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Kannibalismus: Eines Nachts beschließt Sagawa seine Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Er wird Kannibale

Er kommt zu früh zur Welt, ein sonderbarer Zwerg, zeitlebens. Dann entdeckt er eine Frau, er will seine Fantasie in die Tat umsetzen - und bricht das strengste Tabu der Menschheit. Herr Sagawa wird zum gefürchteten Riesen. Er isst das Fleisch seiner Art.

Von Franziska Reich

Kannibale Issei Sagawa: Abscheulich und faszinierend zugleich

Seine Tat macht Sagawa zum Star. Die Leser seiner Bücher sind fasziniert von des Begierden des Kannibalen

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Eine junge Frau schaut in die Kamera, hübsch, schüchternes Lächeln, ängstlich und zutraulich zugleich, Yuri Satonaka, 21 Jahre alt, japanische Pornodarstellerin. Die Stimme sagt: "Weißt du, was wir heute drehen?" Yuri Satonaka lächelt. Und sagt vorsichtig: "Nur ein bisschen. Es ist mit einem Autor. Wie ist sein Name?" Die Stimme sagt: "Mister Sagawa." Yuri Satonaka lächelt weiter. "Ja", sagt sie, "ich werde mit ihm den Tag verbringen. In seiner Wohnung." Schnitt.

Herr Sagawa sitzt in einem Sessel. Er trägt eine Brille mit getönten Gläsern. Eine Zeitschrift liegt auf seinem Schoß. Er sagt: "Ich werde ihr erst einmal nichts verraten." Er hat in der Zeitschrift eine Seite aufgeschlagen mit dem Bild einer jungen Frau. Schwarz-weiß. Schwarzes Blut auf weißer Haut. Zerfetzter Arm. Zerfetzte Schenkel. Zerfetzter Unterleib. Ein Leichnam, zusammengesetzt wie ein Puzzle. Einige Teile fehlen. Die Stimme aus dem Off fragt: "Sind die Bilder real?" Herr Sagawa sagt: "Ja, das sind sie." Die Stimme sagt: "Das ist verrückt. Sie haben ihr sogar die Brüste abgeschnitten." – "Ja", sagt Herr Sagawa, "das habe ich. Ich habe eine Brust gegessen, aber sie war nur fett und nicht gut."

Schnitt.

Das Sexsternchen schläft mit Issei Sagawa

Yuri Satonaka und Issei Sagawa begrüßen sich mit einer Verbeugung.

In den nächsten 24 Stunden werden sie dreimal Sex vor der Kamera haben. So will es der Regisseur. Es ist eine Produktion der besonderen Art für den ohnehin besonderen Pornomarkt Japans. Yuri Satonaka, das Sexsternchen, schläft mit Issei Sagawa, dem Kannibalen. Dem Mann, der seine monströse Tat 1981 in Paris gestand – und der dennoch hier, in der Nähe von Tokio, in einem grauen Wohnblock, in Freiheit lebt. Am Tag des Pornodrehs. Bis heute. Sein Verbrechen wird für immer ungesühnt bleiben. Mehr noch. Sein Verbrechen hat Sagawa reich gemacht – und berühmt.

Während sie das erste Mal Sex haben, weiß Yuri Satonaka nichts von Sagawas Vergangenheit. In der Pause, sie kauert in eine rosa-weiße Decke gehüllt auf seinem Sofa, reicht er ihr die Zeitschrift – und sie sieht die zwei Jahrzehnte alten Fotos seiner grausigen Tat und liest eine Bildunterschrift laut vor: "Renées Fleisch war im Kühlschrank." Sie schaut auf und fragt, merkwürdig ruhig: "Du hast sie in den Kühlschrank gelegt?" Herr Sagawa sitzt in seinem Sessel und sagt: "Ich habe das Verlangen, deinen Urin zu trinken." Und sie haben wieder Sex vor der Kamera.

Später, nach Drehschluss, nach 24 Stunden mit dem Kannibalen, sitzt Yuri Satonaka im Auto und wispert: "Ich stehe ein bisschen unter Schock." Dann weint sie.

