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Fall Martin Bach: Sie waren das Traumpaar, doch dann kam diese Nacht in Hagen. Und er verschwindet. Bis heute

Vor elf Jahren verschwindet ein Familienvater von einer Feier. Es gab einen Streit mit seiner Frau. Ob er untergetaucht oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist - alles scheint möglich. Für die Angehörigen wird die Ungewissheit zur Qual.

Von Ulla Reinhard

Fall Martin Bach

Der Tag, an dem Hans Bach seinen Sohn das letzte Mal sieht, ist ein mäßig warmer Tag im Juni. Gemeinsam verlegen die beiden die Fußbodenbretter auf dem Balkon von Martins Wohnung. Der 34-Jährige hat die Wohnung an das Haus seiner Eltern in Aukrug in Schleswig-Holstein angebaut. Er ist schon vor einer Weile mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter eingezogen. Aber bis die Zukunft perfekt ist, gibt es noch viel zu tun.

Gegen Mittag, so erinnert sich Hans Bach im Gespräch dem stern, fragt seine Schwiegertochter, ob Martin nach Hagen in Westfalen mitkomme. Tanja* Bach will in ihre Heimatstadt fahren, um die Geburtstagsfeier ihres Onkels zu besuchen. Martin entscheidet spontan, seine Frau zu begleiten. Die sechs Jahre alte Marie* soll bei den Großeltern in Aukrug bleiben. Auch sie nehmen sich etwas Schönes vor: Mit der "Lütten" wollen sie auf ein Spargelfest gehen.

"Tschüss, Alter", sagt Martin zu seinem Vater. "Tschüss, Martin", sagt Hans Bach. Schon übermorgen, am Sonntag, wird man sich wieder sehen. Zusammen essen, schnacken, werkeln - wie eigentlich jeden Tag, seit man unter einem Dach wohnt. Davon geht Hans Bach aus. Er kann nicht wissen, dass es anders kommen wird.

Martin und Tanja - für die Leute im Dorf waren sie ein Traumpaar

Martin und Tanja Bach fahren am 1. Juni 2007 mit dem VW Polo die rund 400 Kilometer von Aukrug nach Hagen. Die beiden haben sich vor elf Jahren in einer Arztpraxis in Aukrug kennengelernt. Martin war Patient, Tanja Arzthelferin. Sie wurden ein Paar, für die Leute im Dorf das Traumpaar: Tanja, 32 Jahre alt und gelernte Krankenschwester, ist eine attraktive Frau. Martin, Betonbauer und leidenschaftlicher Amateurfußballer, ist groß, blond und athletisch.

2001 kam Marie auf die Welt. 2004 heirateten Martin und Tanja. 2005 überschrieben Hans und Renate Bach ihrem Sohn das Grundstück in Aukrug. Sie behielten ein Wohnrecht. Martin schuftet in seiner Freizeit ständig an dem Anbau. Für seine Tochter hat er im Garten eine Schaukel gebaut. Finanziell steht die kleine Familie nicht schlecht da. Martin hat sogar dafür gebürgt, dass sich Tanjas Mutter eine Wohnung kaufen konnte.

Gegen 19.30 Uhr kommen die Eheleute in Hagen-Eckesey an, wo die Geburtstagsfeier stattfindet. Der Stadtteil erstreckt sich im Norden der Arbeiterstadt zwischen einem bewaldeten Höhenzug und einem breiten Fernverkehrs-Schienenband. Es gibt einfache Mietshäuser und weitläufige Grundstücke von Industrie- und Handelsunternehmen.

Der Onkel von Tanja, Besitzer eines Malereibetriebs, feiert seinen 60. Geburtstag im Vereinsheim des TuS Eintracht Eckesey. Der Flachbau steht frei auf einer Grünfläche. Dahinter fließt die Volme. Auch die Bundesstraße führt hinter dem Vereinsheim entlang.

