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Jeffrey Dahmer: Die grausame Geschichte eines Serienmörders, der viel zu lange davonkam

Im Herbst kommt ein Film über den Serienmörder Jeffrey Dahmer in die Kinos. Ein ambitioniertes Projekt, denn Dahmers wahre Geschichte ist so unfassbar, dass sie den Plot jedes fiktiven Psycho-Horror-Thrillers überfrachten würde.

Jeffrey Dahmer

Jeffrey Dahmer in einem Polizeifoto von 1982, als er wegen ungebührlichen Verhaltens verhaftet wurde

Picture Alliance

Jeffrey Dahmer hatte die Gabe, mit einem blauen Auge davon zu kommen. Als er sein erstes Opfer, den 18-jährigen Anhalter Steven Hicks, in seinem Elternhaus getötet und zerstückelt hatte und die Leichenteile in Säcken zu einer nahe gelegenen Mülldeponie fahren wollte, wurde er von der Polizei angehalten, weil er über den Mittelstreifen gefahren war. Er bestand den Alkoholtest und gab an, wegen der Scheidung seiner Eltern nicht schlafen zu können und deshalb Hausabfall entsorgen zu wollen. Die Polizei kaufte ihm seine Geschichte ab und beließ es bei einem Strafzettel.

13 Jahre später konnte Konerak Sinthasomphone aus Dahmers Apartment entkommen. Dahmer hatte dem 14-Jährigen Schlaftabletten verabreicht, sich anschließend an ihm vergangen und dem bewusstlosen Opfer ein Loch in den Schädel gebohrt, durch das er ihm Salzsäure injizierte. Anschließend war der damals 31-Jährige in eine Bar gegangen, um sich zu betrinken. In der Zwischenzeit wachte Sinthasomphone auf und lief nackt auf die Straße. Anwohner riefen die Polizei. Der inzwischen zurückgekehrte Dahmer gab gegenüber den Beamten an, dass es sich bei dem Teenager, der sich zu diesem Zeitpunkt nicht verständlich artikulieren konnte, um seinen volljährigen Liebhaber handele.

Jeffrey Dahmer, der verhaltensauffälige Schüler

Dahmer war seinerzeit wegen ungebührlichen Verhaltens vorbestraft und auf Bewährung, aber die Polizisten verzichteten auf die Überprüfung seiner Person, als er ihnen in seinem Apartment Fotos von Sinthasomphone in Unterwäsche zeigte, die seine Version vermeintlich belegten. Eine weitere Leiche im Nebenzimmer bemerkten die Beamten ebenfalls nicht. Als sie die Wohnung wieder verlassen hatten, tötete Dahmer den 14 Jahre alten Jungen.

Nur zwei Anekdoten aus dem Leben eines der berüchtigsten Serienmörders des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte des Jeffrey Dahmer ist derart überladen mit Unfassbarkeiten, dass sie als Plot jedes Psycho-Horror-Thrillers zu unrealistisch anmuten würde.

Dahmer, 1960 in Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin geboren, entwickelte schon als Kind eine Faszination für tote Tiere. In der Schule verhielt er sich bisweilen so auffällig, dass "Doing a Dahmer" ("Einen Dahmer machen") sich unter seinen Klassenkameraden als geflügelter Ausdruck für seltsames Gebaren etablierte. Dahmer litt so sehr unter der Ehekrise seiner Eltern, dass er sich schon morgens in der ersten Stunde mit Scotch aus einem Styroporbecher betrank. Von der Lehrerin darauf angesprochen, sagte er bloß: "Das ist meine Medizin."

Den Mord an dem Anhalter Hicks beging Dahmer als 18-Jähriger kurz nach seinem Highschool-Abschluss. Seine Eltern hatten sich endgültig getrennt - sein Vater war ins Motel und seine Mutter mit dem jüngeren Bruder in eine andere Stadt gezogen. Dahmer war allein zu Hause und konnte die sexuellen Fantasien, die er seit Jahren entwickelt hatte, erstmals ausleben. Er war auf der Suche nach einem komplett unterwürfigen Mann, der seine Bedürfnisse befriedigt, hegte gleichzeitig aber keinerlei Interesse daran, die Bedürfnisse dieses Sexualpartners zu befriedigen.

Als es ihm nicht mehr ausreichte, auf seine zu diesem Zweck entwendete Schaufensterpuppe zu masturbieren, tauchte Dahmer in seinen Zwanzigern tiefer in die Schwulenszene von Milwaukee ein. Bei anderen Männern weckte er einen Beschützerinstinkt. Er nahm sie mit ins Hotel oder nach Hause, mixte ihnen Schlaftabletten in den Drink und lauschte den Geräuschen ihrer Körper, wenn sie ohnmächtig neben ihm lagen.

Im November 1987 wachte Dahmer stark verkatert und ohne Erinnerungen an die vorangegangene Nacht, aber mit Verletzungen an Armen und Händen im Ambassador Hotel von Milwaukee auf - neben ihm eine aus dem Mund blutende und am Brustkorb schwer verwundete Leiche. Er versteckte den Toten eine Woche lang im Keller des Hauses seiner Großmutter, bevor er ihn zerstückelte und die Überreste mit dem Hausmüll entsorgte.

Wie die aktive Suche nach seinen Opfern begann

Anschließend begann Dahmer immer aktiver, nach Opfern zu suchen. Nach und nach verfiel er in einen regelrechten Mordrausch. Innerhalb eines Jahres tötete er 13 weitere Opfer überwiegend afroamerikanischer Herkunft. Während der Taten war er häufig sturzbetrunken, um sein Gewissen zu beruhigen. Der Unterschied zwischen "richtig" und "falsch" war ihm zu jeder Zeit bewusst, allein sein Verlangen war stärker.

Dahmer zerstückelte die Leichen, er mumifizierte Genitalien und versuchte, Schädel zu konservieren. Einige bewahrte er in einem mit Salzsäure gefüllten Behälter auf, bis sie sich durch die Toilette oder den Abfluss entsorgen ließen. Im ultimativen Versuch, seine Opfer für immer bei sich zu tragen, begann er, ihr Fleisch zu essen.

Als es dem 32-jährigen Tracy Edwards im Juli 1991 gelang, aus Dahmers Apartment zu fliehen, kam das "Monster von Milwaukee" nicht mehr mit einem blauen Auge davon. Der Serientäter, dessen Jugend in Kürze der Kinofilm "My Friend Dahmer" nacherzählen wird, wurde nach 17 Morden in 13 Jahren gefasst. Das Protokoll seines Geständnisses umfasste 159 Seiten. Dahmer bezeichnete seine nekrophile Neigung als unkontrollierbar, wurde vom Gericht aber als zurechnungsfähig eingestuft und zu einer 15-fachen lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Im Gefängnis wird der Jäger zur Beute

Im Gefängnis kehrte sich die Geschichte des Jeffrey Dahmer unwiderruflich um: Der Jäger wurde zur begehrten "Beute" und im November 1994 von einem Mithäftling mit einer Eisenstange erschlagen. Ein letztes Mal war Dahmer nicht mehr mit einem blauen Auge davongekommen.

Sein teuflisches Geheimnis war zu diesem Zeitpunkt ohnehin längst gelüftet. Wie stellte sein Vater Lionel Dahmer noch Jahre später in einem Interview ungläubig fest: "Es ist erstaunlich, wie viel ein Mensch vor einem anderen Menschen verbergen kann."

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