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Bonner Siegaue: Vergewaltigung vor den Augen des Freundes - darum steht der Täter erneut vor Gericht

Es sollte ein romantischer Camping-Abend werden und endete im Horror: Ein Mann vergewaltigt eine Frau vor den Augen ihres Freundes. Das Gericht verurteilt ihn zu elfeinhalb Jahren. Doch in einem neuen Prozess könnte seine Strafe geringer ausfallen.

Der Angeklagte im September 2017 vor Gericht

Es ist der 2. April 2017. Eine milde Frühlingsnacht. Ein junges Pärchen aus Baden-Württemberg hat es sich in einem Zelt in der Bonner Siegaue auf einer Wiese in der Nähe der Siegfähre gemütlich gemacht. Doch die romantische Idylle wird plötzlich jäh zerstört, und für die 23-Jährige aus Stuttgart und ihren 26-jährigen Freund beginnt ein Horror, den sie ihr ganzes Leben nie mehr vergessen werden.

Von draußen hören sie eine aggressive Stimme. Dann schlägt eine Astsäge in das Zelttuch ein und schlitzt es auf. Vor ihnen steht ein junger Mann aus Ghana und schreit auf Englisch: "Ich will hier schlafen!" Der Asylbewerber verlangt ihre Wertsachen, fuchtelt mit der machetenähnlichen Waffe vor den Gesichtern seiner hilflosen Opfer herum. Er nimmt ihnen sechs Euro und eine Lautsprecherbox ab. Doch das reicht ihm offenbar nicht. "Come out, bitch, I want to fuck you", soll er zu der Frau gesagt haben. Beim Verlassen beschwört sie ihren Freund, sein Schweizer Messer stecken zu lassen und die Polizei zu rufen. Sie folgt ihrem Peiniger ein paar Meter weiter. Dann muss sie sich auf eine Decke legen, die der 31-Jährige mitgebracht hatte. Er vergeht sich an ihr. Ihr Freund, der im Zelt alles mitanhören muss, ruft die Polizei.

Der Täter kehrt nach der Tat zurück in die nicht weit entfernte Flüchtlingsunterkunft in Sankt Augustin, wo er seit einigen Wochen untergebracht ist. Doch es dauert fünf Tage, bis die Polizei ihm auf die Spur kommt. Auf der Suche nach ihm drehen die Beamte jeden Stein um. Außer DNA-Material gib es nichts. Erst als die Beamten bundesweit ein Phantombild veröffentlichen, erkennt ihn darauf ein Spaziergänger.  

Der Angeklagte bestreitet die Tat

Am 25. September 2017 beginnt der Prozess gegen den Asylbewerber, der im Februar über Italien nach Deutschland gekommen war und dessen Antrag nach Angaben der Bezirksregierung erst kurz vor der Tat abgelehnt worden war. Schon in der Untersuchungshaft war er durch aggressives Verhalten aufgefallen, kam deshalb in eine besonders gesicherten Zelle. Während der Verhandlung ist er an Händen und Füßen gefesselt. Er bestreitet die Tat, weshalb die Studentin und ihr Freund in dem Prozess als Zeugen aussagen müssen. Bei der Aussage der Frau wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Als der Richter den Angeklagten zu den Tatvorwürfen befragen will, wird der aufbrausend: Er sei zur Tatzeit in der Unterkunft gewesen, beharrt er. Man wolle ihn mit solchen Fragen wohl austricksen. Der Richter hält dagegen: Die elektronische Eingangskontrolle belege, dass der Angeklagte die Unterkunft am Abend verlassen habe und erst nachts um 3.06 Uhr zurückgekommen sei. Außerdem sei seine DNA am Opfer gefunden worden. "Wenn das Gericht sagt, dass die DNA passt, muss ich das Mädchen eine Prostituierte nennen", schimpft er.