Irgendwann in dieser Nacht verschwindet Martin Bach spurlos

Rund 80 Leute sind zu der Feier geladen. Tanja Bach kennt die meisten und unterhält sich im Verlauf des Abends mit fast allen. Später tanzt sie auch. Martin kennt nur einige Gäste über seine Frau. Ansonsten hat er keinerlei Kontakte nach Hagen. Er trinkt das eine oder andere Glas. Gegen 1.30 Uhr - Tanja steht gerade mit ihrem Cousin hinter dem Tresen - kommt es zum Streit zwischen Martin und ihr. Erst im Vereinsheim, dann davor. Worum es geht und wie die Auseinandersetzung abläuft, wird sie später der Polizei sagen.

Fall Martin Bach - das Vereinsheim

Der Ort des Verschwindens: Am 1. Juni 2007 besuchten Martin Bach und seine Frau die Geburtstagsfeier ihres Onkels in einem Vereinsheim in Hagen-Eckesey. In der Nacht verschwindet Martin Bach spurlos

stern

Fest steht: Irgendwann und irgendwo in dieser Nacht in Hagen verschwindet Martin Bach - 1,86 Meter groß, 88 Kilogramm schwer, bekleidet mit einem rosafarbenen Hemd über einem weißen T-Shirt und einer Blue Jeans. Er verschwindet spurlos, wie es scheint.

Zwei Tage später, am Sonntag, erwartet Hans Bach, damals 65 Jahre, seinen Sohn und seine Schwiegertochter wie verabredet in Aukrug. Aber Tanja kehrt alleine zurück. Der Papa sei noch länger in Hagen geblieben, sagt sie zu Marie. Den Schwiegereltern erzählt sie, Martin sei einfach weggegangen von der Feier - so erinnert es Hans Bach.

Der Vater wundert sich über seinen Sohn und er ärgert sich über ihn. Er geht davon aus, dass Martin in Kürze nachkommt.

Die Suche

Verschwindet ein erwachsener Mensch anscheinend ohne Grund aus seinem gewohnten Lebenskreis, ist das für die Polizei eine komplizierte Angelegenheit. Schließlich hat jeder grundsätzlich das Recht, seinen Aufenthaltsort frei zu wählen. Die Polizei kann einer Person nicht einfach hinterher suchen - es sei denn, die Umstände liefern Indizien für einen Unfall oder womöglich ein Verbrechen. Entscheidend hierfür sind zunächst einmal die Angaben der Angehörigen.

Tanja Bach geht am Montag - Martin ist seit drei Tagen verschwunden - zur Polizei in Neumünster in Schleswig-Holstein und meldet ihn als vermisst. Sie berichtet von der Geburtstagsfeier und von der Auseinandersetzung. Ihr Mann sei eifersüchtig gewesen. Das komme häufiger vor, wenn sie sich nicht genug um ihn kümmere.

Die Polizei fasst ihre Angaben in einem Protokoll zusammen:

Martin will demnach mit dem Auto vom Parkplatz des Vereinsheims wegfahren. Da er betrunken ist, stellt sich Tanja vor die Fahrertür. Martin schiebt sie beiseite. Sie schubst ihn mit Anlauf weg. Bei einem anschließenden Gerangel gelingt es ihr, die Wagenschlüssel an sich zu nehmen. Martin geht daraufhin vom Grundstück rechts die Droste-Hülshoff-Straße entlang und biegt nach wenigen Metern links in die Lenaustraße ein. Tanja folgt ihm.

In Höhe der Hausnummer 15 setzt er sich auf Treppenstufen. Er sagt - so gibt es Tanja bei der Polizei an -, dass er die Scheidung will. Tanja ohrfeigt ihn und steckt ihm ihren Ehering ins T-Shirt. Dann geht sie zurück ins Vereinsheim, um ihre Jacke zu holen. Als sie nach etwa fünf Minuten wiederkommt, ist Martin weg.

