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Interview

Missbrauch: "Krasses Behördenversagen" - Forscher entsetzt über Missbrauch in Lügde

Über Jahre sollen Männer auf einem Campingplatz in Lügde Kinder missbraucht haben. Trotz Hinweisen hat eine Behörde einem der Männer ein Pflegekind gegeben. Im Interview erklärt der Verwaltungsforscher Wolfgang Seibel, was ihn an dem Fall alles empört.

Vor einer rostroten Holzhütte hängt ein Absperrband "Polizeiabsperrung". Auf dem Rasen vor der Hütte liegt Schnee

Auf einem Campingplatz in Lügde sollen über Jahre Kinder missbraucht worden sein

DPA

Herr Seibel, auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde sollen mehrere Männer über einen Zeitraum von zehn Jahren mindestens 29 Kinder sexuell missbraucht haben. Seit 2016 gab es Hinweise auf die Taten. Aber weder die Polizei noch die zuständigen Jugendämter unternahmen etwas. 2017 wurde der Hauptverdächtige Andreas V. sogar als Pflegevater eines sechsjährigen Mädchens anerkannt. Sie erforschen Verwaltungsversagen. Was löst so ein Fall bei Ihnen aus?

Er schockiert mich, als Fachmann und als Mensch. Und ich bin entsetzt, dass Verwaltungsinstanzen, die offenbar Hinweise hatten, daraus nicht die richtigen Konsequenzen gezogen haben.

Wie kann so etwas passieren?

Für diesen Einzelfall kann ich das schwer beurteilen. Obwohl man sich schon fragt, wie es möglich ist, dass Polizisten beim Verdacht auf sexuelle Belästigung nicht tätig werden. Das muss zwingend Ermittlungen auslösen. Alles andere spricht für Gleichgültigkeit oder schlichte Unfähigkeit. Es gibt Fälle, in denen hat man einen Ermessensspielraum. Hier nicht.

Und das Jugendamt?

Dort sind die Vorwürfe offenbar versandet. Auch das wirft Fragen auf nach der Qualifikation des Personals. Schließlich geht es hier um junge Menschen, um Kinder, für die diese Einrichtungen überhaupt geschaffen wurden. Wenn deren Schutz nicht funktioniert, ist das krasses Behördenversagen.

Das Ganze hat sich über Jahre hingezogen. Wie kann es sein, dass Fehler behördenintern über so eine lange Zeit nicht erkannt und korrigiert werden?

Bei den Jugendämtern haben wir es ganz grundsätzlich mit zwei großen Problemkreisen zu tun. Das eine ist eine Unterausstattung mit qualifiziertem Personal. Die bezweifelt keiner. Es müsste Obergrenzen geben für die Anzahl der Fälle, für die einzelne Sachbearbeiter zuständig sind. In manchen Städten wurde das erfolgreich getestet. Der zweite Problemkreis ist das Spannungsverhältnis zwischen Kindeswohl und Schutz von Ehe und Familie. Das ist im Fall von Lügde aber nicht relevant.

Die Polizei vor Ort und gleich zwei Jugendämter waren mit dem Fall betraut. Birgt es Gefahren, wenn sich Zuständigkeiten überlappen?

Das kann keine Entschuldigung sein. In der öffentlichen Verwaltung arbeiten oft mehrere Behörden zusammen. Und in aller Regel machen sie das gut. Im Fall Lügde wurden die Vorfälle ganz offensichtlich nicht ernst genommen. Wichtig wird jetzt vor allem sein, wie sich die übergeordneten Behörden verhalten. Ob sie eine Untersuchung einleiten.

Es gab in den vergangenen Jahren ähnliche Fälle wie in Lügde.

Ja, es gab zum Beispiel den Fall in Staufen, bei dem ein siebenjähriger Junge von seiner Mutter und ihrem Lebensgefährten missbraucht und im Darknet Pädophilen angeboten wurde. Auch da hätten es die Behörden wissen können, wenn sie es hätten wissen wollen.

Hat sich etwas geändert bei der Aufarbeitung solcher Verwaltungsfehler?

Ich habe nicht den Eindruck. Das traurige Paradebeispiel ist die Loveparade in Duisburg 2010. Die eigenen Mitarbeiter der Genehmigungsbehörden haben damals gesagt: Hier wird gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen, das können wir gar nicht genehmigen. Und Kommunalpolitiker haben sich dann darüber hinweggesetzt. Es hat jetzt zwar einen Strafprozess gegeben. Das Land Nordrhein-Westfalen hat aber keinerlei Anstrengungen unternommen, das krasse Verwaltungsversagen von damals zu untersuchen.

Kennen Sie Beispiele für eine gute Aufarbeitung?

Glücklicherweise ja. Bei den NSU-Morden gab es ein Dutzend Untersuchungsausschüsse. Kein Behördenversagen ist derart gründlich untersucht worden.

Warum ist das nicht die Regel?

Ich sehe oft eine ungute Politisierung bei Fällen von krassem Behördenversagen. Manche werden nicht untersucht, weil wichtige Funktionsträger nicht möchten, dass etwas bekannt wird, das ihnen schaden könnte. Wir haben dort nicht diese selbstverständliche Neutralität wie bei Ermittlungen in Strafverfahren. Aber genau das brauchen wir. Ohne Rücksicht auf politische Verluste.

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