Das Wort „Longevity“ ist in aller Munde. Die Menschen wollen bei bester Gesundheit so alt wie möglich werden. Spezialisierte Praxen bieten Tests für mehrere Tausend Euro an, um zu erfahren: Bin ich gesund – oder schlummert irgendwo in meinem Körper eine Krankheit? Bluthochdruck, Diabetes, chronische Herz- und Gefäßerkrankungen, Rheuma, Krebs im Frühstadium. Angeboten werden Ganzkörper-Kernspin-Aufnahmen, umfangreiche Laboruntersuchungen, Leistungs- und Langzeit-EKGs und so einiges mehr.
Gegen solche Versuchungen bin ich eigentlich immun. Doch ich trage eine Smartwatch. Und diese intelligenten Uhren vermessen nicht nur unsere Fitness-Aktivitäten, sondern auch, wie gesund wir sind. Ganz global gesehen. Oder sie versuchen das zumindest. Sind demzufolge all die teuren Untersuchungen einzelner Organe und des Bluts für Gesunde überflüssig?
Mir jedenfalls legte meine Smartwatch nahe: Hoppla, ich muss schwer krank sein, spüre das nur noch nicht. Ja, sogar mein Sterberisiko sei deutlich erhöht. So kam ich in den Genuss eines professionellen Gesundheits-Checks - und verstehe meine Uhr nun viel besser.
Wie Herzschlag und Krankheit zusammenhängen
Mein hohes Krankheitsrisiko folgerte ich aus einem Messwert, der die Regelmäßigkeit meines Herzschlags bestimmt. Als ausgebildeter Arzt weiß ich: In der Forschung ist längst anerkannt, dass dieser Messwert weitreichende Schlussfolgerungen über den Gesundheitszustand und das Sterberisiko von Menschen erlaubt. Die Rede ist von der „Herzfrequenzvariabilität“, kurz „HRV“.
Um die HRV zu bestimmen, werden die zeitlichen Abstände zwischen den Herzschlägen gemessen. Sie sind ein Indikator für die Fähigkeit des Körpers, den Herzschlag körperlichen und mentalen Anforderungen anzupassen. Variieren die zeitlichen Abstände stark, sind wir wahrscheinlich gesund. Variieren sie wenig, stimmt etwas nicht.
Zahlreiche Untersuchungen belegen diesen Zusammenhang. Ein Münchner Forscherteam analysierte rückblickend die EKG-Daten von 823 zufällig aus dem Telefonbuch ausgewählten Probanden aus einer Bevölkerungsstudie. Sie wurden seit mehr als 25 Jahren in regelmäßigen Zeitabständen klinisch untersucht. Unter denjenigen mit hohen HRV-Werten waren etwa vier von fünf noch am Leben, während jeder zweite mit schlechten Werten schon tot war.
Ein deutlich höheres Sterberisiko für Menschen mit niedriger HRV zeigte sich auch bei einer rückblickenden Analyse: Dabei wurden Daten von knapp 6000 Patienten ausgewertet, die in der Notaufnahme der Uniklinik Tübingen während eines Zeitraums von etwas mehr als einem Jahr aus verschiedensten Gründen ein EKG erhalten hatten.Ergebnis: Herzinfarktpatienten mit schlechten HRV-Werten starben häufiger in der Folgezeit als solche mit guten Werten.
Die HRV ist außerdem bei Menschen mit Demenz, Parkinson oder Multipler Sklerose erniedrigt. Oder bei Patienten, die an einem schlecht behandelten Diabetes leiden. Bei Krebspatienten liefert die HRV ergänzende Hinweise darauf, wie gut es um die Überlebenschancen steht. Möglicherweise kann man mithilfe der HRV sogar vorhersagen, ob ein Koma-Patient erwachen wird oder nicht, sagte mir ein Koma-Spezialist, der das Verfahren routinemäßig in seiner Klinik anwandte.
Kurz: Mit einer Bestimmung der HRV lassen sich globalere Aussagen über unseren Gesundheitszustand treffen als mit all den teuren Untersuchungen in Longevity-Praxen.
Was Smartwatches über das Herz verraten
Meine Premium-Smartwatch belegt einen Spitzenplatz bei Stiftung Warentest, gelobt werden der präzise Pulsmesser und der Schrittzähler. Ein Sensor am Handgelenk erfasst die Werte.