Tanja Bach sucht ihren Mann laut Protokoll. Sie läuft die Straße auf und ab und fährt mit ihrer Mutter im Auto durch die Gegend. Sie übernachtet im Wagen vor dem Vereinsheim. Aber Martin taucht nicht wieder auf.

Die Ehefrau beschreibt ihren Mann als zuverlässig - insbesondere in Bezug auf die gemeinsame Tochter. Er sei allerdings schon öfter eingeschnappt weggegangen und habe auch größere Entfernungen zurückgelegt. Martin habe rund 50 Euro, seine EC-Karte und seinen Führerschein bei sich. Sein Handy sei im Auto liegen geblieben, der Personalausweis zu Hause.

Fall Martin Bach - der Hauseingang

In diesem Hauseingang, nur wenige Meter vom Vereinsheim entfernt, will Tanja Bach das letzte Mal mit ihrem Mann Martin gesprochen haben. So lautete jedenfalls ihre Zeugenaussage bei der Polizei

stern

Der Polizei kommt das Verschwinden von Martin Bach "zumindest merkwürdig" vor, sagt Erhard Böttcher, Erster Kriminalhauptkommissar und seinerzeit Chef der Vermisstenstelle Neumünster. Fakt ist, dass es seit drei Tagen kein Lebenszeichen von dem Familienvater gibt. Er könnte nach dem Streit abgehauen sein - wie und wohin auch immer.

Es ist auch denkbar, dass er verunglückt oder Opfer einer Straftat geworden ist. Ein Suizid kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden, auch wenn Tanja Bach das für abwegig hält. Die Polizei leitet deshalb eine Vermisstenfahndung ein. Martin Bachs Personalien werden im "Informationssystem der Polizei" (INPOL) erfasst, auf das alle deutschen Polizeidienststellen Zugriff haben. Sollte er im Rahmen einer polizeilichen Kontrolle überprüft werden, wäre sofort klar, dass er vermisst wird.

Täglich werden in Deutschland etwa 250 bis 300 solcher Fahndungen ausgeschrieben und auch gelöscht. Es gibt keine polizeiliche Statistik, wie viele Menschen vermisst werden. Das Bundeskriminalamt führt immer nur eine aktuelle Zahl. Mit Stand 1. April 2018 sind es 11.153, allerdings erledigen sich rund 50 Prozent aller Vermisstenfälle innerhalb der ersten Woche. Binnen Monatsfrist sind es über 80, innerhalb eines Jahres 97 Prozent.

"Komm bitte wieder zurück zu uns nach Hause!"

Im Fall von Martin Bach übernimmt Neumünster die Federführung, da Vermisstenfälle am Wohnort der vermissten Person bearbeitet werden. Mit Hagen wird die Zusammenarbeit vereinbart. Die Polizei sieht die "Gefahr für Leib oder Leben", deren Annahme jeder Vermisstenfahndung zugrunde liegt, als nicht ausgeschlossen, aber nicht als konkret an. Die Suche wird vor allem vom Schreibtisch aus angegangen.

In den darauffolgenden Tagen fragen Polizeibeamte fernmündlich in Krankenhäusern in Westfalen und Schleswig-Holstein sowie in Obdachlosenunterkünften nach Martin Bach. Sie kontaktieren seinen Arbeitgeber - die Betonwerke in Hohenwestedt - und seinen Fußballverein. Der 34-Jährige ist nirgendwo erschienen. Er hat sich bei niemandem gemeldet. Es wird kein Geld von seinem Konto abgehoben.

Seine Kollegen und Freunde beschreiben ihn gegenüber der Polizei ebenfalls als verlässlichen Menschen und fürsorglichen Vater, der oft zu Hause anrufe, um sich nach seiner Tochter zu erkundigen. Martin und Tanja würden einen glücklich Eindruck machen und ihre Zukunft auf Haus und Familie aufbauen. Von Krankheiten oder Depressionen ist niemandem etwas bekannt.