An dem Tag, an dem Issei Sagawa geboren wurde, es war der 26. April 1949, ein Montag in Kobe, an diesem Tag soll, so zeichnet es Issei Sagawa später in einem Manga, eine weiße Frau an einem Bahnübergang von einem Zug überfahren worden sein. Es scheint, als ergebe sich für Herrn Sagawa aus dem Unfall im Nachhinein ein Sinn, als sei er die Wurzel, die Begründung seines kannibalischen Triebs. Als könne es überhaupt eine Begründung dafür geben.

An diesem Montag im April kommt erst einmal einfach nur ein Kind zur Welt, Issei, ein Frühchen, nach 30 Stunden qualvoller Wehen, mehr tot als lebendig und so winzig, dass es gerade einmal die Handfläche des Vaters füllt. Mit Beinen wie Bleistifte und Armen wie Fädchen, einzig riesig – die runde Stirn. Zur Familie des Menschleins gehören Akira, der Vater, Tomi, die Mutter, und ein Bruder. Eine wohlhabende Familie, noch nicht reich, aber reich wird sie werden, reich an Geld – und reich an Unglück.

Einen Tag nach der Verhaftung, am 17. Juni 1981, wird Sagawa durch ein Pariser Polizeigebäude geführt. Sein Opfer Renée Hartevelt war 25 Jahre alt, eine beliebte, lebenslustige Studentin aus den Niederlanden

Einen Tag nach der Verhaftung, am 17. Juni 1981, wird Sagawa durch ein Pariser Polizeigebäude geführt. Sein Opfer Renée Hartevelt war 25 Jahre alt, eine beliebte, lebenslustige Studentin aus den Niederlanden

"Zweifellos war die Kindheit die beste Zeit meines Lebens", sagt Issei Sagawa später in einem Interview. Seine Mutter umhegt ihn, Issei, ihr Sorgenkind, will einfach nicht wachsen. Fotos zeigen ihn mit seinem Bruder – am Meer, im Garten, im Kimono mit breitem Gürtel, friedlich, niedlich. Der Vater arbeitet sich hoch bis zum Chefsessel eines mächtigen Konzerns, der Wasseraufbereitungsanlagen herstellt. Zeitungen berichten später, Akira Sagawa gehöre zu den zehn wohlhabendsten Männern Japans.

Die Erziehung der Eltern ist streng, aber liebevoll. Die Kinder wachsen auf in einer Welt der Regeln, in einer Welt der Bücher und der Bildung. Jedes Jahr zum Neujahrsfest kommt Onkel Mitsuo zu Besuch, und dann spielen sie immer dasselbe gruselschöne Spiel: Onkel Mitsuo verkleidet sich als Monster, als riesiges Horrormonster, und jagt Issei und seinen Bruder durch die Wohnung. Er will sie fressen, und die Jungen rennen und kreischen, bis Vater Akira, verkleidet als edler Ritter, sich gegen den Riesen in die Schlacht wirft und tapfer kämpft. Doch das Monster erschlägt den Ritter, packt die Kinder – und kocht sie in einem Eisentopf. Der kleine Issei liebt die Mischung aus Panik und Euphorie, dieses scheußlich-schaurige Märchen, das einmal im Jahr in seinem Zuhause Wirklichkeit wird.

Sexuelle und kannibalische Begierde

Von jeher gehört es zu den Urbedürfnissen des Menschen, eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden. Für ein unerklärliches Unglück. Für eine unerklärliche Krankheit. Für eine unerklärliche Tat. Auch Issei Sagawa hat immer wieder nach einer Erklärung gesucht, warum er, das zu früh geborene Zwerglein, das größte Tabu der Menschheit brach und vom Fleische seiner eigenen Art aß. Warum er während eines Studienaufenthalts an der Pariser Universität Sorbonne die 25-jährige holländische Studentin Renée Hartevelt erschoss, sich an ihrer Leiche verging und Teile davon aß. Vier lange Tage, in seinem Appartement im zweiten Stock, Rue Erlanger 10, Paris.

Wurde er zum Kannibalen, weil Onkel Mitsuo zu Neujahr den Menschenfresser spielte? Oder weil eine weiße Frau am Tag seiner Geburt angeblich vom Zug überrollt wurde? Oder weil er sich als kleiner Junge jeden Abend in das Märchen von Hänsel und Gretel und der kindergierigen Hexe versenkte – und dabei eine seltsame Erregung spürte? "Vielleicht, weil ich von einem anderen Planeten kam oder aus einer anderen Dimension und fälschlicherweise auf die Erde fiel", wird Herr Sagawa später sagen. "Ich muss von einem Ort der Kannibalen gekommen sein, und ich bin der Einzige meiner Art, den es auf diesem Planeten gibt."