Die Uhr misst auch einige interessante Gesundheitsfunktionen. Zum Beispiel kann man mit ihrer Hilfe angeblich Bluthochdruck entdecken.
Kardiologinnen sind zudem begeistert, dass sie eine häufige Herzrhythmusstörung erfasst. Das „Vorhofflimmern.“ Es ist einer der Hauptrisikofaktoren für Schlaganfälle. „In 70 bis 80 Prozent der Fälle stimmt der Verdacht“, sagt die Spezialistin für Herzrhythmusstörungen Isabel Deisenhofer vom Deutschen Herzzentrum München. Für sie ist das „ein Geschenk des Himmels“. Vorhofflimmern tritt sporadisch auf, bisher brauchte man viele EKG-Messungen und Glück, um den aus dem Takt geratenen Herzrhythmus zu entdecken. Außerdem misst meine Uhr eben auch die HRV-Werte.
Was stimmt nicht mit meinem Herz?
Doch hier beginnt der ungute Teil meiner Geschichte. Meine HRV nämlich schien nahezu dauerhaft schlecht zu sein. Ich wurde nervös. Die Skala auf meinem Handydisplay reichte bis etwa 150 Millisekunden, meine Kurve aber krebste meist ganz unten, im Bereich von unter 50 Millisekunden.
Ich suchte nach Fachartikeln, befragte die KI und fand heraus, dass es zwar nicht „den einen“ unteren Grenzwert für eine gesunde HRV gebe, dass aber in einem bewährten Messverfahren (SDNN) ein Wert von unter 50 Millisekunden als „deutlich erniedrigt“ gilt. Wenn zum Beispiel Herzinfarktpatienten unterhalb dieses Werts lagen, hatten sie ein deutlich erhöhtes Sterberisiko.
Moment mal! Ich hatte keinen Herzinfarkt. Und ich fühlte mich gut. Was also war los mit mir? In die zwei Monate der Unruhe fielen Urlaubstage, an denen ich mich entspannte und mich viel bewegte. An anderen Tagen saß ich den ganzen Tag am Schreibtisch, aß ungesund, hatte beruflichen und privaten Stress. Manchmal schlief ich mehrere Tage schlecht, dann wieder mehr als zwei Wochen durchgehend gut. Meiner Uhr war das egal. Die Kurve blieb unten.
Hier wäre diese Geschichte normalerweise zu Ende. Obwohl der Zusammenhang zwischen Krankheitsrisiken und HRV wissenschaftlich anerkannt ist, bieten weder Allgemeinärzte noch niedergelassene Kardiologinnen ihre Messung an. Ich würde fortan mit dem Gefühl leben, dass irgendwas nicht stimmt mit meinem Herzen.
Beim Herzrhythmus-Spezialisten
Zum Glück arbeitet an meinem Wohnort München am Uniklinikum Rechts der Isar ein weltweit anerkannter Kardiologe und Spezialist für Herzrhythmusstörungen: Georg Schmidt. Seit vielen Jahren erforscht er die Herzfrequenzvariabilität und hat bahnbrechende Arbeiten veröffentlicht.
Auf meine E-Mail antwortete er sofort. Schmidt kämpft schon lange dafür, dass die Erkenntnisse seines Teams Eingang finden in die Kardiologie-Leitlinien, erzählt er mir später Interview. Ihm schwebe vor, dass die HRV-Messung per EKG ein Routinetest in der Hausarztpraxis werde: „Das braucht fünf Minuten. Jeder im Alter von 60 Jahren sollte so einen Checkup machen lassen.“
Man wisse - basierend auf der Statistik - dass sich unter ihnen zwar noch viele fit und gesund fühlten, aber bald schwere gesundheitliche Probleme bekommen würden. Die HRV ermögliche, sie früh zu erkennen. Zwar verrieten schlechte Messwerte einem Arzt nicht, woran genau ein Patient leide, aber sie seien ein Warnsignal: „Es ist wie bei einer Ampel: Grün, gelb, rot. Die Messwerte fordern uns auf: Sei ein guter Arzt. Kümmere dich um diejenigen im roten Bereich, sie brauchen ärztliche Hilfe. Und lass die im grünen Bereich in Ruhe.”
