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Münchner "Ehrenmord"-Prozess: Ein gespenstisches Bekenntnis

In dem Münchner Gerichtssaal herrschte Totenstille, als ein 35-jähriger Iraker beschrieb, wie und warum er seine Frau auf offener Straße erstochen und angezündet hat. Er bereue nichts, sagte er. Er habe so handeln müssen. Wegen der Kultur. Wegen der Religion. Und wegen der deutschen Politik.

Von Rupp Doinet, München

"Nein", sagt der schmächtige Mann vor dem Münchner Schwurgericht, "dass ich meine Frau getötet habe, das bereue ich nicht". Er würde es wieder tun. Sie hätte es verdient. Und überhaupt sei auch die Politik der Bundesrepublik Deutschland mitschuldig an ihrem Tod. Denn: "Weil hier die Frauen so viele Rechte haben, werden sie unverschämt".

Als er das sagt, wird es totenstill in dem großen, fensterlosen Gerichtssaal, in dem die spektakulären Münchner Kriminalfälle verhandelt werden. Die Mörder des Volksschauspielers Walter Sedlmayr standen hier vor Gericht, der Stricher, der Rudolph Moshammer tötete, der "Samuraimörder", der sein Opfer mit einem Schwert zerteilte. Doch so schockiert wie an diesem Donnerstag morgen war das Publikum auf den harten Holzstühlen nie zuvor.

Erstochen und mit Benzin übergossen

Denn da ist keiner, der sich entschuldigt, der davon spricht, er sei unzurechnungsfähig gewesen, von Wut oder Leidenschaft übermannt. Ruhig, als spräche er darüber, wie es im Urlaub war, schildert der irakische Kurde Kazim Mahmud Raschid, 35, warum er Sazan Bajez-Abdullah, 24, seine Frau ermordete, warum er mit einem Messer auf sie einstach und die tödlich verletzte Frau auch noch mit Benzin übergoss und anzündete. Seine "Kultur und Religion" hätten ihn dazu verpflichtet, "das zu tun, was ich tun wollte". Und auch sein Schwiegervater wollte, dass Sazan, die Schande über die Familie gebracht hätte, sterbe: "Wenn Du sie nicht tötest, dann töte ich dich", hätte der gesagt - was der Vater bestreitet. Das Verbrechen der jungen Frau: Sie wollte sich scheiden lassen.

Sazan Bajuez-Abdullah hatte sich auf diesen Tag gefreut. Am 25. Oktober 2006 sollte sie von Kazim Mahmud geschieden werden, dem Mann, den ihre Eltern für sie bestimmt hatten, den sie nicht liebte, der sie immer wieder verprügelte, so sehr, dass die Polizei gegen ihn ein Kontaktverbot erwirkt hatte. Um 14.30 Uhr an diesem Tag war die junge Frau wieder frei. "Der glücklichste Tag in meinem Leben", sagte sie zu einer Freundin nach der Verhandlung.

"Jetzt ist sie fällig"

Drei Stunden später war Sazan Bajez-Abdullah tot. Dutzende Menschen in der Maier-Leibnitz-Straße in Garching waren Zeugen ihres Todes. Im Cafe am Anfang der Straße hatte die Bedienung Sazan noch gewarnt, als sie mit ihrem fünf Jahre alten Sohn an der Hand zu ihrer Wohnung lief. Denn erst ein paar Minuten zuvor war Abdullah im Cafe gewesen. Bevor er ging, hatte er gesagt: "Jetzt ist sie fällig". "Der bringt dich um", rief die Kellnerin, die Sazan und Kazim kannte, der jungen Frau zu. Doch die nahm die Drohung nicht ernst.

Der Angriff erfolgte mitten auf der Straße. 13mal stach der Iraker mit einem Messer auf seine gerade von ihm geschiedene Frau ein. Dann lief er zu seinem Auto, holte einen Kanister mit Benzin, ging zu der tödlich verletzten aber noch lebenden Frau, übergoss sie und zündete sie an. Von den Balkonen der Häuser herab warfen Anwohner Plastikflaschen voller Wasser und nasse Tücher. Passanten versuchten, der brennenden Frau zu helfen, brachten das verstörte Kind, das alles mit angesehen hatte, in Sicherheit. Ein Kripobeamter, der in einem Nachbarhaus wohnte und die Schreie auf der Straße gehört hatte, nahm den Iraker fest.

