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Tödliche Messerattacke in Hamburg: Mutmaßlicher Messerstecher vom Jungfernstieg in U-Haft - verstörender Facebook-Post vor der Tat

Die tödliche Messerattacke auf ein Kleinkind und seine Mutter am Hamburger Jungfernstieg löste Bestürzung aus. Inzwischen steht fest: Vor dem Angriff verlor der mutmaßliche Täter einen Sorgerechtsstreit.

Nidergelegte Blumen am Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg

Passanten legten nach der Bluttat am S-Bahnhof Jungfernstieg in Hamburgs Innenstadt Blumen nieder

DPA

Am Tag nach der blutigen Messerattacke in Hamburg geht dort, wo eine 34-jährige Frau und ihre einjährige Tochter durch Messerstiche starben, das Leben weiter. Im Minutentakt fahren S-Bahnen rumpelnd in die unterirdische Station Jungfernstieg ein, spucken Verkäufer, Büroangestellte, Studentinnen und Touristen ins geschäftige Zentrum der Hansestadt aus. Viele von ihnen kommen hier täglich vorbei, aber etwas ist anders an diesem Freitagmorgen.

An der weißen Säule auf dem Bahnsteig, neben der am Donnerstag Blut über die Fliesen floss, haben Menschen Blumen abgelegt, ansonsten erinnert in dem frisch renovierten Bahnhof nichts an die schreckliche Tat, die Deutschland erschütterte. Und doch fragen sich viele hier: Warum? Warum griff Mourtala M. an dem sonnigen Vormittag zum Messer und brachte seine Ex-Freundin und das gemeinsame Kind um?

Erklären wird man die Tat nicht können - und doch muss und will die Mordkommission der Hamburger Polizei die Frage nach dem Warum irgendwie beantworten. Es war kein wirrer Terrorist, der da in der Innenstadt Angst und Schrecken verbreiten wollte. Da legte sich die Polizei schnell fest. Schon kurz nach der Tat sagte ihr Sprecher Timo Zill umringt von Mikrofonen und Kameras: "Wir gehen derzeit von einer Beziehungstat aus."

Haftbefehl nach Messerangriff am Jungfernstieg

Mourtala M. wurde schnell gefasst, er soll selbst die 110 angerufen und sich gestellt haben. Beamte vernahmen ihn anschließend lange im Polizeipräsidium. Auch in anderen Behörden wurde der Doppelmord am Jungfernstieg zum Thema. Einen Tag nach der Tat hat das Hamburger Amtsgericht Haftbefehl gegen den ihn erlassen. Dem 33-Jährigen aus dem Niger werde Mord in zwei Fällen vorgeworfen, sagte Oberstaatsanwältin Nana Frombach. Inzwischen sind erste Details zur Vorgeschichte der tödlichen Messerattacke bekannt.

Im April 2013 kam der damals 28-jährige Mourtala M. nach Angaben der Hamburger Ausländerbehörde in die Hansestadt. Er stammte aus dem Niger, dem von Armut, Hunger und Gewalt gebeutelten Staat in Westafrika. Hier in Norddeutschland wollte er offenbar bleiben. Er schloss sich der sogenannten Lampedusa-Gruppe an, eine damals stadtbekannte Initiative von wenigen hundert Flüchtlingen, die über die italienische Mittelmeerinsel nach Hamburg kamen. Zusammen mit Unterstützern lieferten sie sich einen monatelangen öffentlichen Streit mit dem Senat über ein Bleiberecht. Die Behörden blieben hart, die geforderte pauschale Aufenthaltserlaubnis für die ganze Gruppe sollte es nicht geben. Stattdessen sollte jeder Einzelfall individuell geprüft werden.

Mourtala M. war offenbar einer von jenen, die sich dem Recht fügten und sich bei den Behörden meldeten. Er habe noch im Monat seiner Einreise einen Antrag auf eine Aufenhaltsgenehmigung gestellt, sagte ein Sprecher der Hamburger Ausländerbehörde dem stern. Dieser sei kurz darauf an das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) weitergeleitet worden. Anschließend vergingen Tage, Wochen, Monate, Jahre. Erst im Juni 2017 - über vier Jahre nach Antragstellung - habe das BAMF entschieden. Die Aufenthaltsgenehmigung sei nicht erteilt worden, M. hätte Deutschland wieder verlassen müssen.

Warum die Nürnberger Behörde für die Entscheidung so lange benötigte, ist unklar. Auf eine entsprechende Anfrage des stern reagierte Bundesamt bis zum Freitagnachmittag nicht.

Mutmaßlicher Täter hielt sich legal in Hamburg auf

Inzwischen hatte sich die Lage für M. ohnehin geändert: Während des Wartens auf die Entscheidung des BAMF lernte er irgendwann seine spätere Partnerin kennen, eine vierfache Mutter aus Hamburg. 2016 kommt die gemeinsame Tochter zu Welt. Die Hamburger Ausländerbehörde erteilte daher eine bis zum Juli 2019 befristete Aufenthaltsgenehmigung. Der 33-Jährige hielt sich also bis heute legal in Deutschland auf.