Tanja Bach hängt unterdessen Zettel in Neumünster und offenbar auch in Hagen aus - die Lokalzeitungen berichten darüber. Sie schreibt darauf: "Lieber Martin! Alles was passiert ist, ist gewesen! Marie und ich lieben Dich über alles und brauchen Dich ganz dringend. Wir vermissen Dich ganz doll, komm bitte wieder zu uns nach Hause."

Fall Martin Bach - die Fernsehfahndung

Mit einem Plakat suchte die Familie sowohl in Neumünster, in der Nähe ihres Wohnorts, als auch in Hagen, dem Ort des Verschwindens, nach Martin Bach. Der Fall wird auch in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst ..." behandelt

Sie fährt noch einmal zur Polizei nach Neumünster und bittet, die Gegend in Hagen mit einer Polizeikette und gegebenenfalls mithilfe von Technischem Hilfswerk oder Feuerwehr abzusuchen. Aber die Polizei sieht hierfür keinen Anlass.

Die Zweifel

Hans Bach, der Vater von Martin, sitzt in diesen Tagen mit seiner Frau zu Hause in dem großen Backsteinhaus in Aukrug und weiß nicht, was er machen soll. Der anfängliche Ärger ist längst verflogen. Stattdessen sind die Sorgen gekommen, und sie wachsen schnell. Renate schneidet die Zeitungsartikel über ihren Sohn aus und sammelt sie in Klarsichthüllen.

Auf einmal steht alles infrage: das Leben von Martin, sein Glück, seine Liebe.

Hans Bach spricht mit seinem Bruder Werner, einem Rechtsanwalt. Er erzählt ihm, dass Martin nicht geplant hatte, nach Hagen zu fahren. Und kurz vor der Abreise hatte er noch einem Freund für dessen Party in der kommenden Woche zugesagt. Sollte er abgehauen sein - es müsste ein sehr spontaner Entschluss gewesen sein. Sollte sein Sohn wirklich seine Familie verlassen haben - er würde wenigstens leben.

Werner Bach bremst seinen Bruder. "Martin lässt sein Kind nicht allein", sagt er. Alles, was in Hagen passiert sei, beruhe doch allein auf Tanjas Angaben. Für ihn steht weder die angeblich grundlose Eifersucht von Martin noch der Ablauf des Streits fest. Dass Martin von Scheidung gesprochen und in dem Hauseingang gesessen haben soll, ist für ihn genauso wenig belegt wie die nächtliche Suche von Tanja.

Hans und Werner Bach sind sich einig: Martin und Tanja, so ihre Vermutung, hätten schon seit einiger Zeit eine Ehekrise. Martin sei eifersüchtig - und habe Grund dazu. Er sei nie ohne sein Handy anzutreffen und würde es sicher nicht einfach im Auto liegen lassen. Was, wenn etwas ganz anderes passiert ist?

Der Verdacht: Ist Martin Bach einem Verbrechen zum Opfer gefallen?

Am 26. Juni erscheint Werner Bach im Auftrag seines Bruders bei der Polizei in Neumünster und berichtet von erheblichen Spannungen, die zwischen Martin und Tanja bestanden hätten. Er äußert den Verdacht, dass sein Neffe einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sein könnte.

Tanja Bach wird daraufhin noch mal angehört; dieses Mal in einer offiziellen Zeugenvernehmung. Es ergeben sich laut Polizei keine Widersprüche zu ihren vorherigen Angaben.

Die Polizei befragt nun auch Tanjas Mutter, die den Streit auf dem Parkplatz beobachtet haben soll. Ihre Angaben entsprechen denen der Tochter. Ein weiterer Zeuge, der an der Pforte gestanden haben soll, sagt, Martin habe wohl handgreiflich werden wollen. Tanja und ihre Mutter seien dann in die gegenüberliegende "Schule" gegangen. Er, der Zeuge, sei in den Festraum zurückgekehrt.

