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Cyber Grooming im Chat: Gefährliche Anmache im Internet

Anonym und sicher: So fühlen sich Jugendliche in Chaträumen im Internet. Doch immer öfter werden sie Opfer des "Cyber Groomings", der gezielten Anmache. Manche Jugendliche treffen ihre vermeintlichen Freunde aus dem Netz im realen Leben – Begegnungen mit oft schlimmen Folgen.

Von Malte Arnsperger

Cyber Grooming bedeutet wörtlich übersetzt: Pflegen im digitalen Raum. Der Ausdruck steht aber für ein perfides Spiel mit ahnungslosen jungen Mädchen. Cyber Grooming bezeichnet die gezielte Anmache von Kindern und Jugendlichen im Internet. Die Täter sind meist ältere Männer, die sich in der virtuellen Welt das Vertrauen ihrer jungen Opfer erschleichen. Nicht selten mit dem Ziel, sich auch im realen Leben mit ihnen zu treffen und sie zu missbrauchen. Wiederholt sind in den vergangenen Monaten solche Fälle publik geworden. Ab dem 15. Dezember steht im baden-württembergischen Konstanz ein 53-Jähriger vor Gericht, der seine 14-jährige Chat-Bekanntschaft Sonja K. verschleppt und vergewaltigt haben soll.

"Grooming ist besonders gefährlich"

Für Experten entwickelt sich das Cyber Grooming zu einer erheblichen Gefahr für junge Internetnutzer. "Seit rund einem Jahr häufen sich die Meldungen über zeitweise vermisste Kinder, die sich mit ihren Chat-Partnern getroffen haben", sagt Lars Bruhns, Leiter der Initiative "Vermisste Kinder". Erst im Juni war seine Organisation maßgeblich an der Rettung einer 13-Jährigen aus Lübeck beteiligt, die sich tagelang in der Privatwohnung ihres 24-jährigen Chatpartners in Nordrhein-Westfalen aufgehalten hatte und dort offenbar sexuell missbraucht wurde. Auch Katja Knierim von jugendschutz.net, einer Jugendschutzeinrichtung der Bundesländer, warnt vor den täglichen sexuellen Übergriffen auf Minderjährige im Internet. "Das Grooming ist besonders gefährlich."

Die Opfer sind überwiegend Mädchen im Alter zwischen 12 und 16 Jahre alt. Teenager in der Pubertät fühlen sich rundherum missverstanden, haben Streit mit ihren Eltern und wollen die ersten sexuellen Erfahrungen sammeln. Das nutzen manche Männer gnadenlos aus. Sie suchen in Online-Communities oder Chaträumen gezielt nach Mädchen, die über ihre Probleme plaudern wollen. Den Teenagern heucheln sie Verständnis vor und bieten sich als Freund in schwieriger Lage an. In der scheinbar ungefährlichen Chat-Welt legen die gutgläubigen Mädchen ihre Hemmungen ab. "Der Chat ist ideal für die schnelle Kontaktaufnahme", sagt Ekkehard Mutschler vom Deutschen Kinderschutzbund. "Die Jugendlichen glauben, dort anonym und geschützt zu sein."

Aber die neuen Web-Freunde der Mädchen geben sich oft nicht mit harmlosen Unterhaltungen über schlechte Schulnoten oder den Zoff mit den Eltern zufrieden. Sie wollen mehr und zwar schnell. Innerhalb der ersten halben Stunde nach der Kontaktaufnahme "geht es meist schon heftig zur Sache", sagt Lars Bruhns. Die Männer horchen die Mädchen förmlich aus, fragen nach ihrem sexuellen Entwicklungsstand und tauschen nicht selten Nacktbilder mit ihnen aus. Jetzt haben die Täter das Vertrauen der Mädchen und schlagen ein Treffen vor. Manch argloser Jugendliche geht darauf ein. "Sie sind auf der Suche nach Abenteuer", sagt Mutschler vom Kinderschutzbund. "Sie sind leichte Opfer für diese Männer."

