VG-Wort Pixel

Berlin vertraulich! Sex, Macht und Größenwahn


"Darf ich heute Nacht dein Innenminister sein?" Dass solche Anmachen hinter den Kulissen der Politik nicht ungewöhnlich sind, zeigen zwei neue, bemerkenswerte Bücher.
Von Hans Peter Schütz

Journalisten enthüllen ja gerne und mit besonderem Eifer die Sünden unserer Politiker. Wie etwa im Fall Christian Wulff. Wann aber enthüllen sie jemals ihr eigenes Gewerbe? Selten, sehr selten. Nun geschieht es, und zwar in bemerkenswerter Schonungslosigkeit, in einem Buch, das dieser Tage der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Es trägt den schönen Titel "Hammelsprünge". Sex und Macht in der deutschen Politik". Geschrieben hat es die ehemalige "Spiegel"-Korrespondentin Ursula Kosser, die 20 Jahre in Bonn als politische Redakteurin tätig war. Sie öffnet nach Rücksprache mit ihren Kolleginnen ein Nähkästchen, in dem viel Intimes über Sex und Macht lagert.

Etwa eine Anekdote über die Wirtschaftsjournalistin "Gerda", die nach einem Informationsgespräch im Bundestag ein Päckchen in ihrem Büro fand, außerdem eine Karte, auf der stand: "Auf gute, auch gerne sehr gute Zusammenarbeit". Im Päckchen lag - ein Vibrator. Da fiel der Journalistin wieder ein, dass der Politiker beim Abschied gemurmelt hatte, wenn man sich erst etwas besser kenne, dann hätte er auch einige "heiße Informationen" für sie. Erst jetzt verstand Gerda, wie das gemeint gewesen war.

Journalistinnen hatten im angeblich so brav-biederen Bonn einiges auszuhalten. Etwa die Frage eines Ministers, ob "ich heute Nacht dein Innenminister sein darf". Oder den Politiker, der Frauen auf Dienstreisen die Nummer seines Hotelzimmers aufdrängte. Ein wahres Treibhausklima, in dem folgende Devise galt: zuerst die Anmache, dann die Information. Das lief bei einer stern-Kollegin so: Sie führte mit einem Ministerpräsidenten ein Interview. Doch der befragte sie: "Sind sie verheiratet?"- "Ja."- "Und Kinder?" Antwort: "Keine." Dem kann ich abhelfen, sprach daraufhin der Ministerpräsident fröhlich und rief seiner Sekretärin zu, "mal ein paar Minuten die Tür zu schließen".

An eine spezielle Anmache erinnert sich auch die Journalistin Elisabeth Niejahr noch gut. Als sie sich im Büro eines Ministers vorstellte, sagt sie in einem Interview mit der Buchautorin Ursula Kosser, habe der plötzlich zu singen angefangen: "Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt." Allerdings: Die Kollegen der schreibenden Kolleginnen waren ebenfalls arge Machos. Einer machte einmal die Kollegin Martina Fietz, heute focus.de, mit der Bemerkung an: "Du wirst nie die Kanzlerpartei betreuen können. Schließlich kannst du nicht dem Kanzler auf die Toilette folgen, um dort – ungestört von Kollegen - exklusive Informationen zu erhalten."

Meist wurde aus dieser politischen Welt nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Kein Zufall also, dass keine Zeile darüber zu lesen war, als die Journalistin Heli Ihlefeld im Wahlkampf 1972 im Zug in Willy Brandts Abteil verschwand, angeblich zum Interview, und erst am nächsten Morgen wieder auftauchte.

"Hammelsprünge" ist geschrieben, als ob dergleichen nur im braven Bonn geschehen sei, in der Berliner Politszene aber nicht mehr stattfinde. Vorsicht! Zur Sache, Schätzchen wird auch in Berlin immer noch gerufen, gemäß dem uralten Slogan: "Stutzt den jungen Hühnern das Gefieder."

*

Enthüllungen ganz anderer Machart werden in dem Buch "Größenwahn und Politik" geboten. Herausgeber ist der dienstälteste politische Korrespondent, Mainhardt Graf Nayhauß, der als langjähriger "Bild"-Kolumnist ganz genau weiß, dass die Medien in der politischen Berichterstattung auch schon mal den Kompass verlieren. 27 Autoren, allesamt hoch prominent in Presse oder Politik, rechnen in ihren Beiträgen mit der Presse ab. So stellt der Journalist Hajo Schumacher, lange beim "Spiegel", in seinem Beitrag über die Wulff-Affäre eine berechtigte Frage: "Hat man je vom Rücktritt eines Chefredakteurs gehört, weil er bei einem Unternehmer Ferien machte?" Das so etwas schon passiert ist, steht außer Frage. Dass keiner weiter Aufhebens davon macht, ist ebenso unbestritten.

Bemerkenswert das Geständnis von Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel, der einräumt: "Vor Fehlern in der Politik ist niemand gefeit." Waigel gesteht, dass er heute noch stolz auf den Satz ist, den einst ein Gastwirt zu ihm sagte: "Theo, weißt du eigentlich, was die Leut über dich sagen? Sie sagen, von denen, die in Bonn lügen, lügst du am wenigsten." Von Ex-Wirtschaftsminister Helmut Haussmann erfahren wir, weshalb Guido Westerwelle politisch gescheitert ist. Der habe nicht auf Helmut Kohl gehört, der Westerwelle zu Beginn seiner Arbeit als FDP-Generalsekretär, als er zum ersten Mal bei einem Koalitionsgespräch dabei saß, angefahren hat: "Hören Sie zunächst einmal zu, bevor sie sich äußern!" Das hat Westerwelle bis heute nicht gelernt, sagen immer noch viele in der FDP.

Wer galt bislang als geradezu mustergültiger Bundespräsident? Klar doch, Gustav Heinemann. Franz-Jochen Schoeller, einst Protokollchef der Bundesregierung, enthüllt hierzu, was man nie gedacht hätte: Beim Ordensaustausch im Rahmen von Staatsbesuchen verlangte Heinemann stets, auch seine Gattin Hilda und die gemeisame Tochter zu berücksichtigen. Gattin Hilda ließ sich sogar aus dem Brillanten eines hohen rumänischen Ordens ein Schmuckstück anfertigen. Und Mildred Scheel, Ehefrau seines Nachfolgers, warf einmal einen für sie bestimmten Blumenstrauß auf den Boden und schimpfte: "Ich kann keine Blumen mehr sehen!"

Man sieht: Größenwahn und Politik hängen eng zusammen. Auch in den Medien.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker