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Was geschah mit Birgit Ameis?: Eine Frau verschwindet

Und es gibt keine Spur. Nichts. Die Ermittler werden dennoch nicht aufgeben. Denn sie gehen von einem Verbrechen aus.

Von Anette Lache

Die selbst gehäkelte Mütze von Birgit Ameis (r.). Die Polizei fand sie im Auto der Vermissten

Die selbst gehäkelte Mütze von Birgit Ameis (r.). Die Polizei fand sie im Auto der Vermissten

Auf den roten Schubladenboxen im Regal stehen die Namen der Mitarbeiter. Das Postfach von Birgit Ameis ist leer, lange schon. An die Pinnwand haben die Kollegen einen Artikel aus der Lokalzeitung geheftet: "Birgit Ameis bleibt verschwunden". Ein Foto zeigt ihre selbst gehäkelte Pudelmütze mit dem Pompon in den französischen Nationalfarben. Das andere zeigt sie. Der Ausriss ist vom Mai 2015.

Bernd Kreuter, Chef der Mordkommission in Koblenz, steht wieder einmal am Arbeitsplatz von Birgit Ameis am Flughafen Hahn. Neben ihrem blauen Bürostuhl, mit freiem Blick auf Hunsrück und Himmel. Der Deutsche Wetterdienst hat sein Büro im dritten Stockwerk des Towers, nur die Fluglotsen sitzen höher. Seit mehr als 500 Tagen suchen Kreuter und seine Leute nun schon nach Birgit Ameis. Aber sie bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

Kein Motiv, keine Spur

Sonst nennt Kreuter, der seit 23 Jahren bei der Mordkommission ist, seine Kriminalfälle nicht "mysteriös" , aber an diesem Tag verwendet er das Adjektiv gleich viermal. "Wir haben nichts", sagt er. "Kein Motiv, keine Spur - trotz intensiver Ermittlungsarbeit über viele Monate."

Lothar Schenk (3.v.l.) und Bernd Kreuter leiten die "Soko Hahn". Kreuter nennt den Fall "mysteriös"

Lothar Schenk (3.v.l.) und Bernd Kreuter leiten die "Soko Hahn". Kreuter nennt den Fall "mysteriös"

Birgit Ameis' letzter Dienst vor ihrem Verschwinden verlief so unspektakulär wie ihr 54-jähriges Leben. Die Beamtin des Deutschen Wetterdienstes gab in der Nacht vom 3. auf den 4. April 2015 wie immer halbstündlich die aktuellen Wetterdaten an die Zentrale in Offenbach weiter: Sichtweite, Wolken, Niederschlag, Temperatur, Luftdruck. Birgit Ameis mochte ihren Logenplatz im Tower. Während der Tagschicht konnte sie von morgens bis abends die Ferienflieger starten sehen.

Kein Abschiedsbrief, nur letzte Ostergrüße

Der Dienst von Karfreitag auf Karsamstag war ihr zweiter in dieser Woche. Wäre alles gelaufen wie immer, hätte sie sich nach der Zwölf-Stunden-Schicht in ihrem Quartier auf dem Flughafengelände, im Gebäude 669, ein wenig ausgeruht und wäre dann nach Hause gefahren, ins 170 Kilometer entfernte Lohmar, zu ihrem Mann.

Zwei- bis dreimal die Woche übernachtete Birgit Ameis in einem Apartmentgebäude auf dem Gelände des Flughafens Hahn

Zwei- bis dreimal die Woche übernachtete Birgit Ameis in einem Apartmentgebäude auf dem Gelände des Flughafens Hahn

Zwei- bis dreimal die Woche übernachtete sie am Flughafen. Zwischen den Tag- und Nachtschichten zu pendeln wäre zu anstrengend gewesen. Am Ostersonntag wollte sie mit ihrem Mann und den drei erwachsenen Kindern im Garten grillen, obwohl es dafür eigentlich noch zu kalt war. Auch für den Ostermontag hatte sie Pläne: Walken am heimatlichen Stallberg. Das hatte sie einer Freundin kurz vor Schicht ende in einer Mail geschrieben, 5.56 Uhr, Betreff "Ostergrüße". Am Ende: "Liebe Grüße, Birgit".