Issei Sagawa hört auf zu wachsen, als er einen Meter und 48 Zentimeter erreicht. Er empfindet sich als schwach, hässlich – als "Missgeburt", wie er sagt. Eines Tages, er geht gerade in die erste Klasse, sieht er einen Jungen in kurzer Hose. Er kann den Blick nicht abwenden vom bebenden Fleisch der Schenkel. Er denkt: Sie sehen köstlich aus. Diese Fantasie vom herrlichen Geschmack des menschlichen Fleischs lässt ihn nie wieder los.

Außerdem entwickelt Sagawa eine immer tiefere Leidenschaft für westliche Frauen – große, blonde, schöne Frauen, deren Anblick auf Gemälden, in Filmen und in der Wirklichkeit immer stärker den Wunsch in ihm weckt, sie zu "probieren". Begehren erfüllt ihn mit doppelter Sehnsucht. Er sehnt sich nach Zärtlichkeit mit einer kaukasischen Schönheit – und er sehnt sich nach dem Geschmack ihres Fleisches. Sexuelle und kannibalische Begierde zugleich.

Elf Jahre nach dem Mord an Renée Hartevelt, 1992, lädt ihn der Journalist Roger Willemsen nach Deutschland ein, um ihn zu interviewen. Willemsen fragt: "Was hat Sie fasziniert an westlichen, besonders großen Frauen?" Und Sagawa, in grauem Anzug und mit altrosa Krawatte, antwortet: "Ich war schon immer schwach, und ich habe mich immer danach gesehnt, groß zu sein, stark zu sein und auch gesundheitlich gut zu sein. Ich wollte nicht nur irgendwas Sexuelles, sondern etwas, das zu mir gehört." Er sitzt Willemsen gegenüber auf einem schwarzen Drehstuhl, ein winziger Asiate, dessen braune Schuhe 20 Zentimeter über dem Boden baumeln. Sagawa spricht mit einem eigentümlich unbewegten Gesicht. Tiefbraune Augen, vergrämter Mund und noch immer diese riesige Stirn. Ein Mensch, gebildet und kontrolliert im Auftritt. Ein Egomane, befallen von einem Wahn: eins zu werden mit dem Schönsten. Dem Verbotensten.

Größte Abscheu seit Menschengedenken

Die erste sexuelle Begierde des jungen Sagawa fällt auf Grace Kelly, die grazile Göttin der westlichen Welt. In dieser Zeit beginnt der kannibalische Drang seine Fantasie immer mehr zu beherrschen. Er quält ihn. Issei vertraut sich seinem Bruder an, doch der übergeht das Geständnis, was soll er auch sagen? Issei ruft einen Psychiater an, doch der will Derartiges nicht am Telefon besprechen, der junge Herr solle bitte in die Praxis kommen. Sagawa legt auf – und gibt auf. Keiner kann ihm helfen. Keiner will ihm helfen. Er ist mit seinem Geheimnis allein. Sagawa schreibt sich in Tokio an der Wako-Universität für Literaturwissenschaften ein – und ergibt sich seinem Trieb.

Eines Nachts, Sagawa ist 23 Jahre alt, beschließt er, seine Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Er hat eine schöne, weiße, westliche Frau entdeckt. Er hat herausgefunden, wo sie wohnt. Sagawa bewaffnet sich mit einem Regenschirm und steigt leise, leise durch ein offenes Fenster in ihre Wohnung. Sie schläft. Er nähert sich ihrem Bett, will sie bewusstlos schlagen, doch sein Knie berührt ihren Bauch, ein Versehen, ein Unglück, die Frau wird wach, schreit – und überwältigt ihn. Er wird verhaftet. Er gesteht den Überfall, nicht aber sein Motiv, die Frau zu essen. Seine Eltern sind entsetzt über die Tat, doch auch sie ahnen nichts vom noch Entsetzlicheren. Und Issei, Sohn aus reichem Hause, studiert unbehelligt weiter.

