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Getötetes Kind Leiche weggebracht, aber Peggy nicht ermordet? Die dringendsten Fragen zum Fall

Im Fall Peggy gab es einen Durchbruch
Im Fall Peggy gab es einen Durchbruch
© David-Wolfgang Ebener / DPA
Ein Tatverdächtiger im Mordfall Peggy hat gestanden, die Leiche des Mädchens in den Wald gebracht zu haben. Umgebracht haben, will er sie aber nicht. Das Wichtigste zu den neuen Entwicklungen.

Im Mordfall Peggy hat es einen entscheidenden Durchbruch gegeben. Der Tatverdächtige Manuel S. hat gestanden, die Leiche des Mädchens vor 17 Jahren in ein Waldstück in Thüringen gebracht zu haben. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag in Bayreuth mit. Umgebracht haben will der 41-jährige Tatverdächtige das damals neunjährige Kind aber nicht. Der leblose Körper von Peggy sei ihm an einer Bushaltestelle von einem anderen Mann übergeben worden, sagte er den Ermittlern zufolge aus. S. habe den Mann namentlich genannt, die Behörden wollten sich dazu jedoch "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht weiter äußern. Die Ermittler hielten sich bei der Pressekonferenz insgesamt sehr bedeckt. Auch bei einer stern-Anfrage bei der Staatsanwaltschaft Bayreuth wurden nahezu sämtliche Nachfragen zum Fall abgeblockt.

Warum ist Manuel S. auf freiem Fuß?

Nach seinem Geständnis ist Manuel S. wieder entlassen worden. Zwar werde weiter wegen Mordes gegen ihn ermittelt, es bestünde allerdings laut Staatsanwalt Daniel Götz "kein dringender Tatverdacht", der einen Haftbefehl rechtfertigen würde. "Den sehen wir nicht", sagte er.

S. hatte den Behörden zufolge ausgesagt, das tote Mädchen in eine rote Decke eingewickelt und in das Waldstück gefahren zu haben. Zuvor will er noch versucht haben, Peggy wiederzubeleben. Wenige Tage später habe er zu Hause ihre Jacke und ihren Schulranzen verbrannt. 

Das Geständnis kam offenbar durch zunehmenden Druck der Ermittler zustande. Diese hätten vergangene Woche zwei Grundstücke von ihm untersucht und dabei an Gehwegplatten Torfspuren gefunden, die mit solchen auf Peggys Leiche übereinstimmten. Zudem seien bei einer forensischen Pollenanalyse an der Leiche Farbreste festgestellt worden, die ebenfalls zu Farbspuren aus Renovierungsmüll des 41-Jährigen passten.

Auf stern-Nachfrage, warum dies keinen dringenden Tatverdacht rechtfertige, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel: "Er hat ja nicht den Mord gestanden".

Wäre die gestandene Tat verjährt?

Der unter Mordverdacht stehende 41-Jährige hat ausgesagt, das Mädchen sei bereits tot gewesen, als es ihm übergeben wurde. Entsprechend wäre er - so seine Version denn stimmt - nicht des Mordes oder Totschlages schuldig. Denkbar wäre eine sogenannte Strafvereitelung (Paragraph 258 StGB). Diese wäre mittlerweile längst verjährt. Mord hingegen verjährt nie, Totschlag nach 20 Jahren, in besonders schweren Fällen nach 30. Peggy verschwand im Mai 2001, also vor 17 Jahren.

Wen könnte er beschuldigt haben?

Die Ermittler blockten auf der Pressekonferenz Nachfragen dazu ab, wer Manuel S. nach dessen Aussage das tote Kind übergeben haben soll. Dies sei "kontraproduktiv", so Staatsanwalt Götz. Auch wollte man nichts dazu sagen, ob dieser Mann früher bereits im Visier der Ermittler war.

Neben S. ein seit langer Zeit Verdächtiger in dem Fall ist der pädophile Holger E., der gegenüber Ermittlern damals zugegeben hatte, dass es zu "Zärtlichkeiten" mit Peggy gekommen sei. Bei ihm zu Hause sollen Ermittler Bilder von dem Mädchen gefunden haben, es gab jedoch nie Beweise gegen ihn. Er wurde später wegen des Missbrauchs seiner eigenen Tochter und Nichte verurteilt.

Ein Detail zeigt jedoch deutlich in eine andere Richtung: Die Beamten betonten am Freitag mehrfach, dass aktuell nur gegen Manuel S. ermittelt würde. Dieser aber soll ihnen den Namen des Mannes genannt haben, der ihm angeblich ein totes Kind übergeben haben soll. Dass die Polizei gegen diese Person jedoch nicht einmal ermittelt, könnte mehrere Gründe haben: Entweder sie halten die Aussage für in diesem Teil völlig unglaubwürdig oder der von S. Beschuldigte ist tot.

Die dritte Möglichkeit: Er hat Ulvi K. beschuldigt. Der geistig behinderte Mann wurde 2004 wegen des Mordes in einem Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hatte zunächst gestanden, das Mädchen missbraucht und später umgebracht zu haben. Später widerrief er den Teil mit dem Mord. Das Gericht sah seine Schuld dennoch als erwiesen an, weil sein Geständnis so detailreich war. 2014 wurden das Verfahren neu aufgerollt und K. freigesprochen. Ein Hauptbelastungszeuge war wohl von der Polizei gedrängt worden, gegen K. auszusagen. Auch das zurückgezogene Geständnis war offenbar durch gezielte, suggestive Fragen durch die Polizei zustande gekommen.

Aufgrund dieser Vorgeschichte wäre es rechtlich extrem heikel, erneut gegen K. zu ermitteln. Der seit seinem rechtskräftigen Freispruch 2014 im betreuten Wohnen lebende K. kann dem Grundsatz "Ne bis in idem" nach (lateinisch etwa: nicht zweimal in derselben Sache) grundsätzlich nicht mehr für diese Tat angeklagt werden. Dies ist auch über Artikel 103 im Grundgesetz verankert. Es gibt zwar eine Hintertür im Gesetz, dafür sind die Regeln aber sehr streng. Ein Zeuge müsste damals zum Beispiel vorsätzlich für Ulvi K. gelogen haben, oder der Freigesprochene selbst müsste ein "glaubwürdiges Geständnis" ablegen.

Im Video: "Fall Peggy: Chronik eines rätselhaften Mordes" 

Mordfall Peggy
fin

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