Doch an diesem Samstagmorgen war nichts wie immer. Birgit Ameis verschwand. Es gibt keinen Abschiedsbrief, nur diese letzten Ostergrüße.

Polizei geht von Tötungsdelikt aus

"Für einen Suizid oder einen Unglücksfall spricht nichts", sagt Bernd Kreuter. "Birgit Ameis ist auch nicht in ein Flugzeug gestiegen, weder mit echten noch mit falschen Papieren. Und nichts deutet darauf hin, dass sie aus freien Stücken untergetaucht ist. Wir gingen schnell von einem Tötungsdelikt aus."

Eine Woche nach der Vermisstenanzeige durch die Familie hatte das K11 in Koblenz den Fall von der örtlichen Polizei übernommen und die "Soko Hahn" gegründet, mit Bernd Kreuter und Lothar Schenk an der Spitze eines 40-köpfigen Teams. Vier mögliche Tatorte standen im Fokus der Ermittler: der Tower, das Apartment im Gebäude 669, ein kleiner Parkplatz neben dem Gebäude und ein Areal hinter dem Gemeindehaus im nahegelegenen Ortskern des Dorfes Lautzenhausen.

Arbeitsplatz gleicht Hochsicherheitstrakt

DER TOWER Die bunte Bemalung täuscht: Der Tower gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Alle Mitarbeiter, die im inneren Bereich des Flughafens arbeiten, müssen durch die Sicherheitstür des Towers. Mit einem Chip loggen sie sich ein und werden registriert. Die Ermittler ließen sich die Zugangsprotokolle geben. Sie überprüften knapp 100 Männer und Frauen, die zwischen Freitagabend und Samstagnachmittag Dienst taten.

Birgit Ameis arbeitete im Tower des Flughafens Hahn im Hunsrück

Birgit Ameis arbeitete im Tower des Flughafens Hahn im Hunsrück

Unter ihnen: der Bruder von Birgit Ameis. Er arbeitete damals ebenfalls beim Deutschen Wetterdienst am Hahn. Er war es, der sie am Ostersamstag kurz vor sieben Uhr ablöste. Die Geschwister unterhielten sich noch fast eine Dreiviertelstunde: über die Familie, den Job, ein gemeinsames Geschenk für ein Neugeborenes in der Verwandtschaft. Sie war wie immer, sagte er aus. Unaufgeregt, locker. Keinesfalls auf dem Sprung zu einer Verabredung, nicht in Eile.

Lebensbejahend, ruhig und zuverlässig

"Wir haben alle, die im Tower arbeiten, gezielt vernommen, zu ihren Alibis befragt, zu ihren Beobachtungen im Treppenhaus, im Flur, vor dem Tower", sagt Lothar Schenk. "Wir wollten wissen, ob sie Birgit Ameis kennen, ob sie Berührungspunkte mit ihr gehabt haben, was sie von anderen gehört haben. Und natürlich haben wir auch den Bruder von Birgit Ameis befragt. Am Ende sprach nichts dafür, dass einer von dort etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat."

Lebensbejahend, ruhig, zuverlässig, rational, bodenständig, das war das Bild, das die Kripobeamten nach den Befragungen von Birgit Ameis bekamen. "Es gab keine Ausreißer in den Beschreibungen", sagt Lothar Schenk. "Sie hatte mit niemandem Streit, es schilderte sie niemand als schwermütig oder depressiv."

Kein Hinweis auf einen Kampf

Zuvor war der Tower von den Leuten des K11 bis in den letzten Hohlraum durchsucht worden. Polizisten waren mit Personensuch- und Fährtenhunden auf jeder Etage. Es gab Stellen, an denen die Tiere anzeigten, doch die Spurensicherung brachte keine Erkenntnisse: kein Hinweis auf einen Kampf, kein Blut, kein Knopf, kein abgebrochener Fingernagel, keine Schleifspuren.

Eine Flughafenmitarbeiterin will Birgit Ameis gesehen haben: gegen acht Uhr, in der Flughafenhalle, auf Höhe des Back-Shops. Allerdings war sie die Einzige. Und Bildbelege gibt es keine: Als das K11 den Fall übernahm, waren sämtliche Aufnahmen der Überwachungskameras vom Morgen des 4. April bereits gelöscht.

