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Prozess in Darmstadt: Sie starben im Kinderzimmer - wer tötete Anton und Emilia?

Ein großes Haus, zwei fröhliche Kinder, ein Leben im Luxus. Es scheint, als hätten Werner und Christiane H. das große Los gezogen. Dann geschieht ein Verbrechen.

Mord an zwei Kindern: Haben Vater oder Mutter oder sie beide getötet?

Als sie noch zu viert waren: Werner und Christiane H. bei ihrer Hochzeit 2014 mit Anton und Emilia. Das Urteil im Mordprozess wird im Juni erwartet.

An dem Tag, als ihre Scheinwelt endgültig zerbricht, machen Werner und Christiane H. einen Ausflug mit den Kindern. Sie fahren mit Anton und Emilia nach Sachsenhausen in eine Apfelweinwirtschaft. Auf der Speisekarte stehen Frankfurter Schnitzel und Grüne Sauce. Die Eltern trinken Äppelwoi, der Vater bestellt Handkäs dazu.

Gegen Abend ist die Familie zurück im Odenwald, in ihrem Traum aus Klinker. Das Haus hat viele Zimmer und einen großen Garten. Seit 15 Jahren leben sie hier, feierten Partys, tranken Champagner. Vor der Tür parkten Ferraris, Porsches und manchmal auf einem Trailer auch ihre Motoryacht. Der Kieferchirurg und die Zahnärztin konnten sich das alles eine Zeit lang leisten. Und als sie es sich nicht mehr leisten konnten, änderten sie an ihrem Leben nichts. Es war ein Absturz mit Ansage. Ihre Einnahmen sanken, sie gerieten in den Verdacht, bei Abrechnungen betrogen zu haben, die Kassenzahnärztliche Vereinigung behielt Geld ein. Am Ende waren sie insolvent, ihre Praxis wurde geschlossen.

Das Haus sollte schon am nächsten Tag geräumt werden

Nun sollen sie ihr Haus räumen, am nächsten Morgen schon. Es ist der 30. August 2018, Werner und Christiane H. sitzen auf der Terrasse, reden, er trinkt Dosenbier. Später sagen sie ihren Kindern Gute Nacht. Am nächsten Morgen werden Anton, 13, und Emilia, 10, tot in ihren Zimmern gefunden und die Eltern in der Garage im Auto. Sie haben eine leichte Kohlenmonoxidvergiftung, sind aber am Leben. Der Klinkerbau trägt Brandspuren.

Das Haus der Familie in Mörlenbach, in dem das Verbrechen geschah

Das Haus der Familie in Mörlenbach, in dem das Verbrechen geschah

Seit März versucht die 11. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt zu ergründen, was geschehen ist in jener Augustnacht. Es geht um die Frage: Wer tötete Anton und Emilia? Nur der Vater, wie er mittlerweile behauptet? Oder hatte er in seiner ersten Vernehmung die Wahrheit gesagt, als er von "wir" sprach? Welche Rolle spielte die Mutter? Und was war das Motiv für diese unfassbare Tat?

22. März, Prozesstag 1

Dr. Dr. Werner H. wird als Erster in den Gerichtssaal gebracht, ein großer, massiger Mann mit grauem, akkurat geschnittenem Haar. Den blauen Pullover hat der 59-Jährige lässig über das karierte Hemd gehängt, als wolle er gleich in seinen Ferrari steigen.

Dann betritt Dr. Christiane H. den Gerichtssaal, 46 Jahre alt, optisch das Gegenteil von ihm: klein, zierlich, Typ Kindfrau. In besseren Zeiten muss sie sehr hübsch gewesen sein. In besseren Zeiten besaß sie 2800 Paar High Heels, über die sie eine Excel-Tabelle führte. Vor Gericht trägt sie graue Boots.

Er schaut manchmal zu ihr, sie nie zu ihm.

Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge verliest die Anklage. Er wirft den Eheleuten vor, ihre Kinder wenige Stunden vor der Zwangsräumung des Hauses in Mörlenbach gemeinschaftlich heimtückisch getötet zu haben. Mit einem Zimmermannshammer und einem Jagdmesser, jeweils bis zu 25 Schläge und vier Stiche. Dann hätten sie Benzin verteilt, auch auf die Schlafanzüge der Kinder, und Feuer gelegt. Schließlich hätten sie versucht, sich mit Autoabgasen zu vergiften.