In der Akte ist an dieser Stelle der Befragung ein Fragezeichen vermerkt. Es ist nicht klar, welches Gebäude der Zeuge meint. Vielleicht die Sporthalle gegenüber vom Vereinsheim. Tanja Bach hat darüber nichts gesagt. Der Widerspruch wird nicht aufgeklärt.

Eine Cousine, die laut Tanja auch auf dem Parkplatz war, wird nicht befragt. Ebensowenig ein Bekannter von Tanja, der ihr entgegengekommen sein soll, nachdem sie ihre Jacke geholt und wieder zu Martin habe gehen wollen. Er habe sie gewarnt, allein dahin zu gehen.

Kriminalhauptkommissar Böttcher sagt: "Natürlich kann der vorher was gesehen haben, aber zig andere Leute auch." Es fehle jedoch der Anhaltspunkt für eine Straftat - ein "Anfasser". Mit anderen Worten: Nur weil eine Straftat nicht auszuschließen ist, ermittelt die Polizei nicht wegen einer Straftat. "Wir sind hier in einem Graubereich", sagt Böttcher.

Er legt die Vermisstenakte seinerzeit der Mordkommission vor, um eine Übernahme des Falles prüfen zu lassen. Die Ermittler sehen es wie er.

Für Werner Bach bleibt das letzte Aufeinandertreffen von Martin und Tanja verdächtig. Im Auftrag von Hans kontaktiert er einen Privatdetektiv in Hagen. Der bezeichnet die Umgebung des Vereinsheims als düstere Gegend, in der man nachts nicht unbedingt herumlaufen sollte.

Fall Martin Bach - die Bahngleise

Ebenfalls ganz in der Nähe des Vereinsheims verlaufen die Gleise eine vielbefahrenen Bahnstrecke. Ist Martin Bach hier womöglich einem Unfall zum Opfer gefallen?

stern

Mehr unternehmen Hans und Werner Bach nicht.

Der Sommer geht zu Ende, ohne dass die Polizei eine einzige Spur findet. Infolge der Äußerungen von Werner Bach wurde inzwischen Martins Handy ausgewertet. Das Landeskriminalamt hat darauf keine Kontakte oder Nachrichten gefunden, die erklären könnten, was passiert ist. Die Polizei hat sich bundesweit bei kassenärztlichen Vereinigungen nach Abrechnungen erkundigt. Sie hat in einem Leihhaus in Hagen nachgefragt, ob die Eheringe versetzt worden sind. Nichts.

Der Kontakt der Schwiegereltern zu Tanja Bach bricht ab

Nach dem Sommer kommt Marie in die erste Klasse. Hans Bach bringt seine Enkeltochter ein paar Mal zur Schule. Sie isst auch noch einige Male bei ihren Großeltern. Aber der Kontakt nimmt ab. Hans Bach sagt, seine Frau habe versucht, mit Tanja zu reden. Aber wo Misstrauen ist, kann wohl viel kaputt gehen.

Ende des Jahres besucht Böttcher Tanja Bach in Aukrug und nimmt eine DNA-Probe von Martins Rasierer. Sie wird zusammen mit seinem Zahnschema in die Datei "Vermisste/Unbekannte Tote" eingepflegt. Kurz darauf zieht Tanja mit Marie aus. Sie leben von nun an in einem Nachbarort. Die Großeltern sehen ihre Enkeltochter noch zwei, drei Mal. Dann bricht der Kontakt ab.

Es bleiben ein Herzaufkleber, den Marie auf dem Klingelschild angebracht hat, und Erinnerungen, die sich nach und nach auf einzelne Bilder reduzieren. Wie Martin seiner Tochter im Schwimmbad vom Zehn-Meter-Turm hinterher sprang. Wie sie alle zusammen das Fußballsommermärchen schauten. Die ganze Familie.