Ging Birgit Ameis zu Gebäude 669?

"Deshalb können wir den Tower auch nicht endgültig als Tatort ausschließen, auch wenn wir keine Indizien haben, dass Birgit Ameis hier etwas passiert ist", sagt Bernd Kreuter.

GEBÄUDE 669 Kreuter und Schenk gehen durch die kleine Halle des Regionalflughafens, vorbei an Shops und Abfertigungsschaltern. Sie nehmen den Ausgang in der Mitte und laufen über einen Parkplatz bis zur Unterkunft von Birgit Ameis im Gebäude 669. 700 Meter sind es auf diesem Weg zu ihrem Quartier. "Sie hätte auch vom Tower aus direkt über einen der Langzeitparkplätze laufen können", sagt Schenk. "Aber beim Weg durch die Halle wäre sie zumindest für einige Minuten im Trockenen gewesen."

Denn der Tag, an dem Birgit Ameis verschwand, war ungemütlich, Temperaturen um den Gefrierpunkt, Graupelschauer. Der Frühling ließ auf sich warten, der Hunsrück wirkte noch düsterer als sonst.

Zweckmäßig und trist

Das Apartment, das der Deutsche Wetterdienst für seine Mitarbeiter angemietet hat, liegt im Erdgeschoss, Nummer 104. Linoleumboden, ein schmales Bett, ein grauer Schreibtisch, zwei blaue Bürostühle, eine Küchenzeile, ein winziges Bad. Zweckmäßig. Und trist.

Mit Tatortleuchten wurde es komplett abgesucht. Das Bettzeug wurde sichergestellt und auf DNA, Blut, Sekrete untersucht. Nichts Auffälliges. Keine Schleifspuren auf dem Linoleum, niemand hatte hier übergründlich geputzt. Die Dusche, das Waschbecken, der Siphon: kein Hinweis darauf, dass sich hier jemand Blut abgewaschen hat. Ein Handykabel wurde von Kriminaltechnikern inspiziert: Ist es als Drossel- oder Fesselwerkzeug benutzt worden? Es wies nur normale Gebrauchsspuren auf.

Ein unheimliches Haus

Das Gebäude 669 ist ein heruntergekommener Betonklotz. Die Gewerkschaft Verdi hat im zweiten Stockwerk ihr Büro, um Ostern 2015 lebten hier für ein paar Wochen 40 angehende Flugbegleiter aus Portugal und Spanien. Ansonsten steht es weitgehend leer. Birgit Ameis machte es laut ihrer Familie nichts aus, manchmal in diesem unheimlichen Haus zu wohnen.

Wenn Birgit Ameis nicht im Tower war, ruhte sie sich aus, las Krimis, löste Sudokus, strickte. Oder sie ging walken oder wandern. Nur gelegentlich kaufte sie beim Discounter im nahegelegenen Büchenbeuren ein oder bei der Tankstelle an der Kreisstraße in Lautzenhausen. Lebensmittel brachte sie sich meist von zu Hause mit.

Hatte sie in den drei Jahren am Hahn jemanden kennengelernt? Womöglich nur flüchtig, aber mit einem schrecklichen Ende?

Keine Freunde oder Bekannte im Hunsrück

Die Kripo konnte im Hunsrück weder Freunde von Birgit Ameis noch Bekannte ausmachen, selbst zu den Kollegen aus der Region hatte sie keinen privaten Kontakt. "Sie war keine schillernde Persönlichkeit mit einem riesigen Freundeskreis, es spricht auch nichts für ein Doppelleben, obwohl sie aufgrund ihrer besonderen Lebensform die Möglichkeit dazu gehabt hätte", sagt Bernd Kreuter.

DER PARKPLATZ NEBEN HAUS 669 Der Bruder von Birgit Ameis kam Freitagabend am Hahn an, am Vorabend seines Dienstes. Er parkte neben dem Auto seiner Schwester, einem roten Renault Scénic mit dem Kennzeichen SU-UA 256. Im Apartment standen noch die Taschen von Birgit Ameis. Sie muss sie am Samstagmorgen nach ihrer Schicht aus dem Quartier geholt und in den Kofferraum gepackt haben. Denn als ihr Bruder abends vom Dienst kam, waren die Taschen weg. Ebenso das Auto.