Während der Staatsanwalt spricht, blickt Werner H. stoisch auf die Holzvertäfelung des Richtertisches. Seine Frau ist in sich zusammengesunken.

Werner H. will an diesem Tag seine Lebensgeschichte erzählen, aber nichts zu den Geschehnissen jener Nacht sagen: "Die habe ich in eine Schublade getan."

In diesem Auto fanden Feuerwehrleute Werner und Christiane H. Es stand in der Garage, der Motor lief noch.

In diesem Auto fanden Feuerwehrleute Werner und Christiane H. Es stand in der Garage, der Motor lief noch.

Seine Kindheit im Emsland weist nur einen größeren Bruch auf: Als er 13 ist, stirbt sein Vater. Seine Mutter beschreibt er als ehrgeizige Lehrerin mit wenig Zeit für ihn, sehr katholisch und sehr ordentlich.

H. studierte Medizin, später zusätzlich Zahnmedizin. In beiden Fächern promovierte er. 1998 eröffnete er eine "Praxis für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie". Es sei ein Senkrechtstart gewesen. Er habe dann seine Frau in die Praxis aufgenommen, "wir sind uns beruflich und privat nähergekommen".

2003 ziehen die beiden in ihr neu gebautes Haus, im folgenden Jahr wird Anton geboren, drei Jahre später Emilia. Über seine Kinder sagt Werner H. an diesem Tag nur: "Anton war im Prinzip mein Sohn, Emilia hat viel mit der Mama gemacht."

Der Kieferchirurg will lieber über die Insolvenz sprechen. Er erzählt von angeblichen Schikanen der Kassenzahnärztlichen Vereinigung, von ungerechtfertigten Betrugsvorwürfen. Man habe ihn mit Prüfungen regelrecht überzogen, etwa 500.000 Euro seien einbehalten worden. Von 2014 an habe er nur noch die privatärztlichen Einnahmen gehabt. Im Herbst 2015 habe die Krankenkasse wegen ausstehender Sozialversicherungsbeiträge einen Insolvenzantrag gestellt. "Am 11. April 2016 wurde ich der Praxis verwiesen."

Noch 2015 schließt H. allerdings einen Leasingvertrag über seinen dritten Ferrari ab, monatliche Rate: 4400 Euro. Der Vorsitzende Richter Volker Wagner will wissen, wie er sich selbst beschreiben würde. H. sagt: "Eher egozentrisch. Egoman."

"Meine Kinder waren mein Hobby."

Christiane H. gibt hingegen nur wenig preis. Geboren in Dresden, aufgewachsen in Neubrandenburg, der Vater Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Ihre Kindheit sei "problemlos" gewesen, nach dem Zahnmedizinstudium und der Promotion habe sie ihren Mann kennengelernt, später hätten sie seine Praxis gemeinsam betrieben. "Das Insolvenzverfahren 2015 kam für mich völlig überraschend", sagt sie.

Der Vorsitzende Richter fragt nach ihren Hobbys, sie sagt: "Meine Kinder waren mein Hobby." Wer ihre Kinder getötet hat, will sie nicht sagen.

Der Richter bittet deshalb den forensischen Psychiater Henning Saß, zu berichten, was ihm Werner und Christiane H. zum Kerngeschehen gesagt haben. Beide haben sich von Saß begutachten lassen.

Offenbar hatten die Eheleute bis zuletzt gehofft, in dem Haus wohnen bleiben zu können, obwohl es längst eine andere Familie ersteigert hatte. Vor ihrem Ausflug nach Sachsenhausen hatte Christiane H. noch einmal versucht, beim zuständigen Amtsrichter einen Aufschub für die Räumung zu bekommen. Dem Psychiater sagte Werner H.: Mit der Ablehnung sei "ihr Schicksal besiegelt gewesen".

