in dem Kinderheim in Deutschland. Dort habe sie sich aber "unmoralisch" verhalten und wird deshalb im April 1966 in die Schweiz gebracht. Sie soll Satan entsagen, von dem sie besessen sei. Die Sekte verbietet ihr Kontakt zu anderen Kindern, sie darf keine Geige mehr spielen. Stattdessen muss sie Selbstanklagen verfassen: "Ich liebe den Teufel. Er ist schön. Er besucht mich fast jede Nacht. Er ist viel besser als Gott", zitiert die "NZZ" aus einem der "Sündenbekentnisse", die damals vor Gericht vorgetragen wurden. Vier Wochen ist Bernadette in dem Chalet in Ringwil. Stocker und Kohler quälen sie immer wieder mit Schlägen und wiegeln die Anhänger gegen die "Teufelshure" auf.

Am Abend des 14. Mai sind vier Jünger bei den "heiligen Eltern" zu Besuch, vier Männer, drei davon sind Brüder. Sie sind alle um die 40 Jahre alt. Nach dem Abendessen wird Bernadette auf das Zimmer geschickt. Die Anwesenden stacheln sich offenbar gegenseitig an, die Wut auf die unzüchtige Bernadette steigert sich ins Unermessliche. Schließlich schreiten sie zur Tat und wollen Bernadette den Teufel austreiben. Eine Stunde prügeln sie auf das Mädchen ein. Im Prozess berichten die Angeklagten, wie das Mädchen unter den zahllosen Schlägen apathisch jammerte.

Ihre Peiniger rufen Jesus, Maria und den Heiligen Geist an oder schreien: "Weiche, du Satan!" Nachdem sie von ihr abgelassen haben, wird Bernadette vom Kot und Blut gereinigt und ins Bett gelegt. Dort stirbt sie Verlauf der Nacht. Im gerichtsmedizinische Gutachten heißt es später, dass die harten Schläge das Unterhautgewebe des Mädchens zertrümmert und weitgehend verflüssigt haben, was zum Tod durch eine Fettembolie der Lungen führte. Neben dem Rücken und Po weist auch der Genitalbereich zahlreiche Verletzungen auf.

Exorzismus von Hinwil Bernadette

Sektenführer Josef Stocker

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Kohler wird erneut einen Menschen töten

Die Sektenmitglieder schaffen die Leiche am nächsten Morgen schnell weg, um ja keinen Verdacht auf die "heiligen Eltern" zu lenken, und bringen sie zu einem der Tatbeteiligten. Als der Arzt dort die Leiche untersucht, schöpft er schnell Verdacht und meldet den Fall der Polizei. Weil der Vater von Bernadette nach dem Tot seiner Tochter mit der Sekte bricht und aussagt, können die Ermittler die Täter festnehmen. Drei Jahre später startet der spektakuläre Prozess. Stocker und Kohler werden zu jeweils zehn Jahren Gefängnis verurteilt, die Mittäter erhalten dreieinhalb bis vier Jahre Haft.

Kohler geht nach ihrer Haft zurück nach Deutschland. Als 73-Jährige wird sie wieder einen Menschen durch eine sogenannte Teufelsaustreibung töten, diesmal ist das Opfer eine 66-jährige Frau. Das Gericht verurteilt die "Heilige Mutter" zu sechs Jahren Haft und der Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik.

Quellen: "Neue Zürcher Zeitung", "Der Spiegel", "Die Zeit", "Limmathaler Zeitung"

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tis