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Architektur gegen die Obdachlosen Der Stachelkrieg von London

Architektur gegen die Obdachlosen: Der Stachelkrieg von London
Metalldornen verjagen Obdachlose in London - die ganze Welt regt sich auf. Dabei ist die Vertreibung von Obdachlosen längst weltweit etabliert.
Ein Kommentar von Gernot Kramper

In London hat ein Appartementblock für Wohlhabende die Empörung des ganzen Landes auf sich gezogen. Um zu verhindern, dass sich Obdachlose an einem überdachten Fleckchen beim Eingang einnisten, wurden martialisch aussehende Spikes in die Bodenplatten geschraubt. Jetzt könnte dort nur ein Fakir ruhen. Nachdem Andrew Horton die Metalldornen gefilmt und getwittert hat, kochte die Aufregung hoch. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson schaltete sich ein, eine Petition setzt sich für die Abrüstung des Hauseingangs ein.

Der Block an der Southwark Bridge Road eignet sich gut als Hassobjekt, ein kleines Appartement kostet dort über 500.000 Pfund. Und die Vermutung, die Stacheln seien gegen unliebsame Schläfer gerichtet, stimmt: Ein Anwohner sagte der Zeitung Telegraph: "Ein Obdachloser hat da immer geschlafen. Dann vor etwa zwei Wochen waren auf einmal die Dornen da. Ich nehme schon an, um so die Obdachlosen zu vertreiben."

Die Aufregung ist ebenso verständlich wie wohlfeil. Anti-Obdachlosen-Maßnahmen sind gang und gäbe - überall. In Deutschland wurden die traditionellen Bänke an den Stationen von Bus und Bahn schon längst gehen Konstruktionen ausgetauscht, auf denen man zwar sitzen, aber garantiert nicht schlafen kann. In anderen Ländern wurden die überdachten Bereiche unter Straßenüberführungen mit Beton-Pyramiden versehen, die zuverlässig Falschparken und "Falschliegen" verhindern. Die Londoner Dornen, die an ein Soda-Maso-Studio erinnern, fallen nur durch ihre martialische Optik auf. Weit populärer sind die Anti-Tauben-Stacheln in England - sie sehen nicht so böse aus, richten sich gegen die Ratten der Lüfte. Auf jedem Sims, auf dem sie installiert sind, kann sich garantiert kein Obdachloser mehr hinsetzen.

Beim Londoner Bürgermeister zeigt sich das Dilemma. Die Dornen am Appartement nannte er "brutal" und "widerlich". Inzwischen hagelt es Tweets auf denen man die gleichen Bollwerke an den Londoner öffentlichen Einrichtungen sehen kann, für die der Bürgermeister verantwortlich ist.

Die Herausforderung liegt darin, die böse Absicht geschickt zu verschleiern. Clevere Architekten planen die Gebäude gleich mit Abwehrtechnik. Schräge Böden wirken verspielter als Metallstachel, erfüllen aber den gleichen Zweck. Die Anti-Homeless-Architektur kann man mit einigem Recht zu den großen städtebaulichen Innovationen der letzten 20 Jahre zählen. Der Guardian erinnerte daran, dass diese Abwehr-Architektur bereits Künstler auf den Plan rief. Sarah Ross stellte einen "archisuit" vor, einen Schutzanzug, der vor Stacheln und Dornen schützt. Fabian Bransing wollte den Trend ironisch kommentieren. Der Künstler stellte eine Parkbank vor, die erst nach Münzeinwurf ihre eisernen Stacheln für eine gewisse Zeit zurückfuhr. Die erschreckende Folge: Chinesische Beamte sahen das Potenzial in dem Kunstwerk. Seitdem wird die Dornenbank in China produziert und aufgestellt.

Das Erfolg der Online-Petition ist vorhersehbar: Die Hausverwaltung wird sich für den unsensiblen Missgriff entschuldigen und die Dornen entfernen. Der Hausmeister bekommt einen Rüffel. Alle sind erleichtert, weil das Gute dank Twitter mal wieder siegt. In spätestens drei Monaten wird ein massiver Blumenkübel oder ein Mülleimer an der gleichen Stelle installiert. Auch dann ist der potentielle Schlafplatz verschwunden. Es sieht nur nicht mehr so brutal aus.


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