Saß berichtet, H. habe von einem Film erzählt, der anschließend vor seinen Augen abgelaufen sei: Anton und Emilia müssen mit einem Köfferchen in der Hand das Haus verlassen, vor ihnen steht ein grinsender Insolvenzverwalter.

Im Zimmer mit den starken Rußspuren starb Emilia, 10, nebenan Anton, 13

Im Zimmer mit den starken Rußspuren starb Emilia, 10, nebenan Anton, 13

Gegen 23 Uhr seien die Kinder schlafen gegangen, wenig später auch Christiane und er, aber der Film sei in Endlosschleife in seinem Kopf weitergelaufen. Auch seine Frau habe nicht schlafen können, gegen 0.30 Uhr hätten sie sich in die Küche gesetzt. Sie seien auf Selbsttötung gekommen und auf die Idee, sich im Auto mit Kohlenmonoxid zu vergiften.

Werner H. gab an, angstlösende, beruhigende Tabletten genommen zu haben, seine Frau ebenfalls. Sie habe einen Rucksack mit wichtigen Dokumenten bei den Nachbarn abgestellt. Dann fehle ihm ein Stück in seiner Erinnerung. Die setze erst wieder ein, als er mit Messer und Hammer in Antons Zimmer gestanden habe.

Als der Gutachter wiedergibt, was H. ihm über die Minuten danach erzählte, wird es still im Gerichtssaal. Anton muss noch massiven Widerstand geleistet haben. Fünf bis acht Minuten habe der Kampf gedauert, so der Vater. Emilia dagegen habe sich nicht so stark gewehrt, eher gewunden. Er habe die Kinder ohne Mitwirken der Mutter getötet. Und abermals hat Werner H. eine Lücke in seinen Erinnerungen: Aufgewacht sei er erst wieder in der Klinik.

Auch die Mutter gab Saß gegenüber an, unter Erinnerungslücken zu leiden. Nachdem die Bemühungen um einen Aufschub der Räumung gescheitert waren, habe sie alles wie durch einen Schleier wahrgenommen. Die Geschehnisse der Nacht? Weg.

25. März, Prozesstag 2

17 Zeugen hat das Gericht für diesen Tag geladen. Zunächst berichten Rettungskräfte über den Einsatz am Morgen des 31. August. Wie sie nach dem Notruf der Nachbarn um 7.25 Uhr am Haus der Familie ankamen, wie sie die toten Kinder im qualmenden Obergeschoss entdeckten und später die Eltern in der Garage. Dann erzählen Gerichtsvollzieherinnen von schwierigen Besuchen in Mörlenbach.

Noch zerrütteter muss das Verhältnis zwischen den H.s und dem Insolvenzverwalter gewesen sein. "Die waren einheitlich verbissen und sind einheitlich gegen mich vorgegangen. Ich wollte deren überbordenden Konsum beschränken", erklärt Harald Hess dem Gericht. Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens hätten sich immer mehr Gläubiger gemeldet. Am Ende sei er auf über 50 gekommen und Verbindlichkeiten in Höhe von zwei Millionen Euro – abzüglich des Erlöses aus der Hausversteigerung.

2. April, Prozesstag 3

An diesem Tag legt Werner H. ein Geständnis ab, sein Anwalt verliest H.s Einlassung, in der er seine Frau noch einmal entlastet. Will er sie nur schützen, oder sagt er die Wahrheit?

Christiane H. mit Anwalt

Christiane H. mit Anwalt

Am Abend des 30. August überlegten sie demnach zunächst gemeinsam, wie sie sich umbringen könnten. "Der einzige Gedanke war, wie wir aus dem Leben gehen können." Und: "Die Kinder fanden bei diesen Plänen nicht statt." Aus dem Praxisbestand habe er noch 20 bis 30 Tabletten Dormicum gehabt, seine Frau Tavor, beides starke Beruhigungsmittel. Dann habe er das Auto gestartet. Christiane habe den Rucksack zu den Nachbarn gebracht.

Das nächste Bild, das er habe: wie er in Antons Zimmer steht. Die Kinder zu töten und das Haus anzuzünden sei ein kurzfristiger Entschluss gewesen. Nach der Tat habe er Hammer und Messer ins Bad gelegt und sich die Hände gewaschen, später die Kinderzimmer in Brand gesetzt. Seine nächste Erinnerung: dass Christiane in der Küche gesessen habe. "Ich weiß nicht, ob sie noch einmal zu den Kindern gegangen ist."