"Ich wollte sie töten"

"Ich wollte sie töten", sagt der nun vor Gericht. Und: "Wenn ich ein Mann bin, dann mach ich das". "Seit neun Monaten schon" hätte er die Tat geplant. An alles war gedacht. An das Messer, um zu töten, das Benzin für das Feuer, "weil sie alle Fenster meines Lebens zugemacht", ihn mit ihrem Ungehorsam, dem Wunsch nach einer Scheidung, der Weigerung, in den Irak zurückzukehren und dem Verbot, seinen Sohn zu sehen, "gebrannt" habe. Für den Fall, dass Passanten der Frau zu Hilfe gekommen wären, hatte er zwei Elektroschocker eingesteckt, um Helfer abzuwehren.

Vor zehn Jahren war Kazim nach Deutschland gekommen, ein unauffälliger Kurde aus Kala Diza im Nordosten des Irak. Er beantragte Asyl, der Antrag wurde abgelehnt, Kazim wurde lediglich "geduldet", durfte München allerdings nicht mehr verlassen. Der ehemalige Mechaniker, der in München Hilfsarbeiten erledigte, hielt sich allerdings nicht an diese Bestimmung. Insgesamt viermal reiste er auf Schleichwegen in seine Heimat und wieder zurück nach München. Seine Familie in Kurdistan, so hatte er ihnen gesagt, sollte ihm eine Frau suchen.

Mit Schlägen zur Hochzeit gezwungen

Sie fanden Sazan. Eine halbe Stunde nur sahen sich die beiden bis dahin einander völlig fremden Menschen. Dann, so sagt Kazim nun vor Gericht, war die Hochzeit vereinbart. "Sazan freute sich". Sazan hatte offenbar keine Chance. Ihr Vater, so vertraute sie später in München einer Freundin an, hätte sie zu dieser Hochzeit mit Schlägen gezwungen. Ihrem Sohn, der am 21. August 2001 in München zur Welt kam, gab sie einen Namen, der auf Kurdisch "Träne" bedeutet.

Eine Frau, wie Kazim sie sich wünschte, war Sazan sicher nicht. Sazan, die auch mit einem Antrag auf Asyl gescheitert war, aber geduldet wurde, lernte schnell Deutsch, hatte Freundinnen, lachte gerne, las Bücher und träumte davon, Schriftstellerin zu werden. Es gab Streit zwischen den beiden. Im Oktober 2005 zeigte sie ihn zum ersten Mal an. Er hätte versucht, sie zu erwürgen. Tatsächlich diagnostizierte ein Arzt bei der jungen Frau Würgemale. Gegen Kazim erging eine einstweilige Verfügung, ein Kontaktverbot. Von nun an durfte er seiner Frau und der Wohnung nicht näher kommen als 300 Meter. Auch seinen Sohn durfte er nicht mehr besuchen. Sazan hatte Angst, er könnte das Kind in den Irak entführen.

An das Kontakverbot hielt er sich nie

An das Kontaktverbot hat sich Kazim Mahmud Raschid nie gehalten. Er lauerte Sazan an Bushaltestellen auf, verprügelte sie dort, brach ihren Briefkasten auf und stieg in ihren Keller ein, versuchte über ein Fenster, in ihre Wohnung einzusteigen und legte ihr auf das Fensterbrett eine Tonkassette, die er besprochen hatte. Man werde Sazan in der Hölle treffen, hieß es darauf, und dass eine Frau, die in Deutschland Schlampe genannt werde besser sei als eine Frau, die ihrem Mann nicht gehorche. Die Polizei war angeblich machtlos. Wenn sie kam, war Kazim längst über alle Berge und gegen Anzeigen wehrte er sich mit Gegenanzeigen.

Erst jetzt, nach dem Mord an der jungen Frau, wurde er wegen diverser Verstöße gegen die Kontaktsperre zu zehn Monaten Haft verurteilt. Fast gleichzeitig lehnte das Verwaltungsgericht München einen Antrag auf Prozesskostenbeihilfe ab, die Sazan als sie noch lebte, für ihren Antrag auf Asyl haben wollte. Begründung des Gerichts: Ehrenmorde und "Gefährdungen wegen Familienehre" seien so eine Art Folklore, nämlich: "Probleme, die in den allgemeinen Regeln des Iraks und den gesellschaftlichen Gepflogenheiten und religiösen Normen wurzeln".

Für den Mord an seiner Frau droht Kazim Mahmud Raschid nun lebenslange Haft - mit besonderer Schwere der Schuld.