Die Beziehung ging schnell in die Brüche, ein Sorgerechtsstreit entbrannte und landete schließlich vor Gericht. Am Mittwoch, einen Tag vor der Tat auf dem S-Bahnsteig, machte eine Familienrichterin klar, dass sie dem 33-Jährigen das Sorgerecht für seine Tochter nicht zusprechen und das Kind bei seiner Mutter und den vier Halbgeschwistern bleiben werde, teilte Gerichtssprecher Kai Wantzen mit. Die 34-Jährige wurde nach stern-Informationen über einen längeren Zeitraum vom zuständigen Jugendamt im Bezirk Hamburg-Mitte betreut, das sie auch in dem Sorgerechtsstreit unterstützte.

Die Verlust des Sorgerechts kann unter Umständen auch dazu führen, dass eine wegen eines Kindes zuvor erteilte Aufenthaltserlaubnis wieder entzogen wird. Hatte Mourtala M. nun Angst, alles zu verlieren? Hasste er sein Ex-Partnerin dafür so sehr, dass er sie und das gemeinsame Kind tötete? Gab es einen Streit? Ist er psychisch krank? Die Ermittlungen zu den Hintergründen laufen. Was er in den Vernehmungen der Mordkommmission zu Protokoll gab, sagte die Polizei zunächst nicht. Der mutmaßliche Täter war den Behörden Medienberichten zufolge in der Vergangenheit wegen Sachbeschädigung aufgefallen. Und: Er bedrohte seine Ex-Freundin, wie aus Gerichtsakten hervorgeht. Es soll häufiger Streit um das Sorgerecht gegeben haben, im Januar erstattete die 34-Jährige dann Anzeige wegen Bedrohung gegen M. Er sei "übergriffig geworden" und habe sie verfolgt, so Wantzen. Hinweise auf Gewalttaten gebe es jedoch nicht. Die Polizei habe mit einer sogenannten Gefährderansprache reagiert, schreibt das "Hamburger Abendblatt".

Der Festgenommene hatte zuletzt in einer Flüchtlingsunterkunft gelebt und galt dort als unauffällig. So beschrieb ihn auch ein Pastor, der M. kennt, im "Abendblatt". Er sei ihm als "stiller, unauffälliger Mann" in Erinnerung.

Tat löste Bestürzung aus - und Stimmungsmache

Nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt, im Hamburger Rathaus, hatte die Attacke auch die Stadtoberen schockiert. Parteiübergreifend brachten Politiker ihr Mitgefühl zum Ausdruck. Der neue Erste Bürgermeister der Hansestadt, Peter Tschentscher (SPD), sagte, was auch viele Hamburger fühlten: "Ich bin erschrocken und traurig über die Tat am Jungfernstieg. (...) Wir haben tiefes Mitgefühl für alle, die von dieser schlimmen Tat betroffen sind."

Auch Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) reagierte entsetzt auf die Nachricht vom Tod der 34-jährigen Mutter und des einjährigen Kindes. Die Tat mache sie "fassungslos und wütend". Ihre Behörde hatte sich nach der Tat um die vier Geschwister des Mädchens gekümmert. Eines der Kinder hat die grausame Attacke laut Behördenangaben aus nächste Nähe mit ansehen müssen. "Im Fokus steht nun das Wohl der Geschwister. Sie erhalten alle Hilfe, die sie brauchen", sagte Leonhards Sprecher Marcel Schweitzer dem stern. Ob auch die leiblichen Väter der Kinder für die Betreuung in Frage kommen, ist nicht bekannt.

Facebook Screenshot

Das letzte Facebook-Posting des Festgenommenen klingt im Nachhinein fast wie eine Ankündigung der Tat

Die tödliche Attacke wurde indes auch - wie so oft in vergleichbaren Fällen - zur Stimmungsmache genutzt. AfD-Innenpolitiker Dirk Nockemann gab bei Facebook eine Erklärung ab, wonach Hamburg unsicherer denn je sei, dies sei nach der Tat "traurige Gewissheit". Die Aussage Nockemanns ist nachweislich falsch.

Mourtala M. besitzt bei Facebook mehrere Profile, auch er postete häufig etwas, meist vermeintlich belanglose Inhalte: Sinnsprüche, Fotos von Spielern des FC Barcelona, Koranverse, Selfies. Er lud aber auch mehrfach Bilder von Maschinengewehren hoch.

Sein letztes Posting stammt vom Morgen vor dem Gerichtstermin. Es ist ein Zitat, das von US-Rapper 50 Cent stammen soll und im Kontext der Tat verstörend wirkt: "Es ist mir egal, Menschen zu verlieren, die nicht mehr in meinem Leben sein wollen. Ich habe Menschen verloren, die mir die Welt bedeuteten und es geht mir immer noch gut."

Rund 28 Stunden später stach er am Jungfernstieg offenbar zu - seine kleine Tochter und seine Ex-Freundin starben.

Pegida-Initiator Lutz Bachmann
wue/tis/mit DPA-Material