Der Schrecken des kannibalischen Triebs, diese Angst, zur Nahrung von seinesgleichen zu werden, ruft seit Menschengedenken größte Abscheu hervor – und größte Faszination. Mythen und wahre Geschichten erzählen von Urvölkern, die ihre besiegten Feinde verspeisten. In Not geratene Seeleute und eingekesselte Soldaten aßen ihre toten Kameraden, und Überlebende eines Flugzeugabsturzes in den Anden ernährten sich bis zu ihrer Rettung von toten Passagieren. Das war 1972. Auch kannibalisch motivierte Morde wurden immer wieder begangen – und weltweit bekannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tötete in Schlesien der nette Nachbar Karl Denke im Laufe von 21 Jahren 31 Männer und Frauen, aß ihr Fleisch und verkaufte Teile davon auf dem Breslauer Wochenmarkt. Beim US-Amerikaner Jeffrey Dahmer, dem "Kannibalen von Milwaukee", wurden 1991 tiefgefrorene und gekochte Überreste seiner 17 Opfer gefunden. Und in Deutschland erfuhr die Öffentlichkeit 2002 vom "Kannibalen von Rotenburg" – dem Computertechniker Armin M., der, angeblich mit Einverständnis des Opfers, einen Diplomingenieur getötet und Teile gegessen hatte. M. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und verbüßt seine Strafe bis mindestens 2017 in der sozialtherapeutischen Justizvollzugsanstalt Kassel II.

Woraus aber erwächst die Sehnsucht dieser Menschen, das strikteste Verbot ihrer Spezies zu brechen? Warum kann dieser Trieb so übermächtig werden, dass Menschen eine Tat begehen, die sie für ihresgleichen zu Monstern macht?

Issei Sagawa hat einem Journalisten des Magazins "Vice" 2009 erklärt: "Ich wollte nur in sie reinbeißen und ein bisschen schmecken. Wenn ein normaler Mann sich von einem Mädchen angezogen fühlt, möchte er sie natürlich so oft wie möglich sehen, ihr nah sein, sie riechen und sie küssen, oder? Für mich ist das Essen nur eine Erweiterung." Der Journalist erwiderte: "Ich würde sagen, mir reicht es, ein wenig zu knabbern." Sagawa antwortete: "Das sagen sie alle. Aber was ist falsch am Essen? Ein Kuss entstammt denselben Instinkten. Man will jemanden probieren."

Es ist der Tag seines 28. Geburtstags, der 26. April 1977, als sich Issei Sagawa auf dem Flughafen von seiner Familie verabschiedet, um nach Paris aufzubrechen. Zum Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft an der berühmten Universität Sorbonne. Seine Mutter sieht bedrückt aus auf den Fotos am Abflug-Gate, ihr Sohn mutmaßt später, sie habe mit ihrem mütterlichen Instinkt in diesem Moment den Horror der Zukunft gespürt. Doch keiner der Anwesenden kann zu diesem Zeitpunkt erahnen, dass der erfolgreiche Student seine Heimat vor allem aus einem Grunde verlässt: um endlich seiner geheimsten Sehnsucht näherzukommen.

Mörder wider Willen

Auch in Paris bleibt Sagawa der merkwürdige Einzelgänger. Zu klein. Zu sehr umflort von einer unheimlichen Aura. Sein Vater schickt regelmäßig Telex-Botschaften an die Pariser Niederlassung seines Konzerns, der Sohn muss sie stets zeitnah abholen. Issei spürt noch immer die Fesseln der Eltern, doch er hat mehr Freiraum denn je.

Am Tage besucht er die Seminare, am Abend bestellt er sich Prostituierte – und tüftelt in Gedanken, während sie sich nach vollbrachtem Job im Bidet waschen, an der Umsetzung des monströsen Traums. Will er das Objekt seiner Lust mit dem Messer töten? Oder mit einem Schuss? In der Dusche? Oder am Schreibtisch? Er besorgt sich ein Gewehr mit Schalldämpfer. Er holt es heimlich hervor und zielt auf die bezahlten Damen – doch er schafft es nicht abzudrücken. Er will ja eigentlich gar nicht töten, er hat Angst vor all dem Blut. Jahre später wird Sagawa erklären: "Sie essen zu wollen war das Primäre, sie zu töten war ein Hindernis. Für mich wäre es besser gewesen, wenn ich sie hätte aufessen können, ohne sie zu töten. Und wenn sie sich gefreut hätte, das wäre noch besser gewesen. Das Töten selbst war für mich ein Widerstand, den ich überwinden musste."