Eiin beschriftetes Bild zeigt Orte, die in dem Fall eine Rolle spielen

Eiin beschriftetes Bild zeigt Orte, die in dem Fall eine Rolle spielen

Könnte es sein, dass der Renault nicht angesprungen war, sodass sie einen Fremden um Hilfe bitten musste - und dabei an den Falschen geriet? "Wir haben die Abschleppvorrichtungen, die Bügel und Ösen an ihrem Fahrzeug untersuchen lassen. Es fanden sich daran keinerlei Abriebspuren - etwa von einem Abschleppseil. Und ihr Auto hatte laut Dekra-Gutachten keine technischen Mängel", sagt Bernd Kreuter.

Auch keine Spuren auf dem Parkplatz

Was, wenn sie jemand auf dem Parkplatz angesprochen und in sein Auto gezerrt hat? "Dann kann es Spuren geben - ein abgerissener Knopf, ein Kettchen, Blut. Es muss aber keine geben. Wir fanden nichts", sagt Kreuter.

Gegenüber liegt ein Langzeitparkplatz für Urlauber. Von dort hat man freien Blick auf die Tür des Apartments 104 und den Parkplatz. Die Polizei konnte die Parkgäste befragen, die für den Ostersamstag online einen Platz gebucht oder später am Kassenautomaten mit Kreditkarte bezahlt hatten. "Auch in Belgien und Luxemburg haben wir Leute angeschrieben", erzählt Lothar Schenk. Doch keiner von ihnen hat Birgit Ameis gesehen.

Drei Minuten Fahrt

LAUTZENHAUSEN, MÜHLENWEG Eine Woche nach Birgit Ameis' Verschwinden entdeckte ein Postbote den Renault im Ortskern von Lautzenhausen: im Mühlenweg, auf einem der 13 Stellplätze hinter dem Gemeindehaus, nicht einsehbar von der Hauptstraße. Mit dem Auto sind es vom Gebäude 669 gerade mal drei Minuten bis dorthin. Der Renault war rückwärts eingeparkt und verschlossen.

Birgit Ameis' Wagen fand sich in einem Dorf in der Nähe des Flughafens Hahn

Birgit Ameis' Wagen fand sich in einem Dorf in der Nähe des Flughafens Hahn

Nach dem Fund des Autos wurde die große Ermittlungsmaschinerie angeworfen: Man gründete die "Soko Hahn", mit noch mehr Polizisten und 160 Feuerwehrleuten wurde der Flughafenbereich abermals abgesucht. Taucher stiegen in die riesigen Wasserbecken auf dem Areal, suchten neun Becken mit 250.000 Kubikmeter Wasser ab. Bereitschaftspolizisten durchforsteten sämtliche Gebäude, Schuppen und Hangars auf dem ehemaligen Militärgelände. Ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera überflog die umliegenden Felder, Wiesen und Wälder. Flächensuchhunde, Personen- und Leichenspürhunde wurden eingesetzt. Hundertschaften durchkämmten tagelang die Gegend, auch schwer zugängliches Waldgebiet. Jede Menge Unrat und Knochen wurden eingesammelt und kriminaltechnisch untersucht. Es waren nur Tierknochen.

2632 Flugpassagiere angeschrieben

Die Kripobeamten schrieben die 2632 Flugpassagiere an, die am Ostersamstag vom Flughafen Hahn aus gestartet oder dort gelandet waren, ebenso die Gäste der umliegenden Hotels und Pensionen. Bis in die Karibik reichten die Nachforschungen. Mit Plakaten und Handzetteln in mehreren Sprachen wurde nach Birgit Ameis gesucht. Polizisten gingen in den Dörfern rund um den Flughafen von Haus zu Haus. Nichts.

