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Tödliche Attacke am Bahnsteig: Wie können wir vor solchen Angriffen geschützt werden? Die Antwort fällt ernüchternd aus

Ein Achtjähriger wird von einem Unbekannten vor einen ICE gestoßen. Nach der Tragödie in Frankfurt ist die Debatte voll entbrannt: Wie können wir vor solchen Angriffen geschützt werden? Es gibt zwar Lösungen – aber wir müssten einen hohen Preis dafür zahlen.

Nach der tödlichen Attacke auf einen Achtjährigen im Frankfurter Hauptbahnhof ist die Diskussion über die Sicherheit auf deutschen Bahnsteigen in vollem Gange. Die Vorschläge reichen von mehr Aufsichtspersonal bis hin zu Trennwänden zwischen Gleisen und Bahnsteigen. Doch ein Blick auf die Ideen zeigt: So wirklich zweckmäßig ist keine der vermeintlichen Lösungen. 

Lassen sich Taten wie in Frankfurt verhindern?

Verlangsamte Einfahrt in den Bahnhof: Der ICE in Frankfurt erfasste den Achtjährigen bei einer Geschwindigkeit von rund 30 Stundenkilometern – schneller dürfen Züge bei der Einfahrt in Kopfbahnhöfe nicht fahren. Der Bremsweg beträgt dabei etwa 20 Meter, ist also deutlich länger als bei einem Auto: Grund ist das System Eisenbahn: Stahlräder rollen auf Stahlschienen, die Reibung ist deutlich als bei der Kombination Gummireifen/Asphaltstraße. 

Würden Züge nunmehr lediglich in Schrittgeschwindigkeit in die Bahnhöfe einfahren, verkürzte sich die Strecke bis zum Stillstand deutlich. Bei Menschen im Gleis hätte der Lokführer womöglich größere Chancen, seinen Zug rechtzeitig zum Stehen zu bringen. Allerdings hätte eine Reduzierung der Einfahrgeschwindigkeit in Bahnhöfen erhebliche Auswirkungen auf den Fahrplan: Die Fahrzeiten würden sich stark verlängern, Umsteigeverbindungen müssten bundesweit neu gestrickt werden, die ohnehin zum Teil überlasteten Bahnhöfe könnten noch weniger Züge aufnehmen. Die Bahn würde somit an Attraktivität einbüßen – das Gegenteil ist jedoch politisch, auch mit Blick auf den Klimaschutz, gewünscht. Dazu gewährleisteten verlangsamte Einfahrten in Bahnhöfe auch bei weitem keinen vollständigen Schutz vor Attacken wie in Frankfurt. ICE- und Intercityzüge fahren bei einer Vielzahl von Bahnhöfen mit bis zu 250 Stundenkilometern ohne Halt durch. Bei einer Verlangsamung dort könnte der Fernverkehr gleich komplett eingestellt werden.

Bahnsteigsperren: Es gab sie lange Zeit in Deutschland, die Kontrollen an den Bahnsteigzugängen. Ohne Fahr- oder Bahnsteigkarte kein Durchkommen. Hierzulande wurden die Bahnsteigsperren und -karten in den 1970er Jahren abgeschafft (lediglich in Hamburg müssen für das Betreten der U- und S-Bahnsteige ohne Fahrkarte noch Bahnsteigkarten gekauft werden).

Bahnsteigsperre

Bahnsteigsperren waren bis in die 1970er Jahre in Deutschland verbreitet (hier in Frankfurt am Main Hauptbahnhof 1967)

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In anderen Ländern dagegen gibt es noch Kontrollen vor den Bahnsteigen, etwa an einigen großen Bahnhöfen in Italien. Oftmals (z.B. vor dem Zugang zum Eurostar zwischen Frankreich und Großbritannien) finden sogar Sicherheits- oder Passkontrollen an den Sperren statt. Auch bei unzähligen U-Bahnen sind Sperren an den Zugängen gang und gäbe. Eine Umrüstung aller rund 5400 Bahnhöfe in Deutschland wäre zwar theoretisch möglich, aber nur mit immensem finanziellen Aufwand, hinzu kämen deutliche Verzögerungen bei Zugreisen. Wenn vor Abfahrt eines ICE hunderte Reisende kontrolliert werden müssten, könnten Aufenthalte der Züge von nur zwei Minuten an den Bahnsteigen nicht mehr gewährleistet werden.