Sagawa wird, wenn man so will, zum Mörder wider Willen. Er nimmt das Töten in Kauf, als eine Art Notwendigkeit, unschön, aber unwichtig im Vergleich zum anschließenden Genuss. Einzig auf diese Verheißung konzentriert er sich und entwickelt eine genaue Abfolge des Mahls. Vom After aufwärts, beginnend mit der rechten Hälfte des Gesäßes, hinauf bis zur köstlichen Brust. So fantasiert er wieder und wieder. So begeht er die Tat am Abend des 11. Juni 1981.

Wenige Monate zuvor hat Sagawa Renée Hartevelt an der Uni kennengelernt. Sie war offen und freundlich zu ihm. Sie war auch die einzige der Kommilitonen, die seine Einladung zum Sukiyaki, einem traditionellen japanischen Fleisch-Gemüse-Gericht, annahm und tatsächlich erschien. Er bat sie an jenem Abend, ihm Deutschunterricht zu geben. Sie sagte zu, und in den folgenden Wochen saß sie immer mal wieder an seinem Schreibtisch und las ihm deutsche Gedichte vor. Einmal zielte er heimlich mit dem Gewehr auf sie und drückte tatsächlich ab – doch die Kugel blieb im Lauf stecken, und Renée las einfach weiter. Danach war er nachts, von der Dunkelheit verborgen, in den Garten gegangen, hatte auf den Boden gezielt, und die Kugel hatte sich endlich gelöst.

Am Abend des 11. Juni sitzt Renée also wieder bei Issei am Schreibtisch. Sie hat ihren Eltern von dem kleinen Japaner geschrieben. Dass er sehr freundlich sei. Dass sie ihn im Sommer mit nach Hause, nach Holland bringen und ihnen vorstellen wolle. Sie mag den komischen Kauz. Vor den Fenstern liegt Paris in der wohligen Wärme eines schönen Sommerabends. Renée beginnt zu lesen, laut, Sagawa nimmt ihre Stimme auf Tonband auf. Ein Gedicht des deutschen Expressionisten Johannes R. Becher. Sie spricht: "Es treibet heim das blutgeschwollene Tier, das schlang die Städte über Tag und fraß sich satt an Hirnen." Sagawa schließt das Fenster, zieht die Gardinen zu, holt leise das Gewehr aus dem Schrank, zielt und – schießt. Sein Opfer sinkt vom Stuhl, ohne einen Laut, alles still ... und Sagawa beginnt, die seit Jahren bis ins kleinste Detail geplante Abfolge seines Mahls zu verwirklichen. Das Szenario des Kannibalen.

Höflich und reuevoll

Eigentlich, so hofft man, und darauf vertraut man auch – eigentlich müsste diese Geschichte wie andere Geschichten über brutale Verbrechen mit der Verhaftung des Täters ihr Ende finden. Eigentlich hätte dieses Ende folgendermaßen lauten können, nein – müssen:

Am 13. Juni 1981 beobachtet ein älteres Ehepaar auf seinem Abendspaziergang im Pariser Park Bois de Boulogne, wie ein kleiner "orientalisch" aussehender Mann zwei Koffer zunächst in Richtung See, dann in ein Gebüsch wuchtet und verschwindet. Das Ehepaar öffnet einen der Koffer und entdeckt blutdurchtränkte Tücher und Plastikbeutel. Es verständigt die Gendarmerie. Innerhalb eines Tages finden die Beamten einen Taxifahrer, der einen Japaner an ebendiesem Junisamstag in der Rue Erlanger 10 im 16. Arrondissement aufgenommen und im Park abgesetzt hat. Der Taxifahrer sagt aus, er sei erstaunt gewesen über das Fahrziel des Gastes, denn angesichts der Koffer habe er mit der Adresse eines Bahnhofs gerechnet. Sagawa wird später berichten, der Taxifahrer habe über das Gewicht des Gepäcks gestöhnt und ihn gefragt, ob er eine Leiche darin transportiere.