Das Herz verrät viel über unser Nervensystem
Im Rhythmus unseres Herzschlags sind also überlebenswichtige Informationen verschlüsselt. Schmidt und sein Team haben sie decodiert. Sie lesen EKGs anders als niedergelassene Kardiologen. Der Abstand zwischen den Herzschlägen erzählt ihnen, wie flexibel das autonome Nervensystem funktioniert, das viele Organfunktionen von der Leber über die Bauchspeicheldrüse, die Nieren bis hin zu den Schweißdrüsen steuert – und zwar über zwei Gegenspieler, dem Sympathikus und dem Parasympathikus, die je nach Anforderungen an uns hoch- oder runtergeregelt werden.
Der Sympathikus wird aktiviert, wenn wir Leistung bringen, angreifen oder fliehen müssen – dann beschleunigt sich der Herzschlag, die Blutgefäße verengen sich, die Muskeln werden stärker durchblutet, die Zellen setzen Glucose frei, damit wir Energie haben. Der Parasympathikus ist aktiv, wenn wir uns entspannen – die Funktion der inneren Organe und Verdauung wird angekurbelt, der Puls verlangsamt sich.
Dieses autonome Nervensystem hält alle Körperfunktionen in einem Gleichgewicht, immer mit dem Ziel einer Optimierung der Überlebenschancen. „Im Extremfall, wenn jemand nach einem Unfall viel Blut verliert, sinkt der Blutdruck dramatisch ab, das Herz versucht diesen Verlust durch einen maximalen Anstieg der Herzfrequenz zu kompensieren“, sagt Schmidt.
Zurück zum Alltag – da verrät die HRV, wie unser Herz für Krisenfälle gewappnet ist: „Wenn die Reflexe unseres autonomen Nervensystems, die den Herzschlag steuern, geschwächt sind, dann ist das meistens ein Ausdruck dafür, dass das Gesamtsystem so an die Kante gefahren wurde, dass die Kompensationsmöglichkeiten nicht mehr da sind“, sagt Schmidt.
Wie Kardiologen die HRV messen
Schmidt misst die HRV im Zusammenspiel mit der Atmung und dem Blutdruck, die sie direkt beeinflussen. Immer wenn wir einatmen, wird der Sympathikus aktiviert, der Puls beschleunigt sich. Wenn wir ausatmen, wird er langsamer, der Parasympathikus ist aktiv. Immer wenn der Blutdruck steigt, verlangsamt sich der Puls. Fällt er ab, beschleunigt sich der Puls.
Manchmal entsteht ein Extra-Herzschlag außerhalb des normalen Herzrhythmus. Das autonome Nervensystem reagiert sofort, der Herzschlag von Gesunden beschleunigt sich zunächst, schnell aber kehrt das Herz zum alten Rhythmus zurück.
Wenn das autonome Nervensystem intakt ist, reagiert der Herzschlag auf die etwa 15 Atemzüge pro Minute und auf den Blutdruck, der in jeder Minute etwa vier Mal periodisch schwankt. Dabei wird der Parasympathikus immer wieder vorübergehend aktiviert, wodurch der Herzschlag verlangsamt wird. Wie stark diese Verlangsamung ausgeprägt ist, dafür hat Schmidt ein Messverfahren entwickelt: Es misst die „Abbremsfähigkeit“ des Herzens. Bei Gesunden liegt sie im Bereich von mehr als 4,5 Millisekunden. Ist sie schlecht – bei Werten unterhalb von 2,5 Millisekunden – dann liegt bei den Betroffenen in der Regel ein schwereres Gesundheitsproblem vor.
Hat meine Smartwatch recht - bin ich krank?