Der Vorsitzende Richter hält lange eine Kinderzeichnung hoch. Sie zeigt eine Figur, möglicherweise eine Frau, mit Messer und dahinter ein brennendes Haus. "Wer hat das gemalt? Anton? Emilia?" Die Eltern schweigen.

17. April, Prozesstag 4

Werner H. betritt den Gerichtssaal, blickt sich um, er wirkt immer selbstsicherer. Christiane H. huscht in den Saal, sie trägt nach wie vor Schwarz.

Ihre Rolle in der Augustnacht ist weiterhin unklar. Daran ändert sich auch nichts, als es um Tatort und Blutspuren geht. Eine Tatortbeamtin sagt aus, dass sie am Morgen des 31. August in der Hose von Christiane H. neben Schlüssel und Handy ein Feuerzeug gefunden habe. Und die Biologin aus dem Landeskriminalamt berichtet nicht nur von Blutspuren der Kinder an der Kleidung von Werner H., sondern auch von Blutanhaftungen an der Pyjamahose der Mutter, an ihrem T-Shirt und an Sportschuhen. Und von einem Teilabdruck ihrer linken Handinnenfläche am Hammer.

Henning Saß begutachtete Vater und Mutter

Henning Saß begutachtete Vater und Mutter

Wann der Abdruck dort hinterlassen worden sei, könne nicht bestimmt werden. Eine Diplom-Psychologin, die Werner H. in der U-Haft seit Anfang September betreut, berichtet von widersprüchlichen Schilderungen des Vaters, was seine Frau anbelangt. Demnach soll er zunächst geäußert haben, es sei klar gewesen, dass die komplette Familie ausgelöscht werden müsse. Später habe er das widerrufen und erklärt, seine Frau habe nicht gewusst, dass die Kinder sterben sollten.

8. Mai, Prozesstag 5

Christiane H. bricht überraschend ihr Schweigen. Mal mit kräftiger Stimme und gefasst, mal leise und stockend. Sie schildert, wie sie sich nach der Geburt der Kinder auf die Familie konzentriert und nur sporadisch in der Praxis mitgearbeitet habe. Dass sich allein ihr Mann um die Abrechnungen gekümmert habe, vom Insolvenzverfahren sei sie überrascht worden. Dann habe sich alles nur noch um die Insolvenz gedreht. Zunehmend sei es zu Spannungen zwischen ihrem Mann und den Kindern gekommen. Sie habe versucht zu vermitteln. "Spätestens 2017 wollte ich Mörlenbach am liebsten aufgeben. Meine Kinder hätten, so wie sie waren, überall Anschluss gefunden." Und sie sagt: "Ich empfinde tiefste Schuld, dass ich nicht meine Sachen gepackt, die Kinder genommen und das Haus verlassen habe."

Zur Tatnacht gibt sie an: Sie erinnere sich noch, mit ihrem Mann am Abend auf der Terrasse gesessen zu haben. Er habe kämpfen wollen, ihr sei klar geworden, dass sie keinen Plan hätten. Sie habe dann ein bis zwei Tavor genommen und den Rucksack zu den Nachbarn gebracht. Anschließend sei sie zurück ins Haus gegangen und habe dort ihren Mann angetroffen: "Ich sehe meinen Mann mit dem blutigen Messer in der Hand." Er habe eine ausladende Geste gemacht. Sie sei an Antons Bett getreten, er habe sich nicht mehr bewegt. Dann sei sie zu Emilia gegangen, auch sie habe keinen Puls mehr gehabt. "Ich sagte zu ihm, er solle mit mir dasselbe machen." Er habe geantwortet, er könne das nicht noch mal.

Weltweite Straftaten : An diesen Orten werden die meisten Menschen ermordet

Sie erinnere sich erst wieder an den Moment, als ihr Polizeibeamte im Krankenhaus die Fingernägel schnitten. "Ich habe meine Kinder nicht getötet, und ich hatte auch nicht den Plan, die Kinder zu töten. Ich war nicht daran beteiligt." Sagt sie die Wahrheit?