Zwei Tage nach der Aussage des Taxifahrers, am Montag, dem 15. Juni 1981, führt ein schwer bewaffnetes Polizeikommando den japanischen Studenten ab. Er wird von Polizisten durch das Treppenhaus eskortiert und starrt regungslos, scheinbar unbeteiligt in eine Fotokamera. Keine Furcht in diesem merkwürdigen Kindergesicht mit der riesigen Stirn – keine Furcht und auch kein Glück. Die Ermittler berichten später, er sei ihnen höflich und reuevoll erschienen, habe alle Fragen gewissenhaft und ausführlich beantwortet. Im Appartement finden sie Dutzende Zeugnisse der Tat: auf dem Tisch ein Porzellanteller und zehn Pappteller, gefüllt mit Fleischstücken, teils roh, teils gebraten. Im Kühlschrank verschiedene Stücke eines Körpers, abgepackt in Plastik tüten. Blut im Badezimmer. Blut im Wohnzimmer. Verschiedene Messer – ein Obstmesser, eines mit gekrümmter Spitze, ein elektrisches. Polaroidfotos des Opfers. Eine Tonbandaufnahme mit der Stimme des Opfers.

Am 22. Juni wird Issei Sagawa in das Pariser Gefängniskrankenhaus eingeliefert. Sein Vater fliegt nach Paris und beauftragt einen der berühmtesten Pariser Anwälte mit der Verteidigung seines Sohns. Seine Mutter erleidet einen Nervenzusammenbruch. Sie versucht sich umzubringen. Der Pariser Appellationsgerichtshof lässt Sagawa nach psychiatrischer Begutachtung als dauerhaft unzurechnungsfähig und damit schuldunfähig in die psychiatrische Anstalt Henri Colin verlegen.

Eigentlich, so wäre es zumindest wünschenswert gewesen – eigentlich hätte man nach diesem vollständig aufgeklärten und weltweit mit Grauen und Abscheu zur Kenntnis genommenen Verbrechen nie wieder vom Pariser Kannibalen hören sollen. Doch so ist es im Fall Sagawa nicht. Im Gegenteil. Das Leben des Kannibalen erfährt durch seine Tat und ihre Entdeckung die entscheidende Wendung: Es geht nicht zu Ende. Es geht richtig los.

Zunächst sitzt Sagawa in der Psychiatrie – und leidet. Er hält sich für geistig gesund und verabscheut die geistig Verwirrten, die ihn umgeben. Er beginnt zu schreiben. Über sein Leben. Über seine Tat. Briefe. Auch an die Eltern seines Opfers. Er schreibt, er wolle sie besuchen, damit sie ihn bestrafen und töten könnten, er wolle auf dem Grab von Renée sterben. Renées Mutter, so erzählt es Jahre später der Bruder, ihre Mutter wird nie wieder die Haustür öffnen ohne unendliche Angst.

Höchste literarische Auszeichnung Japans

Sagawa schickt auch Briefe in die Heimat. Er hat in der Zeitung gelesen, dass der bekannte japanische Schauspieler und Autor Juro Kara einen Film über ihn plane. Und so erhält Kara zwischen November 1981 und September 1982 lange Schreiben aus der Psychiatrie. Kara stellt sie zu einem Buch zusammen. Der Titel: "Die Briefe des Herrn Sagawa". Es wird ein Bestseller. In weniger als einem Monat verkauft es sich 320.000 Mal und wird mit der höchsten literarischen Auszeichnung Japans gewürdigt, dem Akutawaga-Preis.

In dieser Zeit fliegt außerdem der gefeierte Autor Inuhiko Yomota nach Paris, um sich mehrere Stunden lang mit dem Kannibalen zu unterhalten. Sagawa fasst zu ihm Vertrauen. Er gibt ihm seine autobiografischen Aufzeichnungen – und auch Yomota verarbeitet die Bekenntnisse zu einem Buch. Titel: "Im Nebel". Es erzählt detailliert aus Sagawas Gedankenwelt: "Das Fleisch hatte keinen Geruch und keinen Geschmack und schmolz in meinem Mund wie roher Thunfisch." Auch dieses Buch verkauft sich in Japan hunderttausendfach.

Es muss eine befremdliche Erkenntnis für Sagawage wesen sein: Vor seiner Tat mieden ihn die Menschen als hässlichen Zwerg und Eigenbrötler. Jetzt aber, nach einer Tat, die ihn endgültig aus der Mitte seiner Artgenossen hätte ausschließen müssen, interessieren sich die Menschen für ihn. In Japan. In der Welt. Issei Sagawa wird durch die Verwirklichung seiner psychotischen Besessenheit verfemt und berühmt zugleich.