Die Werte bewegen sich in einer ganz anderen Dimension als diejenigen auf meiner Smartwatch, wo die Skala bis 150 Millisekunden reicht. Sie haben auch nichts miteinander zu tun, erklärt Schmidt. Es gebe viele Methoden, die Herzfrequenzvariabilität zu berechnen. „Mit der Abbremsfähigkeit des Herzens aber fallen alle externen Einflussfaktoren weg, zum Beispiel Stress oder die Belastung beim Treppensteigen. Man betrachtet das autonome Nervensystem sozusagen im Ruhezustand.“
Aber was ist denn nun mit meinem grottenschlechten HRV-Wert auf der Smartwatch? Muss ich Angst haben? Schmidts Kollege Eimo Martens wird zu Rate gezogen, Oberarzt und Beauftragter der Klinik für „Device Therapie“. Martens arbeitet mit mehreren Smartwatch-Herstellern zusammen, um die Messalgorithmen in den Chips zu verbessern. „Da steckt viel Potenzial drin“, sagt er. „Aber nicht jede Smartwatch ist für jeden geeignet.“ Man müsse genau wissen, für welche Zwecke man sie brauche. Meine Uhr sei eher für Sport und Lifestyle gut, weniger für medizinische Zwecke. Da gebe es andere Marken, die zuverlässiger das messen, was Kardiologen wissen wollen – auch die HRV.
Wir vereinbaren einen Herz-Checkup, ich bin ohnehin im richtigen Alter. Solche Checkups stehen möglicherweise schon bald gesetzlich Versicherten als Früherkennungsuntersuchungen zu, ein „Gesundes Herz Gesetz“ befindet sich aktuell in der Prüfung durch den Bundestag. Mitgebracht habe ich die Ergebnisse einer Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße, wo alles in Ordnung ist - keine Arteriosklerose. Am Klinikum bekomme ich eine Ultraschall-Untersuchung des Herzens, kein auffälliger Befund. An den kommenden zwei Tagen trage ich unter dem Hemd ein Langzeit-EKG, dazu eine Oberarm-Manschette für die Langzeit-Blutdruckmessung. Ach ja, das hatte ich noch gar nicht erwähnt: Meine Smartwatch hatte mich auch zum Bluthochdruck-Patienten gestempelt. Nur Vorhofflimmern hatte sie zum Glück nicht entdeckt. Meine Nervosität steigt.
Drei Tage später in Schmidts Besprechungszimmer. Schmidt holt zu langen Erklärungen aus, zeigt viele Studien, führt uns auch zurück in die Zeit der Entdeckung der klinischen Bedeutung der Herzfrequenzvariabilität in den 80er Jahren. Nach einer Stunde habe ich begriffen: Alles ist in bester Ordnung. Meine „Abbremsfähigkeit“ ähnelt derjenigen von jungen Medizinstudierenden, die Schmidt gelegentlich testet. Mit über 9 Millisekunden ist sie doppelt so hoch wie der untere Grenzwert einer gesunden Herzfunktion. Auch habe ich keinen Bluthochdruck, die Smartwatch hatte unrecht. Das Langzeit-EKG zeigt kein Vorhofflimmern, aber manchmal einige Extraschläge im Vorhof des Herzens. „Auch das ist normal für Gesunde“, sagt Schmidt.
Aber was ist dann mit den komischen Werten meiner Smartwatch, will ich wissen. „Mein dringender Rat: Nicht weiter beachten!“ Es sei nicht klar, was diesen Messungen zugrunde liege. Jedenfalls bräuchte ich mir keine Sorgen zu machen.
Fazit zu Smartwatches und Gesundheit
Ich bin beruhigt, aber auch enttäuscht über meine Hightech-Uhr. So gut im Testurteil, so präzise in der Pulsmessung – und doch hätte sie bei mir über kurz oder lang möglicherweise einen „Nocebo-Effekt“ ausgelöst. Der besagt, dass allein schon negative Erwartungen und Befürchtungen dazu führen können, dass Menschen Beschwerden und Symptome entwickeln.
Das ist die große Gefahr dieser Uhren. Sie gaukeln Präzision vor, wo es noch keine gibt. Und wir lassen uns davon kirre machen – so wie auch meine Kollegin Alexandra Kraft, die kürzlich berichtete, wie sehr ihr die erbarmungslose Messung ihrer Schlafqualität durch die Smartwatch zusetzte.
Zwar sind sich viele Wissenschaftler einig, dass den sogenannten „Wearables“ (der Oberbegriff, unter den Smartwatches fallen) für die Überwachung unserer Gesundheit die Zukunft gehört, aber noch sind wir längst nicht soweit. Heute müsste man sie mit einem Warnhinweis versehen: „Für Hypochonder ungeeignet.“