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Deutschtürke Cem Gülay: "Wir hassen Euch, Ihr hasst uns"

Ein Leben wie im Mafia-Epos: Cem Gülay war wütend, brutal, intelligent - und machte eine atemberaubende Gangsterkarriere. Nun warnt der Deutschtürke vor einer verkorksten Integrationspolitik.

Von Uli Rauss

Es war eine verdammt geile Zeit. Sie waren jung, sie waren cool. Sie rauschten in ihren Porsche-Cabrios um die Binnenalster, die goldene Rolex-Daytona an der Linken. Sie wurden durchgewinkt in die VIP-Lounges der besten Hamburger Clubs, hofiert mit Champagner auf Kosten des Hauses. Ihre Koksparties feierten sie auf Sylt und in Timmendorf, auf Ibiza und in Miami. Sie waren Türken, sie waren organisiert, und sie hatten alles, Geld, Blondinen, Macht, Respekt. Alles, wovon sie als Kinder in Hochhaussiedlungen am Rande der Stadt geträumt hatten.

Nach einer Feier mit über 100 Gangstern im Meyer Lansky am feinen Gänsemarkt wollten einige Gäste die Party in einen Edelpuff verlegen und rasten im Morgengrauen sturzbetrunken mit 200 Sachen durch Hamburg. Zwei von ihnen schossen aus fahrenden Autos mit scharfer Munition auf die roten Ampeln an der Hoheluftchaussee. Die Polizisten im Schlepptau hielten niemanden an.

Sein Pate war Musa A.

Sam fühlte sich unantastbar. Sein Pate war der legendäre Türke Musa A., der für einen Mord auf offener Straße mit einer Pumpgun sieben Jahre Knast abgesessen hatte und dann Mitte der Neunziger mit seiner brutalen "Gangster GmbH" Hamburgs Unterwelt eroberte. Es war die Zeit der wilden Schießereien mitten in der City. Musas Gefolgsleute waren hungrige türkische Migranten, und sie schossen deutsche Zuhältergrößen von deren Rotlichtthronen. Auseinandersetzungen im Milieu regelten sie mit gezielten Beinschüssen. Sie waren die neuen Herrscher am Kiez - eine Bande, die gewerbsmäßig betrog und erpresste, dealte und mordete.

Und Sam war mitten drin. Einmal gab er für 10.000 Mark einen Beinschuss in Auftrag. Seine besten Freunde ließen Mädchen anschaffen und verhökerten kiloweise harte Drogen. Sam selbst schlug ungezählte Opfer krankenhausreif. Geld beschaffte er sich als 25-Jähriger mit einer eigenen Firma. Unter Sams Anleitung betrogen 30 Angestellte in den Büros von "Atlanta" an der Börsenbrücke per Telefon Kapitalanleger um Millionen. Sam beriet zudem den Paten bei dessen Warenterminaktionen und schwor ihm ewige Loyalität, beim Blut seiner Mutter. Die beiden standen sich so nahe, dass er nicht mal an Musa A. zahlen brauchte.

Mittlerweile sind die schätzungsweise fünf Millionen Mark, die Sam nach eigenem Kalkül in seiner Gangsterzeit ergaunerte, "verballert und futsch". Mit dem Segen des Paten hat er es geschafft, aus der "Gangster GmbH" auszusteigen. Das Hamburger Landgericht akzeptierte im März 2005 Sams "von Reue und Einsicht getragenes Geständnis". Seine Untaten täten ihm heute "wirklich leid", sagt Sam. "Mein Weg war der falsche, ganz klar."

Mit seiner Biografie will dieser Cem Gülay nun aufrütteln. In einem Buch* packt er als erster Insider über die Türkenmafia und ihre Strukturen in Deutschland aus. Dabei schildert er mehr als sein rauschhaftes Gangsterleben. Er beschreibt, wie er auch zum Insider wurde für Ausgrenzung, Diskriminierung und die "total gescheiterte Integration von Türken in Deutschland". Mit der punkt- und kommalosen Atemlosigkeit eines Warenterminverkäufers, aber auch mit provokanter Logik erklärt Sam, warum junge Deutschtürken Gewalttäter werden, woraus sich ihr Hass auf Deutsche speist, warum er "diese elenden Schulen mit hohem Migrantenanteil" schließen würde - "bevor es zu spät ist und Eure Innenstädte brennen". Der aktuellen Sarrazin-Debatte liegt für Sam vor allem eins zugrunde: "Wir hassen Euch, Ihr hasst uns. Das ist nun mal Fakt, und das hat Gründe."

Sams Vater kommt 1965 aus Ostanatolien als Gastarbeiter nach Hamburg. Er malocht bei Siemens und fährt nachts Taxi. Die Mutter ist 15 Jahre alt bei Sams Geburt 1970. Der Junge wächst in Hamburg-Lokstedt auf. Seit deutsche Schulfreunde seinen Vornamen Cem falsch aussprachen, lässt er sich Sam nennen. Man spricht deutsch zuhause, die Eltern meiden Kontakt zu türkischen Familien. Sam hat nur deutsche Freunde. Er schafft es aufs Gymnasium, wo er als einziger Türke die Kanackensprüche erträgt.

