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Terrorverdacht: Polizeibekannt und skrupellos – das ist über den Geiselnehmer von Köln bekannt

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach der Geiselnahme im Kölner Hauptbahnhof unter anderem wegen des Verdachts des versuchten Mordes gegen den überwältigten Täter. Der 55-jährige Syrer ist offenbar schon mehrfach aufgefallen.

Terrorverdacht: Nach Geiselnahme von Köln: Polizei gibt neue Details zum Tathergang bekannt

Es war am Montagmittag, kurz nach halb eins, als der Geiselnehmer zu seiner Wahnsinnstat schreitet. Es folgten Todesangst für seine Geisel, ein Nervenkrieg mit der Polizei und ein Chaos im Bahnverkehr. Nach rund zwei Stunden griffen die Spezialkräfte am Kölner Hauptbahnhof ein, feuerten auf den Mann und retteten die festgehaltene Apothekerin aus der Lebensgefahr. Aufatmen in Köln. Und Fragen: Wer ist der Täter? Was wollte er?

Einige Antworten gaben die Ermittler auf einer Pressekonferenz am Abend. Erste Hinweise zu dem Mann, der für Angst und Schrecken in der Domstadt sorgte, erlangten sie durch ein Papier, das Polizisten nach dem Zugriff in der Apotheke fanden – die Beamten gehen davon aus, dass es "mit hoher Wahrscheinlichkeit" dem niedergestreckten Täter gehört. "Die Ermittlungen hierzu sind aber noch nicht endgültig abgeschlossen", sagte eine Sprecherin dem stern am Dienstagvormittag.

Geiselnehmer von Köln ist polizeibekannt

Bei dem Dokument handelt es sich den Angaben zufolge um einen Aufenthaltstitel der Stadt Köln. Der Geiselnehmer ist demnach wohl ein 55-jähriger Syrer, der in Deutschland Schutz vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat suchte. Die zuständige Behörde stellte ihm eine Aufenthaltserlaubnis bis zum Jahr 2021 aus.

Die Polizei habe inzwischen die auf dem Aufenthaltstitel angegebene Anschrift in Köln durchsucht und "umfangreiches Beweismaterial" sichergestellt, so die Sprecherin weiter. Dieses werde jetzt ausgewertet.

Es soll den Ermittlern auch dabei helfen, das Motiv des Mannes für die Geiselnahme zu klären. "Wir ermitteln weiter in alle Richtungen", sagte die Sprecherin. Weder eine Beziehungstat noch ein terroristisches Motiv sei dabei auszuschließen.

Dass der Täter einen islamistischen Hintergrund haben könnte, legen auf den ersten Blick Zeugenaussagen nahe. Sie gaben an, der 55-Jährige habe vor der Geiselnahme gerufen, er gehöre "Daesh" an. Der Begriff "Daesh" ist eine arabische Bezeichnung für die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS), wird von deren Anhängern jedoch abgelehnt, da er abwertend konnotiert ist. Auch das Zurücklassen eines Ausweisdokuments am Tatort gilt als typisches Muster islamistisch motivierter Terroristen. Doch auch wenn für zahlreiche Nutzer sozialer Netzwerke ein solcher Bezug schon feststeht, es sind bisher nur Indizien, keine Beweise. Die Ermittlungen können noch Tage andauern.

Täter stellte Forderungen an die Polizei

Sicher ist nach bisherigen Erkenntnissen, dass der Mann mit großer Skrupellosigkeit vorgegangen ist. So soll er zunächst im McDonald's-Restaurant im Hauptbahnhof einen Brandsatz gezündet und dadurch ein 14-jähriges Mädchen schwer verletzt haben. Nachdem dort die Sprinkleranlage ausgelöst wurde, verließ er den Ermittlungen zufolge die Fastfood-Filiale, betrat die gegenüberliegende Apotheke und brachte die Mitarbeiterin in seine Gewalt. In einem Telefonat forderte er von der Polizei freies Geleit, seine beiden in der McDonald's-Filiale zurückgelassenen Gepäckstücke und die Freilassung einer Tunesierin. Um wen es sich dabei handelt, ist nicht bekannt.