Die Sache mit den Hunden

Im August 2008 - Martin Bach ist seit 14 Monaten verschwunden - führt die Polizei in Hagen einen Einsatz mit Personensuchhunden, sogenannten Mantrailern, durch. Es ist das erste Mal, dass sie den Ort des Verschwindens aufsucht. Die Vermisstensuche mit den Hunden sei damals erst publik geworden, sagt Böttcher.

Der Spürhund "Anton" bekommt eine Geruchsprobe von einer Hose von Martin. Er läuft vom Vereinsheim etwa 200 Meter weit auf das Grundstück einer Tankstelle und von dort eine etwa fünf Meter tiefe Böschung hinab zur Volme. Hier kann die Suche wegen des dichten Gebüsches nicht weiter geführt werden.

Fall Martin Bach - das Ufer

Bei der Suche mit speziell ausgebildeten Personensuchhunden führt eine Spur an die Uferböschung der Volme. Ist Martin Bach womöglich hier in den Fluss gestürzt? Aber warum wird dann seine Leiche nie gefunden?

stern

Hündin "Ella" läuft vom Vereinsheim ebenfalls zur Tankstelle, überquert das Gelände, läuft die Fuhrparkstraße hinauf, macht einen Abstecher auf das Grundstück der Hagener Entsorgungsbetriebe und bleibt auf einer Brücke stehen, die über das Fernverkehrs- Schienenband führt.

Beide Hunde laufen demnach nur auf den ersten Metern den Weg, den Martin laut Tanja vom Vereinsheim aus gegangen ist. Bei der Kreuzung zur Lenaustraße schlagen sie eine andere Richtung ein.

Die Polizei in Hagen führt das darauf zurück, dass die Tiere immer nur die "frischeste" Geruchsspur verfolgen, Martin also - nachdem er in der Lenaustraße im Hauseingang gesessen hat - bis zur Kreuzung zurückgegangen sein und dann die Route der Hunde eingeschlagen haben könnte.

Leichenhunde schlagen nicht an

Zwei Monate später lässt die Polizei Abschnitte des Ufers der Volme und der Bahngleise von Leichenhunden absuchen. Sie schlagen nicht an. Im Abschlussbericht heißt es: Letztlich könne nicht ausgeschlossen werden, dass Martin Bach den Bereich der Tankstelle, wo beide Mantrailer hingelaufen sind, mit einem Taxi oder einem anderen Fahrzeug verlassen hat.

Für Hans Bach ist das ein Zeichen, dass sein Sohn Martin noch leben könnte. Der Einsatz mit den Hunden bedeutet ihm deshalb viel.

Allerdings: Mantrailer können die Geruchsspur eines Menschen in der Regel nur binnen weniger Tage verfolgen. In Sachsen wird die Suche bei Spurenaltern von bis zu sechs Monaten erforscht.

Warum die Polizei Hagen die Hunde im Fall Martin Bach über ein Jahr nach seinem Verschwinden eingesetzt hat, bleibt offen. Kommissar Böttcher sieht das Ergebnis deshalb kritisch.

Zehn weitere Monate später - Martin ist seit mehr als zwei Jahren verschwunden - bezeichnet der Kommissar den Vermisstenfall in der "Westfalenpost" als "mysteriöse Sache". Nichts spreche dafür, dass Martin Bach seine Familie nach dem "Ich-gehe-mal-eben-Zigaretten-holen"-Motto im Stich gelassen habe. "So einer haut nicht einfach ab", sagt Böttcher.

Kurz darauf wird der Fall in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" behandelt. Danach gehen einige Hinweise ein, die von der Polizei überprüft werden. Und dann vergehen die Jahre.