Die Deutsche Bahn erklärte in der "Bild"-Zeitung, die Forderungen, Bahnsteige nur noch für Ticketinhaber betretbar zu machen, seien zwar nachvollziehbar. Dies würde aber hunderte Millionen Euro kosten und zu Schlangen an den Bahnsteigen führen. Auch der Fahrgastverband "Pro Bahn" erklärte, eine solche Forderung sei "logistisch kaum umzusetzen". Dazu kommt: Ein Angreifer könnte sich vor seiner Tat einfach eine Bahnsteigkarte kaufen.

Bauliche Trennung von Bahnsteig und Gleisen: Man kennt das System von Flughafenshuttles oder auch von U-Bahnsystem (z.B. in St. Petersburg). Bahnsteig und Gleise sind durch Wände voneinander getrennt. Türen befinden sich dort, wo sich die Zugänge der haltenden Zügen befinden. Erst wenn die Bahn eingefahren ist und steht, öffnen sich die Türen am Bahnsteig.

Ein wirksamer Schutz vor absichtlichem Betreten der Gleise, aber auch vor Menschen mit suizidalen Absichten oder Angreifern wie jenem in Frankfurt.

Aber für die tausenden Bahnhöfe in Deutschland wohl kaum umsetzbar. Neben den hohen Kosten auch sprechen die bisweilen beengten Verhältnisse an stark frequentierten Haltestellen gegen diese Lösung. Und: Allein im Fernverkehr betreibt die Deutsche Bahn mindestens ein halbes Dutzend unterschiedliche Zugtypen, hinzu kommen diverse Modelle, die im Regionalverkehr eingesetzt werden. All diese Fahrzeuge haben unterschiedliche Türabstände nutzen dieselben Bahnsteige. Wo sollten also die Bahnsteigtüren eingebaut werden? Eine zweckmäßige Lösung ist nicht in Sicht.

Videoüberwachung: Videoüberwachung kann zwar die Aufklärung von Straftaten verbessern, Täter abschrecken kann sie in vielen Fällen nicht. Zwar werden am Bahnhof Berlin-Südkreuz inzwischen sogar Kameras getestet, die mit einer neuen Software ungewöhnliches Verhalten erkennen können sollen, etwa auf dem Boden liegende Personen, Ansammlungen vor Rolltreppen oder die Bewegungen von Gruppen. Dass ein Täter wie in Frankfurt jedoch schon vor der Begehung seiner Tat durch die Software als Gefahr identifiziert wird, ist nicht möglich.

Mehr Personal: Schnell wurde nach dem Angriff von Frankfurt auch der Ruf nach zusätzlichem Aufsichtspersonal auf den Bahnsteigen laut, also Bundespolizisten oder Bahnmitarbeiter, die die Lage im Blick haben. Widerspruch kommt von Jörg Radek, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei. Er sagte, solch "grauenhafte Verbrechen" würden sich nicht durch mehr Polizisten verhindern lassen.

"Keine Sicherheitslücke, sondern Menschlichkeitslücke"

Einen hundertprozentigen Schutz vor Angriffen wie in Frankfurt kann es nicht geben, wollte man nicht das gesamte Eisenbahnsystem mit all seinen Vorzügen umkrempeln. Die Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, die saarländische Ressortchefin Anke Rehlinger (SPD) erklärte zu den Forderungen nach Umbauten an den Bahnhöfen: "Eine solche Tat offenbart keine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke", sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Deshalb sollte man auch nicht den Anschein erwecken, irgendeine Sicherheitsmaßnahme könnte das garantiert verhindern."

Der für Reisende wichtigste Tipp kommt von der Bundespolizei. Vor dem Stillstand eines Zuges am Bahnsteig niemals die weiße Linie auf dem Boden übertreten. Doch zur Wahrheit gehört: Auch das kann die Tat eines Wahnsinnigen nicht verhindern.

Quellen: DB Station&Service, "Bild"-Zeitung, Redaktionsnetzwerk Deutschland/"Hannoversche Allgemeine", Bundespolizei, Nachrichtenagentur AFP