Eine der zentralen Fragen war: Wie lange stand das rote Auto schon hinter dem Gemeindehaus? Ein Anwohner ist sich sicher: bereits seit dem Ostersamstag. Er gab an, zwischen 9.30 und 10 Uhr zum Bäcker gefahren zu sein. Da habe der Wagen schon in der hintersten Parkbucht gestanden. "Wir haben ihn mehrfach befragt, er blieb dabei. Wir gehen deshalb davon aus, dass das Auto schon am Tag ihres Verschwindens hier abgestellt worden ist", sagt Bernd Kreuter.

Wer hat das Auto dort abgestellt?

Doch von wem? Von Ameis selbst? Oder vom Täter, um es so aussehen zu lassen, als sei sie nach dem Dienst nach Hause gefahren? Wenn es Birgit Ameis selbst gewesen ist: Hatte sie die Parkrichtung bewusst gewählt, um freie Sicht auf ankommende Autos zu haben? War sie schon auf dem Heimweg und wollte nur kurz jemanden treffen? Und wenn ja: wen?

"Als das Auto gefunden wurde, dachte ich, jetzt finden sie auch meine Mutter", sagt Tamara Ameis, die Tochter. "Erst Tage später realisierte ich, dass uns der Wagenfund auch nicht weiterbringt. Die Situation ist so komplex, so sonderbar, wir sind völlig überfordert damit. Da war jemand gut vorbereitet und gut organisiert. Ich gehe davon aus, dass der Täter meine Mutter gekannt hat." Jeder Quadratzentimeter des Autos wurde untersucht, jeder Gegenstand darin auf Fingerabdrücke, jedes Taschentuch auf fremde DNA überprüft. Der Krimskrams in den Seitenfächern, eine Milchflasche auf dem Beifahrersitz, in der Mittelkonsole Parkausweise, der Flughafenausweis, Plastikchips für Einkaufswagen. Auch der Schlüsselbund von Birgit Ameis wurde gefunden, mit den Schlüsseln vom Apartment und ihrem Haus in Lohmar.

Nur DNA von Familie und Freunden

Nur die Spurensuche am Lenkrad gab nichts her: Am porösen Leder ließen sich keine Fingerspuren sichern, die darauf gefundenen Partikel waren vermischt und konnten niemandem zugeordnet werden. "Aber so viel steht fest: Keiner hat das Lenkrad abgewischt", sagt Bernd Kreuter. "Und Sitz und Spiegel waren so eingestellt, dass sie zu Birgit Ameis passten."

Die gesicherte DNA stammte sämtlich von Familienmitgliedern oder Freunden. "Wir hatten so sehr gehofft, dass die Ermittler fremde DNA finden, das wäre wenigstens ein Ansatzpunkt gewesen", sagt Tristan Ameis, der Sohn.

Gepäck und Walkingstöcke im Kofferraum

Auf dem Rücksitz des Wagens fanden sich ein Atlas, Karten, eine Decke, Walkingstöcke, ein Handbesen. Auf den Walkingstöcken lag das Abschleppseil. Im Kofferraum: Wanderschuhe, drei Taschen und ein Trolley mit schmutziger und sauberer Kleidung. In einer Umhängetasche entdeckten die Ermittler Geldbörse, Personalausweis und Handy. Und die rot-weiß-blaue Mütze mit dem Pompon und einen Kalender mit einer Eule auf dem Deckblatt.

Birgit Ameis' Nordic-Walking-Stöcke lagen ebenfalls noch im Auto

Birgit Ameis' Nordic-Walking-Stöcke lagen ebenfalls noch im Auto

In dem Kalender: ein Termin beim Hautarzt für Dienstag nach Ostern. Auch für den Ostersonntag gab es einen Eintrag: "Kinder kommen". Weitere Termine: 13. April: "Zum Schwimmen"; 22. April: "TÜV"; 25. April bis 3. Mai: "Rheinsteig mit Wandergruppe".
All das spricht gegen ein freiwilliges Abtauchen. Ebenso ihre familiären Pläne: Als sie verschwand, war ihre Tochter Tamara mit Zwillingen schwanger. Birgit Ameis freute sich sehr darüber, sie überlegte, im Job kürzerzutreten, um die Tochter besser unterstützen zu können. Im Kofferraum lagen selbst gestrickte Handschuhe für die Enkelkinder, kleine, bunte Fäustlinge.

