Archaische Wertemuster Mord im Namen der Ehre


Brüder ermorden ihre Schwestern, Väter ihre Töchter - "Ehrenmorde" ereignen sich auch in Deutschland, genaue Zahlen gibt es aber nicht. Wer aus Familien mit archaischen Wertemustern ausbrechen will, hat nur eine Wahl.

Die Schüsse fallen am 7. Februar, abends gegen 21.00 Uhr an einer einsamen Bushaltestelle. Ein Telefonanruf hat die allein erziehende Mutter auf die Straße gelockt. Von mehreren Kugeln aus nächster Nähe getroffen, hat Hatin Sürücü keine Überlebenschance. Die 23-Jährige stirbt noch am Tatort auf dem eisigen Pflaster im Berliner Stadtteil Tempelhof. Mittlerweile sitzen drei ihrer Brüder in Untersuchungshaft. Das Trio im Alter von 18 bis 25 Jahren bestreitet nach den Worten des Berliner Justizsprechers Michael Grunwald jede Schuld. Doch die Ermittler haben einen schrecklichen Verdacht: Vermutlich haben sie es - wieder einmal - mit einem so genannten Ehrenmord zu tun.

Tod im Kugelhagel

Die junge Frau türkisch-kurdischer Herkunft mit deutschem Pass könnte kaltblütig umgebracht worden sein, weil ihre Angehörigen in ihrem freien Lebensstil eine Beschmutzung der Familienehre sahen. Ihr Fall wäre nicht der erste in Deutschland. In Kassel etwa stehen seit vergangenem Dezember drei 16 bis 24 Jahre alte Türken vor Gericht. Sie sollen einen Mordanschlag auf eine schwangere Schwester und ihren Lebensgefährten verübt haben. Das Paar war aus Furcht in Brandenburg untergetaucht. Der 25-jährige Mann überlebte den Kugelhagel nicht.

Genaue Zahlen zu diesen Delikten gibt es nach Auskunft des Bundeskriminalamtes (BKA) in Wiesbaden nicht. Aber der Berliner Krisendienst Papatya, der sich um junge Migrantinnen kümmert, hat kürzlich eine Studie veröffentlicht. Sie basiert auf Polizeimeldungen und Prozessberichten in der Presse. Danach gab es zwischen 1996 und Juli 2004 in der Bundesrepublik etwa 40 "Ehrenmorde" und Mordversuche im Namen der Ehre. Morde aus enttäuschter Liebe sind dort allerdings nicht mit eingerechnet.

Die UN-Menschenrechtskommission geht von weltweit etwa 5000 Frauen aus, die Jahr für Jahr zumeist in islamischen Ländern barbarischen Ehrgesetzen zum Opfer fallen. In der Türkei etwa, aber auch in Jordanien oder Pakistan können die Täter für ihr mörderisches Tun vor den Gerichten sogar einen Strafnachlass erwarten. Dies soll sich zumindest in der Türkei ändern, wenn dort zum 1. April eine Strafrechtsreform in Kraft tritt, mit der Ankara Hindernisse auf dem Weg in die Europäische Union beseitigen will.

Hatin Sürücü war mit fünf Brüdern und drei Schwestern in Berlin aufgewachsen. Zwangsheirat ist unter türkischen Mädchen kein seltenes Schicksal. Auch Hatin Sürücü hatte als 15-Jährige in Istanbul einen Cousin heiraten müssen, sich aber später scheiden lassen. Mit einem zweiten Ehemann in Berlin soll sie nur kurz zusammengelebt haben. An der Spree hatte sie nach ihrer Rückkehr aus der Türkei ihren Schulabschluss nachgeholt, hatte eine eigene Wohnung und eine Ausbildung als Elektroinstallateurin begonnen. Sie galt als lebenslustig und ging gerne aus. Das muslimische Kopftuch hatte sie abgelegt.

Namens- und Wohnortwechsel empfohlen

Einer ihrer Brüder soll Hatin Sürücü schon vor Monaten bedroht haben. Hatte die 23-Jährige vielleicht Alarmsignale in ihrer Familie nicht erkannt? Was können Mädchen und Frauen in Deutschland tun, wenn sie aus einer islamischen Familie mit archaischen Wertemustern ausbrechen wollen und Gewalttätigkeiten drohen? Myria Böhmecke von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes in Tübingen rät dringend: "Sie müssen sofort den Namen und das Bundesland wechseln. Sie dürfen keinen Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen und sicherheitshalber auch nicht mehr bei der Lieblingsschwester Trost suchen, auch nicht telefonisch."

Böhmecke leitet die im vergangenen November gestartete Terre des Femmes-Kampagne "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre". Nach ihrer Ansicht sollten gefährdete Mädchen und Frauen in jedem Fall professionelle Hilfe von Kriseneinrichtungen in Anspruch nehmen, die teils auch über geheime Wohnungen verfügen. Die Helfer würden ihren Schützlingen auch bei den notwendigen Behördengängen beistehen. "Es muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden", sagt Böhmecke.

Vielleicht steuert der Brandbrief eines Berliner Schulleiters dazu bei. In einem Offenen Brief an alle Schüler, Eltern und das Lehrerkollegium der Thomas-Morus-Oberschule im sozialen Brennpunkt Neukölln geißelte jetzt Direktor Volker Steffens, dass der Mord an Hatin Sürücü von mehreren türkischen Schülern gutgeheißen wurde und kündigte Konsequenzen an.

Harald Rohde/DPA DPA

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