Nach der Geiselnahme in Köln untersuchen Polizeibeamte die Apotheke im Hauptbahnhof

Noch Stunden nach der Geiselnahme sicherte die Polizei im Kölner Hauptbahnhof Spuren. 

DPA

Weil der Geiselnehmer neben einer Schusswaffe auch Brandbeschleuniger und Campinggas-Kartuschen dabei hatte, bestand die Gefahr, dass er eine Explosion herbeiführen oder seine Geisel anderweitig verletzen oder gar töten könnte. Als der Täter begann, den Brandbeschleuniger zu verteilen, eröffneten die Kölner Spezialkräfte das Feuer und befreiten die Geisel aus der Gefahrenzone. "Der Täter hat in dieser Situation die Geisel massiv bedroht und wohl noch versucht, sie anzuzünden", sagte Einsatzleiter Klaus Rüschenschmidt.

Geiselnahme nach mehreren Stunden beendet

Mehrfach von Kugeln der Polizei getroffen, sackte der Täter zusammen. Er wurde von einer Ärztin der Anti-Terror-Einheit GSG9 versorgt, reanimiert und kam zur Not-OP in ein Kölner Krankenhaus. Er werde dort weiterhin intensivmedizinisch versorgt, teilte die Polizei mit. Auch die bei dem Zugriff verletzte Geisel und die durch den Brandsatz verwundete 14-Jährige werden demnach weiter in der Klinik betreut.

Der Geiselnehmer sei seit 2016 "relativ umfangreich in verschiedenen Deliktfeldern kriminalpolizeilich in Erscheinung getreten", erläuterte Kölns Kripo-Chef Klaus-Stephan Becker, unter anderem wegen Diebstahls, Betrugs, Bedrohung, Körperverletzung und Hausfriedensbruchs. "Er ist jedoch noch nicht vorbestraft", sagte Staatsanwältin Natalie Neuen dem stern unter dem Vorbehalt, dass es sich bei dem Verdächtigen tatsächlich um den Besitzer des aufgefundenen Dokuments handelt. Der Mann gilt damit weiterhin als unschuldig. Somit sind auch noch keine ausländerrechtlichen Maßnahmen ergriffen worden. 

Im Bereich der islamistisch motivierten Kriminalität fiel der Geiselnehmer nach Polizeiangaben bislang nicht als Verdächtiger auf, im Gegenteil: Er habe vor einiger Zeit einen Terrorverdachtshinweis auf eine andere Person an die Polizei gegeben, woraufhin ein sogenannter Prüffall Islamismus für diese Person eröffnet worden sei, so Kripo-Chef Becker.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 55-jährigen Syrer nun wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes in zwei Fällen, gefährlicher Körperverletzung und Geiselnahme. Die Strafverfolger wollen in Kürze einen Haftbefehl beantragen.

Der Mann liegt nach seinen Schussverletzungen weiter im Krankenhaus, wann er zu den Vorwürfen befragt werden kann, ist noch unklar.

Um auf die offenen Fragen Antworten zu finden und die Hintergründe der Tat aufzuklären, bittet die Kölner Polizei Zeugen, etwaige Video- oder Fotoaufnahmen von der Tat zur Verfügung zu stellen. Hierzu haben die Ermittler ein Upload-Portal unter nrw.hinweisportal.de eingerichtet. Telefonische oder persönliche Hinweise nehmen die Polizeidienststellen entgegen.

Geiselnehmer schwer verletzt: Polizei setzt mit Spezialkräften Geiselnahme in Köln ein Ende

Hinweis: Im Artikel wurde nach der ersten Veröffentlichung die Erklärung zum Begriff "Daesh" präzisiert.