Nur Autoschlüssel und Klappbox fehlen

"Es deutet auch nichts darauf hin, dass Birgit Ameis nach der Nachtschicht noch spazieren gegangen ist", sagt Lothar Schenk. "Ihre Outdoorjacke lag auf den Taschen. Bei null Grad geht niemand ohne Jacke los." Im Renault fehlten nur der Autoschlüssel und die Plastik-Klappbox, in der Ameis immer ihre Lebensmittel transportierte. Ihr Bruder kann sich nicht erinnern, was in der Kiste lag, nur dass er sie am Abend seiner Ankunft im Apartment hatte stehen sehen. War sie auf dem Parkplatz ausgestiegen, um jemandem etwas in der Plastikbox zu übergeben? Und was? War sie in ein anderes Auto gestiegen? In ihrem Handy fanden die Ermittler weder verdächtige SMS noch Fotos von Unbekannten, nicht einmal Anrufe mit unterdrückter Rufnummer. Alle Nummern konnten Verwandten und Bekannten zugeordnet werden. Es gab keine gelöschten Kontakte, auch Suchanfragen und Browserverlauf waren nicht gelöscht worden. Die letzte SMS ging am 31. März an ihre Tochter, die beiden wollten mit Tamaras Hund spazieren gehen. Zuletzt telefoniert hatte Birgit Ameis ebenfalls mit ihrer Tochter, das war zwei Tage vor ihrem Verschwinden.

Der Trolley von Birgit Ameis lag voller schmutziger und sauberer Kleidung ebenfalls im Auto

Der Trolley von Birgit Ameis lag voller schmutziger und sauberer Kleidung ebenfalls im Auto

Die gespeicherten Fotos zeigten nur Natur: Blumen, den Limes-Wanderweg, den Laacher See in der Vulkaneifel. Im März war Birgit Ameis dort gewandert. Kripobeamte fuhren die Strecke mit dem Mountainbike ab, sie versuchten herauszufinden, ob sie in einem Gasthaus oder beim Wandern eine Zufallsbekanntschaft gemacht hatte.

Handy im Flugmodus

"Das einzig Auffällige an ihrem Handy war, dass es im Flugmodus war, als wir es fanden", sagt Bernd Kreuter. Die letzte Einbuchung fand am Flughafen statt, laut Mobilfunkbetreiber hat das Handy am Tag ihres Verschwindens ab dem frühen Nachmittag keinen Kontakt mehr zur Funkzelle am Flughafen gehabt, die Lautzenhausen mit abdeckt, diese Funkzelle zuvor aber nicht verlassen. Wenn es stimmt, dass der Wagen bereits morgens auf dem Parkplatz stand, kann das nur zweierlei bedeuten: Birgit Ameis ist noch einmal zurückgekehrt, um das Telefon in den Flugmodus zu schalten - oder es war ihr Mörder.

Das Navi des Autos wurde ausgelesen. Birgit Ameis war nie von ihren üblichen Routen abgewichen. Auch die Durchsuchung des Hauses in Lohmar brachte die Ermittler nicht weiter: Nichts deutete auf ein Doppelleben der 54-Jährigen hin, auf einen Liebhaber oder auch nur einen neuen Bekannten. Kein Zettel mit einer unbekannten Telefonnummer, kein verräterisches Foto, kein Liebesbrief. Es gab auch keine ungewöhnlichen Abbuchungen von ihrem Konto.

Polizei hofft noch, den Fall klären zu können

Birgit Ameis fehlt. An jedem Tag, in jeder Stunde. Die drei erwachsenen Kinder sprechen viel über ihre Mutter, ihr Vater dagegen, sagen sie, sei kein Mann der vielen Worte, er versuche, ihnen ein guter Vater zu sein und sich ansonsten seinen Kummer nicht anmerken zu lassen. Jeder versuche auf seine Weise, die Ungewissheit auszuhalten.

"Wir hoffen immer noch, den Fall aufklären zu können, wir werden nicht aufgeben" , sagt Bernd Kreuter. "Vielleicht gibt es Mitwisser oder Leute, die jemanden im Verdacht haben, etwas damit zu tun zu haben. In Lohmar sitzt eine Familie, die dringend Klarheit braucht."