In der ruhigen Hochhaussiedlung ändern sich Anfang der 80er die Verhältnisse: Deutsche ziehen weg, türkische Jugendgangs beherrschen die Szene, dealen und rauben. Bald steckt Sams deutschem Freund ein Schraubenzieher im Kopf. Täter sind die nachgezogenen Kinder jener Türken, die nach den ersten Facharbeitern für Drecksjobs bei deutschen Firmen aus Anatolien ins Land kamen. Die brutalen Kids dieser ungebildeten "Generation ganz unten" nennt Sam "Generation Kanack Attack". Die Stimmung im Viertel wird türkenfeindlich, nun jagen Skinheads Sams Brüder. Wie so viele rüstet er sich in Kampfsportschulen mit Karate, Kung-Fu, Thaiboxen für den Krieg zwischen deutschen und deutschtürkischen Teenagern.

Gymnasiast, perfektes Deutsch, Schülersprecher

Dabei ist Sam eigentlich ein assimilierter Mustertürke: Gymnasiast, perfektes Deutsch, er spielt Fußball in der Hamburg-Auswahl. Die tägliche Diskriminierung im Ausländeramt, im Kaufhaus, am Kiosk verdrängt er lange. Schwerer wiegt, dass er im letzten Moment von einem Sichtungsturnier für die Fußball-Jugendnationalmannschaft ausgeladen wird - der Trainer will keine türkischen Spieler. Sam wird Leistungsträger in der A-Jugend des FC St. Pauli, doch als er herausfindet, dass ein aus seiner Sicht allenfalls ebenso guter deutscher Spieler einen Amateursvertrag erhält und damit das Zehnfache seiner 60 Mark verdient, sieht er keinen Sinn mehr im Fußball. Er macht Kampfsport und schafft bald 100 Liegestütze, einarmig.

Während eines High-School-Jahres in Florida erlebt Sam, wie Anti-Diskriminierungs-Gesetze farbige und weiße Schüler aus allen Schichten knallharten Regeln unterwerfen. Wer sich rassistisch äußert, fliegt von der Schule. Zurück in Deutschland, erlebt er eine andere Realität. An einem bürgerlichen Gymnasium in Hamburg wählen sie den coolen, hübschen Macho gegen einen deutschen Streber zum Schülersprecher - doch Sam tritt vom Amt zurück. "Weil der Schuldirektor zu mir sagte: Ich kann mir keinen türkischen Schulsprecher erlauben, die Neuanmeldungen fürs nächste Schuljahr sind rückläufig." Der damalige Schuldirektor bestreitet dies gegenüber stern.de.

Sam fühlt sich wie vergewaltigt, "wie ein Mädchen, das von seinem Onkel missbraucht wird". Hinzu kommen Probleme zwischen seinen Eltern, die sich scheiden lassen. Er schafft sein Abi mit einer Durchschnittsnote von 2,9. Dann steigt er aus und denkt: "Scheiß auf die Uni".

Er wird Gangster. "Nur mit Gewalt und Betrug komme ich hier nach oben, meinte ich. Ich wollte den Deutschen zeigen, dass ich es drauf habe. Ich würde mich nicht mehr von ihnen verarschen lassen, ich würde sie verarschen." Das Entree in die neue Welt verschafft ihm ein Verwandter, Profiboxer und Rotlichtpatron. Der fährt einen nagelneuen Porsche Carrera, trägt stets edelste Anzüge und abgefahrene Stiefel und immer ein dickes Bündel Geld in der Hose, "direkt bei den Eiern". Von ihm lernt Sam das Gangster-Einmaleins: topfit sein, um nie im Fight Mann gegen Mann zu verlieren. In den Clubs Leute so brutal umhauen, dass die ganze Szene über dich redet. Kein Alkohol, sonst machst du dich zum Hampelmann. Einen deutschen Pass besorgen, um nicht abgeschoben zu werden. Wenn du die Waffe ziehst, unbedingt auch schießen - sonst wirst du nicht ernst genommen. "Und immer auf mich hören."

Einem Gegner schlug er das Auge breiig

Sam steigt ein ins Warentermingeschäft. Reden kann er, und Wirtschaftskriminalität hält er für das beste schmutzige Geschäft. Mit Freunden zocken sie Leute mit Geld ab, Mittelständler, Anwälte, Ärzte, indem sie ihnen Wetten auf Devisenkurse aufschwatzen und nur einen Bruchteil des Kapitals tatsächlich an den Börsen handeln. Ein Telefongeschäft mit dem Vertrauen und der Gier von Spekulanten - die immer verlieren.