In dem Gespräch mit Roger Willemsen sagt er: "Ich habe nicht geschrieben, um zu veröffentlichen. Als ich ins Gefängnis kam, habe ich gedacht, dass ich hingerichtet werde. Das Schreiben war der einzige Beweis, dass ich lebe."

Vielleicht stimmte das sogar – zu Anfang. Auf der geschlossenen Station der Psychiatrie.

Dann aber wächst die Empörung der französischen Öffentlichkeit darüber, dass dieser Japaner auf Staatskosten medizinisch behandelt wird. Sagawas Anwalt nutzt diese Stimmung, um die französische Justiz dazu zu bewegen, seinen Mandanten nach Japan auszuweisen. Im Mai 1985 landet Sagawa auf dem Flughafen Tokio-Narita und wird von einer Ambulanz in das Matsuzawa-Krankenhaus gebracht. Dort diagnostizieren ihn die Ärzte als geistig gesund – einzig seine sexuelle Perversion habe ihn zum Mörder werden lassen. Somit gehöre er nicht in die Klinik, sondern vor Gericht und ins Gefängnis. Doch 15 Monate später verlässt Sagawa das Krankenhaus. Als freier Mann.

Angeblich weigerten sich die französischen Behörden, die Ermittlungsakten nach Japan zu überstellen. Sagawa selbst hat einmal behauptet, sein Vater, inzwischen vom Posten des Konzernchefs zurückgetreten, habe von seiner Abfindung Unmengen Schmiergeld an die französische Justiz gezahlt. In Zeitungen aus dieser Zeit wird spekuliert, dass die Freiheit Sagawas geheimer Bestandteil eines Wirtschaftsabkommens zwischen Japan und Frankreich gewesen sei, weil der Vater großen Einfluss bis in die höchsten Regierungskreise gehabt habe. Was auch immer wahr ist, gemunkelt oder gelogen wird – Tatsache war und ist: Issei Sagawa wird für seine Tat niemals juristisch belangt.

10.000 Dollar für ein Gespräch mit dem Kannibalen

Zunächst zieht er sich zurück. Er wohnt bei den Eltern. Isst bei ihnen. Bekommt Geld von ihnen. Der Vater lässt seine Tür in den Nächten verriegeln, doch Issei, so erzählt er, knüpft Bettlaken aneinander und klettert aus dem Fenster. Die Eltern geben es auf, Einfluss zu nehmen. Der Vater besorgt ihm eine eigene Wohnung und unterstützt ihn weiter finanziell. Doch Issei braucht mehr Geld. Viel mehr Geld. Denn seit dem Tag der Entlassung bestellt sich Sagawa wieder regelmäßig Prostituierte. Zur Finanzierung verdingt er sich als Strohmann der japanischen Mafia Yakuza. Er beklaut den Vater, verkauft all sein Hab und Gut und auch das Cello seines Bruders. Issei Sagawa hat noch immer Hunger – sexuellen. Und kannibalischen. Nur die Angst vor dem Töten hält ihn zurück.

Dann, im Juli 1989, erfährt die japanische Öffentlichkeit von der Verhaftung eines Serienmörders – Tsutomu Miyazaki, braver Angestellter einer Druckerei, der vier Mädchen im Alter zwischen vier und sieben Jahren umgebracht und teilweise gegessen hat. Es dauert nicht lange, bis sich Journalisten auch bei Issei Sagawa melden. "Japan war zu der Zeit in einer ökonomischen Blase", erzählt Sagawa später, "die Journalisten legten leichtherzig Unsummen auf den Tisch, damit ich einen Artikel schrieb."

Sagawa nimmt das lukrative Angebot gern an, dieses – und alle folgenden. In den ersten Jahren seiner Berühmtheit verlangt er bis zu 10.000 Dollar für ein Gespräch. Und er schreibt. Novellen. Essays. Kolumnen. Für Lifestyle-Magazine, Boulevardblättchen und Kochzeitschriften. Er stellt sich vor die Kamera. Für Talkshows, für Kochshows, für Videos, in denen er mit lüsternem Blick in Geflügelschenkel beißt, für Pornos, stets mit Anspielungen auf sein Verbrechen, oft nach Motiven aus Märchen, er: Wolf, sie: Rotkäppchen.