Solche Männer nennt der Psychologe Adolf Gallwitz von der Polizeifachschule in Villingen-Schwenningen "Erlebnistätertypen". Es seien oft keine Pädophile. "Die wollen einfach sehr schnell viele Frauen kennen lernen. Und wenn möglich auch wesentlich jüngere", sagt Gallwitz, der sich seit Jahren mit dem Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern beschäftigt. "Diese Typen nehmen alles mit."

Öffentlichkeit aufklären

Mittlerweile hat auch das Europäische Parlament das Problem erkannt. Nachdem der europäische Sozialausschuss "gemeinsame Anstrengungen zur Sensibilisierung für das problematische Grooming" forderte, wurde im Oktober vom EU-Parlament ein neues Programm zum Schutz von Kindern bei der Nutzung des Internets auf den Weg gebracht. Explizit wurde der Kampf gegen das Grooming als Schwerpunkt festgelegt. Das Parlament will mit dem Programm, das am 1. Januar 2009 startet, vor allem die Technik verbessern und die Öffentlichkeit verstärkt über die Gefahren aufklären.

Das ist auch dringend notwendig, meinen Jugendschutzexperten. Den Jugendlichen wird geraten, sehr vorsichtig mit ihren persönlichen Daten umzugehen und sich keinesfalls alleine mit Personen zu treffen, die sie nur aus dem Internet kennen. Die Eltern stehen vor großen Schwierigkeiten. Sie können ihren Sprösslingen natürlich Verbote erteilen. Doch oft kennen sich die Jugendlichen wesentlich besser mit dem Computer und im Internet aus als ihre Eltern und können die Verbote umgehen. Das EU-Parlament spricht von einer "technologischen Generationenkluft". Deshalb fordert der Kinderschutzbund die Eltern auf, sich die dringend nötige Internetkompetenz anzueignen. Darüber hinaus müsse es aber auch ein Schulfach Internet geben: "Die Medienerziehung muss in der Schule stattfinden und dazu gehört auch das Internet", sagt Ekkehard Mutschler. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen sieht das anders. Sie hatte sich 2007 in einem stern.de-Interview gegen ein solches Fach ausgesprochen

Einig sind sich Politiker und Jugendschützer bei der Forderung an die Betreiber der Web-Communities und Chats, den Jugendschutz zu verbessern. Insbesondere die großen Betreiber wie "SchülerVZ" oder "Knuddels", die jeweils mehrere Millionen meist sehr junge Mitglieder haben, werden von Experten kritisch beäugt. "Knuddels ist nicht unproblematisch für Kinder und zu bestimmten Tageszeiten sogar ganz einfach jugendgefährdend", sagt der Polizeipsychologe Gallwitz.

Keine Antwort von „Knuddels“

Die Verantwortlichen von Knuddels wollen sich dazu nicht äußern und beantworteten keine der Anfragen von stern.de zu ihrer Sicherheitsvorkehrungen. Dafür prahlen sie auf der Homepage damit, Knuddels sei "Vorreiter im Jugendschutz". Alle Chatgespräche zwischen Kindern und Erwachsenen würden durch einen technischen Filter überwacht. Würden jugendgefährdende Inhalte entdeckt, werde das Gespräch beendet und eine Wiederaufnahme verhindert. Ausdrücklich werden Kinder zur Vorsicht bei persönlichen Treffen mit Chat-Bekanntschaften angehalten. Knuddels verspricht: "Ziel unseres Angebotes ist es, unsere Besucher in respektvoller, familiärer und gemütlicher Atmosphäre zu unterhalten und das Kennenlernen untereinander zu fördern."

Doch dieses Ziel verfehlen viele der Jugend-Chats, sagt Katja Knierim von jugendschutz.net: "Ein Großteil der Betreiber tut noch immer viel zu wenig, um Kindern und Jugendlichen ein ausreichendes Maß an Sicherheit zu gewähren.