In den verglasten Büroetagen von Firmen namens CiRox, Nordec, Comisco steigt Sam rasant auf - vom kleinen "Broschemann", der Anleger mit Hochglanzbroschüren ködert, zum Top-Verkäufer, der Kunden bis auf den letzten Pfennig auszieht. Mit 21 verdient er schon mal 70.000 Mark im Monat, später regelmäßig das Doppelte. Den Belgier Rene van A. erleichtern sie um 2,7 Millionen Mark. Eine Multimillionärin aus Ostdeutschland, die mit Chauffeur und Limousine veruntreute Treuhandgeldern zur Firma bingt, hängt sich am Ende auf.

In Videotheken besorgt sich Sam Gangsterfilme, der Pate, Scarface, Goodfellas, "die großen Mafiafilme waren unsere Bibeln". Die jungen Türken tragen nun schwarze Lederblazer, schwarze Hemden, Cowboy-Stiefel. Man erkennt die Gang am Gang: breitbeinig, Brust raus, Kopf hoch. Dreitagebart: grundsätzlich. Gepflegtes Deutsch: Pflicht. Maniküre, Pediküre, Zupfen der Nasenhaare: ein Muss. Portemonnaies sind peinlich, Wechselgeld gibt´s nicht mal beim Bäcker. "Zu viel Metall, in der Hose waren schon Messer und mein Trommelrevolver".

Abgefeiert wird abends in der Discothek "Traxx". Sam hat sich im Milieu einen Brutalo-Ruf erschlagen, gilt als Spezialist für Nasenbeinbruch per Kopfstoß. Einem winselnden Kerl haut er das rechte Auge breiig, nimmt sich dann den Türsteher vor und geht anderntags zum Geschäftsführer und fordert eine Entschuldigung. Bald ist er ziemlich weit oben.

Türken-Musa, frisch aus dem Knast, läßt Türken-Sam gewähren. Musa A. baut binnen eines Jahres die Gangster GmbH auf, eine Truppe von 100 Leuten, mit "Soldaten", "Leutnants", "Generälen", gegen deren Brutalität die deutschen Zuhälter chancenlos sind. Der Pate kassiert Schutzgeld von Bordellen, macht Drogendeals und Inkassoaktionen. Sam zählt zu seinen engsten Vertrauten. Wie Musa stammt seine Familie aus der ostanatolischen Provinz Malatya.

Ernüchterndes Ende

Als die Polizei 1997 in Sams neuer Firma an der Alster eine Razzia durchzieht, finden sie nichts: Wichtige Unterlagen sind in einem geheimen Office an der feinen Milchstraße. Sam fährt im Schritt-Tempo an den Einsatzfahrzeugen der Polizei vorbei, kurbelt die Scheibe seines Jeeps herunter und grinst einem draußen wartenden Beamten ins Gesicht.

Doch die Razzien häufen sich. Zu Ende geht die Zeit als Gangster wie in den Filmen, die Sam so liebt. Er ist spielsüchtig und dauernd auf Koks, in seinen Warenterminfirmen herrscht Verrat, das Mafiagerede von Loyalität, Vertrauen und dem Schoß der Familie erweist sich als hohl angesichts der Geldgier aller Beteiligten. Um mit einem Mord Härte zu zeigen, bietet Sam dem Paten an, irgendeinen von dessen Feinden abzuknallen. Da rät ihm Musa A. zum Aussteigen.

Wenig später verhaftet die Polizei den Paten wegen Fahrens ohne Führerschein und sperrt ihn weg. Das Imperium der Gangster GmbH bricht zusammen. Manche landen im Knast, andere setzen sich ab, die meisten enden als arme Würstchen. Sam ist ausgestiegen, fast alle seiner Untaten sind verjährt. Er kommt mit zwei Jahren auf Bewährung und 50.000 Euro Geldstrafe wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs davon.

Überfälliger Politikwechsel

Heute lebt er in Berlin, wo er demnächst einen Job als Immobilienverkäufer antritt. In einem Fitness-Club am Ku´damm lernte er kürzlich den deutsch-türkischen Tatort-Kommissar Mehmet Kurtulus kennen. Seitdem sind beide ziemlich dicke. Kurtulus ist beeindruckt von Sams "überwältigender Lebensgeschichte". Auch er ist in Deutschland geboren, auch er kennt die Lage vieler Türken, auch er wurde zum Schulsprecher seines Gymnasiums gewählt - durfte es aber bleiben. Sams Abgleiten ins kriminelle Milieu sieht er als "verzweifelten Versuch eines Jungen, der seine Chance in der Gesellschaft suchte, aber seine Akzeptanz nur in einer Scheinwelt fand".

Einer Welt, "die du so sehr willst, wenn du jung bist und wütend und das Ghetto kennst", sagt Sam. Dort herrsche mittlerweile eine völlig perspektivlose, zu allem bereite "Generation Wut". Die Politik müsse endlich Zeichen setzen: "Macht Schluss mit den Migrantenschulen. Verteilt Ausländerkinder nach Quoten auf eure Schulen. Erlasst knallharte Gesetze gegen Diskriminierung, so wie in den USA. Sonst werdet ihr bald ein Heer von Millionen weiterer Verbrecher und Gewalttäter haben, und die haben immer euch Deutsche zum Feindbild."