Sagawa macht sein Verbrechen zu Geld – und sich zum Prominenten.

Wenn Sagawa in diesen Jahren und Jahrzehnten der Berühmtheit Journalisten in seiner Wohnung empfing, saß er gern mit starrer Miene in Sessel oder Sofa und erklärte der Welt das Unerklärliche. Immer trug er eine Brille mit getönten Gläsern – mal als Fliegermodell, mal randlos. Immer ließ er klassische Musik erklingen, besonders gern Beethoven. In den Zimmern: Plüschtiere, überall, Plüschrobbe, Plüschschweinchen, Plüschhündchen. An den Wänden: Masken und Bilder schöner Frauen. Gemälde, Fotos, Zeichnungen. Vom Körper, vom Gesicht, von der Vagina. Und mitten in dieser Welt aus Plüsch, Klassik und Porno sprach Sagawa mit leiser Stimme: "Mein Hunger ist noch immer derselbe." – "Wenn ich schöne Beine sehe, Arme, Pos, dann will ich sie essen." – "Meine Libido und mein Appetit sind noch immer verbunden." Der Modefotograf Yoshihiro Tatsuki fotografierte Sagawa unter blühenden Kirschbäumen, elegant gewandet, romantisch lächelnd, wie ein italienischer Filmstar. Gigolo. Monster. Zwerg. Riese.

Die Antipoden des Menschseins – vereint in diesem kleinen Mann.

Es scheint unvorstellbar, dass in Deutschland ein Mörder und Kannibale eine ähnliche Karriere gemacht hätte. In dieser Zeit aber ergötzt sich die japanische Öffentlichkeit an dem prominenten Mörder in unschuldiger Aufmachung. Sagawa hat mit seiner Tat alle Tabus gebrochen – sogar das strengste. In einer tabubeladenen, konformistischen Gesellschaft wie der japanischen wird er damit zum Rebellen. Eine Art Held der Finsternis. Künstler laden ihn in ihre Ateliers. Intellektuelle führen Interviews mit ihm. Ein Verlag veröffentlicht im Jahr 2000 ein von ihm gezeichnetes Manga: Auf 184 Seiten fällt ein roter Teufel voller Wollust über sein Opfer her.

Sagawa ist selig

Sagawa reist auch wieder um die Welt. Er lernt Ronda, eine schöne Kanadierin, kennen, und Thalia, eine schöne Österreicherin. Gemeinsam besuchen sie die USA, Kanada, Indien. Sagawa zahlt, Flüge, Hotels, Essen, Drogen, Kleider – und die beiden Freundinnen haben Spaß. Sagawa besorgt sich wieder Geld vom Vater. Von Kreditkarten. Er macht Schulden, aber es ist ihm egal. Er liebt Ronda und Thalia. Er weiß, dass er niemals mit ihnen Sex haben wird, doch ihm reicht es, dass sie ihn in ihrer Nähe dulden, und er fühlt sich ihnen zu nah, zu freundschaftlich verbunden, als dass er sie als Objekte seines kannibalischen Triebs begehren würde. Er will sie nicht essen. Er will sie erleben. In dem Manga schreibt er später: "Ronda und Thalia sind meine einzige Stütze. Sie sind in die Leere meiner Seele gekommen."

Nach der Indienreise schickt Thalia Sagawa ein Fax: "Ich kenne nun deine Vergangenheit. Komm nie wieder zu mir. Sonst verrate ich alles Ronda." Eineinhalb Jahre später kommt sie doch zu ihm zurück, und das merkwürdige Trio bricht auf zu einer letzten großen Reise. Nach Island. Sagawa ist selig. "Ich dachte dort, nun kann ich den Vorhang meines Lebens runterziehen."

Doch das tut er nicht. Bis heute nicht. Sagawa gibt weiter Interviews. Und sagt Sätze wie diesen: "Inzwischen bin ich gar nicht mehr interessiert an weißen, großen Frauen. Die japanischen Frauen sind die schönsten der Welt, besonders die Frauen von der Insel Okinawa." Und dann lächelt er still. Und schaut gerade in die Kamera. Und erzählt von seinem neuen großen Traum: dass vier dieser herrlichen Frauen ihn eines Tages in Stücke reißen werden.

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