Die Bonner Siegaue

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DPA

Obwohl ihm  seine beiden Verteidiger zuvor ausdrücklich geraten hatten, im Prozess von seinem Schweigerecht Gebrauch zu machen, folgt er diesem Ratschlag nicht. Er habe eine ganze Menge zu sagen. Und so erzählt er dem Gericht seine Lebensgeschichte. Sein Vater sei ein reicher Plantagenbesitzer gewesen, der bereits neun Töchter gehabt habe. Erst mit seiner Zweitfrau bekam er einen Sohn, nämlich den Angeklagten. Dieser sagt, er habe in Ghana in einer Art Palast gewohnt und ein gutes Leben gehabt, bis der Vater 2013 starb. Danach sei er immer wieder mit dem Mann seiner ältesten Halbschwester in Streit geraten. Eines Tages habe dieser ihn mit einem Stock verletzt, woraufhin er sich mit einem Stockschlag gewehrt habe. Sein Schwager sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.

Das Urteil: elfeinhalb Jahre Haft

Nach diesem Vorfall habe er sein Dorf verlassen müssen, sagt der Angeklagte. Später sei er nach Libyen gegangen, habe dort einen Schleuser kennengelernt, der ihn mit einem Boot nach Italien brachte. Nachdem er mehrere Monate dort war, habe ihm eine alte Frau 1000 Euro geschenkt, sodass er sich eine Bahnfahrkarte nach Deutschland kaufen konnte. Dort wohnte der Angeklagte zuletzt in der Zentralen Flüchtlingsunterkunft in Sankt Augustin, wenige Kilometer vom Tatort entfernt. Dort sei er auch zur Tatzeit gewesen. Doch die DNA-Spuren sprechen gegen ihn.

Am 19. Oktober, ein halbes Jahr nach der Tat, fällt das Bonner Landgericht das Urteil: Elfeinhalb Jahre Haft wegen besonders schwerer Vergewaltigung und räuberischer Erpressung. Sein Verteidiger verzichtete in seinem Plädoyer auf einen konkreten Strafantrag. Die Staatsanwältin forderte 13 Jahre. Der Mann aus Ghana nimmt das Urteil ohne äußerliche Regung entgegen.

Im Februar legt er nachts in seiner Zelle in der JVA Köln Feuer. Zwei Mitarbeiter und ein Mithäftling erleiden Rauchgasvergiftungen. Als die beiden Wachmänner das Feuer löschen wollen, greift er sie an. Der 31-Jährige wird so schwer verletzt, dass er noch am Morgen operiert werden muss. 30 Prozent seiner Haut werden verbrannt. Er braucht eine Hauttransplantation.

Neuer Prozess am Dienstag

Nachdem sein Anwalt gegen das Urteil Revision eingelegt hatte, entscheidet im Juni der Bundesgerichtshof (BGH), dass über das Strafmaß neu verhandelt werden muss. Dass der heute 32-Jährige die Tat begangen hat, steht auch für den BGH zweifellos fest. Somit geht es in dem neuen Prozess, der am Dienstag, den 18. September vor dem Bonner Landgericht stattfinden soll, nicht mehr um den Schuldspruch, sondern allein um das Strafmaß. Denn laut Urteil des Landgerichts lag bei dem Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung vor. Dennoch sei seine Steuerungsfähigkeit bei der Tat nicht eingeschränkt gewesen. Dies sah der BGH nicht ausreichend belegt. 

Das Bonner Landgericht hat nach Angaben eines Sprechers eine neue Gutachterin beauftragt, die den Angeklagten psychologisch untersucht hat. Sollten die Richter in dem Revisionsprozess zu dem Ergebnis kommen, dass der Mann bei der Tat vermindert schuldfähig war, könnte seine Strafe geringer ausfallen. Für die Verhandlung vor der 3. Großen Strafkammer sind vier Termine angesetzt. Das Urteil soll nach jetziger Planung spätestens am 5. Oktober fallen.

jek mit DPA