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Jagdunfälle: Projektil im Rücken

Wenn die einfachsten Regeln außer Acht gelassen werden, kann sich die Jagd zu einem Horrortrip entwickeln. Bundesweit werden jährlich um die 800 bisweilen haarsträubende Unfälle gemeldet, 32 davon mit tödlichem Ausgang.

Das Verhängnis für den 60-jährigen Schweriner Kleinunternehmer und Hobbyjäger Harry Pilipenko war, dass sein Jagdkollege ihn in herbstlicher Abenddämmerung für ein Wildschwein hielt. Mit einem tödlichen Schuss vom Hochsitz streckte er den Familienvater auf einem abgeernteten Maisfeld nieder.

Es ist nicht der einzige tödliche Jagdunfall, mit dem sich die Staatsanwaltschaften in Mecklenburg-Vorpommern gegenwärtig befassen müssen. Gegen einen 40-jährigen Hamburger, der im Landkreis Parchim einen 52-jährigen Weidgenossen während einer Sauhatz erschoss, hat sie im Dezember Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. "Dagegen laufen im Fall Pilipenko die Ermittlungen noch", sagt Oberstaatsanwalt Christian Pick. Der Strafrahmen für derartige Delikte bewegt sich nach Grad der Fahrlässigkeit und Tatumstände zwischen Geldbuße und fünf Jahren Haft.

Jährlich um die 800 Jagdunfälle

Bundesweit werden jährlich um die 800 Jagdunfälle bei den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften gemeldet. Nach Recherchen der Initiative zur Abschaffung der Jagd kamen allein im vergangenen Jahr 32 Menschen durch Jagdwaffen ums Leben. Zudem erlege "die Minderheit von etwa 350.000 schießwütigen Jägern" nicht nur fünf Millionen Wildtiere pro Jahr unter fadenscheinigen Begründungen, sondern knalle gewollt oder versehentlich auch nahezu 300.000 Haustiere ab. Darunter fallen Pferde, Kühe, Hunde, Katzen oder gar zwei Lamas, welche als angebliche Hirsche dran glauben mussten. Selbst ein Strauß hat seine Flucht von einem pfälzischen Bauernhof in Hochdorf-Assenheim kürzlich mit dem Tod aus einer Jägerbüchse bezahlt.

"Was würde passieren, wenn andere Waffenträger wie Polizisten oder Bundeswehrsoldaten eine solche Blutspur hinterlassen würden?" So fragt voller Unverständnis Sprecher Kurt Eicher von der Anti-Jagd-Initiative. Selbst bei den Jägern herrscht bei jedem neuen Unfall immer wieder Bestürzung, weil bei Einhaltung der Grundregeln eigentlich nichts passieren kann. Für den Vizepräsidenten des Landesjagdverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, Wilfried Röpert, sind derartige Unfälle "nicht nachvollziehbar". Schwerins Agrarminister Till Backhaus erinnert daran, dass nur geschossen werden darf, "wenn der Schütze absolut sicher ist, dass niemand gefährdet wird". Die Liste der jüngsten Unfälle macht allerdings deutlich, dass oft die einfachsten Regeln außer Acht gelassen werden und so die Jagd häufig zum Horrortrip wird.

Todesmeldungen aus allen Regionen

Die letzte Todesmeldung datiert vom vergangenen Dienstag, als sich im vorpommerschen Elmenhorst ein 18-jähriger Jungjäger beim Waffenreinigen selbst in die Schulter schoss und verblutete. Den gleichen Tod erlitt in der brandenburgischen Prignitz ein 30-Jähriger, nachdem sich aus seinem ungesicherten Jagdgewehr beim Zuschlagen der Autotür ein Schuss löste und eine Hauptschlagader in seinem Bein traf. Ein 29-Jähriger wurde kurz vor Weihnachten bei Halberstadt in Sachsen-Anhalt von einem Projektil im Rücken getroffen. Er wird künftig mit diesem Fremdkörper in einem Wirbelknochen leben müssen, weil Chirurgen das Einwachsen des Geschosses als beste Lösung erachten.

Zur Kette der Jagdunglücke aus dem Vorjahr gehört auch der Tod eines 60-Jährigen aus Dieburg in Südhessen, der mit einer wahrscheinlich selbst verursachten Schussverletzung unter einem Hochsitz aufgefunden wurde. Im Stadtwald zwischen Donauwörth und Kaisheim erschoss ein Polizist einen Justizbeamten bei ihrem gemeinsamen Hobby Wildschweinjagd. "Jäger trifft spielendem Kind in den Arm", lautet eine weitere Unglücksmeldung aus dem Kreis Nürnberg Land. "Jägerin von Jagdkollegen versehentlich mit Schrotkugeln im Gesicht getroffen", heißt es in einem anderen Bericht aus Marl in Nordrhein-Westfalen.

Jäger sorgen zudem immer wieder für Schlagzeilen auch krimineller Art: "Irrer Jäger jagte Jungen (16) durch Wald" ("Chemnitzer Morgenpost" 06.06.2004), "Jäger erschießt Ehefrau und sich selbst" (Kölner "Express" 25.08.2004) oder auch im Zusammenhang mit dem Banküberfall im württembergischen Siegelsbach "Jäger ist dringend verdächtig" ("Heilbronner Stimme" vom 12.10.04). Bei letzterem Beispiel wurde eine 65jährige Kundin erschossen und ihr 66jähriger Mann lebensgefährlich verletzt.

Unglaubliche Vorkommnisse

Nicht nur Jäger hierzulande warten mit unglaublichen Vorkommnissen auf. Eine Haar sträubende Schießerei, bei der fünf Menschen starben und drei schwer verletzt wurden, lieferten sich Weidmänner vergangenen November im US-Bundesstaat Wisconsin im Streit um einen Hochsitz. Noch jüngeren Datums ist die Neujahrsjagd im ostslowakischen Dorf Cicarovse, wo ein Jäger gleich von zwei Kollegen unter Feuer genommen wurde und nach vier Treffern starb. Etwas zurück liegt der Tod eines deutschen Urlaubers in Namibia, der mit einem der sich dort zur Plage ausweitenden Paviane verwechselt wurde und durch die Kugel eines Jagdaufsehers starb.

Doch die Front der Jagdgegner wächst. Bereits mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung fordern laut einer Emnid-Umfrage vom September 2004 die Abschaffung der Jagd.

Lutz Jordan/AP / AP