Das Warten

Erhard Böttcher sitzt in der Polizeidirektion Neumünster vor den beiden Aktenordnern, die es zur "Dauervermisstensache" gibt. Elf Jahre sind inzwischen vergangen. Er überlegt einen Moment und sagt dann: "Ich habe kein Bild von Martin Bach." An seine Äußerungen in der "Westfalenpost" erinnert er sich nicht.

Der einzige Fakt, der in all den Jahren hinzugekommen ist, ist die Zeit an sich. Nach Ansicht von Böttcher hat die Polizei alles getan, was in dem Fall erforderlich war. Es handele sich um eine Vermisstensache mit aller Tragik, aber um keinen besonderen Fall. "Was immer passiert ist, ich weiß es nicht."

19 Jahre bleibt die Personenfahndung nach Martin Bach noch bestehen - zumindest in den Computersystemen der Polizei. Sollte die Polizei ihn in dieser Zeit lebend finden, würde sie ihn fragen, ob sie seinen Angehörigen seinen Aufenthaltsort mitteilen darf. Auf alle Fälle dürfte sie die Angehörigen darüber informieren, dass er lebt.

Fall Martin Bach - die Presse

Immer wieder wird das Verschwinden von Martin Bach auch in der Lokalpresse aufgegriffen. Doch die Berichte führen zu keinen neuen Spuren

Sollte er tot aufgefunden werden, könnten sich - je nach den Umständen - andere Fragen stellen. Ob es etwa Spuren gab, die hätten gefunden werden müssen.

In der Kanzlei von Werner Bach in Neumünster ist an einem warmen Tag durch das geöffnete Fenster das Kreischen der Möwen zu hören. Werner Bach zündet sich eine Zigarette an. "Martin war ein liebevoller Vater und ein Mann der Scholle", sagt er. "Er hatte nie vor, sein Haus und seinen Heimatort zu verlassen."

Der Onkel glaubt nicht, dass sein Neffe noch lebt. Einen Suizid hält er für ausgeschlossen. Und bei einem Unglücksfall werde man irgendwann gefunden. "Da bleibt nur eines übrig", sagt er. Sollte die Polizei etwas herausfinden über den Verbleib von Martin, würde Werner Bach für seinen Bruder wieder den Kontakt mit der Behörde übernehmen und "Familienhilfe für Hänschen" leisten.

"Wenn Martin vor der Tür steht, holen wir ihn rein"

Hans Bach sitzt rund 15 Kilometer weiter in Aukrug an einem Tisch mit Plastiktischdecke, auf der "Café de Paris" steht. Einen halben Meter daneben steht das Rollbett seiner Frau. Sie hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall und ist seitdem linksseitig gelähmt. Wenn sie um 16 Uhr aus der Tagespflege zurück gebracht wird, übernimmt er.

Abends schauen die beiden oft fern. Wenn Renate dabei etwas an Martin erinnert, beginnt sie zu weinen. Hans schaltet dann einen anderen Sender ein. Irgendwann schläft seine Frau ein und er erledigt den restlichen Haushalt. Hans Bach sagt: "Wenn Martin vor der Tür steht, holen wir ihn rein. Da wird nicht drüber geredet."

Er sagt, er glaube, Martin sei nach Mallorca abgehauen. Warum glaubt er das? "Da hat er mal Urlaub gemacht, und es hat ihm gut gefallen."

Glaubt er das wirklich? Hans Bach hebt die schweren Schultern zu einem traurigen Zucken. Es geht hier schon lange nicht mehr um Fragen und Antworten. Es geht wohl um die Liebe zum eigenen Kind, die in keiner Nacht endet.

Manchmal reden Hans und Renate Bach auch über ihren Sohn. Gestern Abend zum Beispiel. "Bald ist sein Geburtstag", hat Renate gesagt. "Ja", hat Hans geantwortet und versucht, sich an das genaue Datum zu erinnern. "Da kann er sich ja mal melden", hat die Mutter dann noch gesagt.

(*Namen geändert)


Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.