Volker Wagner ist ein erfahrener Richter. Er lässt nun das Tonband mit Werner H.s erster Vernehmung am 31. August im Krankenhaus vorspielen. In dieser ersten Einlassung zur Tat spricht er auch über seine Frau. Als Mittäterin.

Er erzählt dem Vernehmungsbeamten, nach dem Ausflug nach Sachsenhausen habe die Familie "die Sachlage" erörtert. Alle vier Personen hätten dann entschieden, sie möchten aus dem Leben scheiden." Alle seien einverstanden gewesen, auch die Kinder. Den Kindern hätten sie Medikamente gegeben, damit sie weniger Schmerzen spüren.

"Wir haben die Wünsche der Kinder in die Tat umgesetzt. Wir haben sie getötet."

"Wer hat die Kinder getötet?"

"Meine Frau und ich."

Die Tathandlung nennt er dilettantisch, das sei der fehlenden Zeit geschuldet.

"Es waren tolle Kinder, ich habe mich schon schwergetan."

Als das Tonband abgespielt ist, bleibt es lange still im Gerichtssaal.

An diesem Nachmittag trägt auch Stefan Tönnes, forensischer Toxikologe und Professor an der Universität Frankfurt, erste Teile seines Gutachtens vor. Er widerspricht der Behauptung des Vaters, den Kindern vorab Schmerzmittel gegeben zu haben. "Das Ergebnis, was Medikamente anbelangt, war negativ."

Zum Versuch der Eltern, sich mit Autoabgasen umzubringen, sagt er: "Der Auspuff des Autos hat quasi kein Kohlenmonoxid ausgestoßen. Es ist eigentlich nicht möglich, sich mit einem solchen Auto zu suizidieren." Gemeint ist der VW Golf, den die Nachbarn dem Ehepaar zur Verfügung gestellt hatten, nachdem dessen Ferraris und Porsches gepfändet worden waren.

21. Mai, Prozesstag 6

Werner H. lässt über seinen Anwalt erklären, dass es die Absprache mit den Kindern über den gemeinsamen Tod so nicht gegeben habe.

Doch wie kam es dann zu dieser Kinderzeichnung, die so erschreckend real ist? Der Toxikologe sagt noch einmal aus, es geht um die Frage, ob Werner H., so wie er behauptet, zur Tatzeit unter starkem Medikamenteneinfluss gestanden, also bereits vor der Tat 20 oder mehr Dormicum genommen hat. Tönnes sagt: "Ich gehe davon aus, dass die Einnahme nach der Tat erfolgte." Er verweist auf die kontrollierten Gewalthandlungen, sie seien nicht mit der Wirkung der Tabletten in Einklang zu bringen.

Wieder ein Punkt, in dem H. womöglich gelogen hat. Sagt er die Wahrheit, wenn er die Unschuld seiner Frau beteuert?

Die Rechtsmedizinerin teilt anschließend nüchtern die Obduktionsergebnisse mit: jeweils 25 Verletzungen durch Hammerschläge, vor allem am Schädel, und jeweils vier Stiche in Brust und Hals. Christiane H. ist nun blass, ihr Anwalt fordert eine Pause für seine Mandantin.

Zu den Blutspuren an der Schlafanzughose und dem T-Shirt von Christiane H. sagt die Ärztin: Sie könne weder ausschließen, dass die Angeklagte aktiv am Tatgeschehen beteiligt war, noch, dass das Blut auf ihre Kleidung gespritzt sei, als sie in der Nacht ihren Mann mit dem Messer in der Hand antraf und der eine ausholende Geste machte.

22. Mai, Prozesstag 7

Nun ist es an Henning Saß, sein forensisches Gutachten vorzutragen. Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass beide Angeklagte schuldfähig sind. Es gebe bei beiden keine Hinweise auf psychiatrische Erkrankungen oder auf eine krankhafte psychische Störung.

Es fänden sich allerdings einige Besonderheiten in der Persönlichkeit von Herrn H. Saß spricht von einer "akzentuierten Persönlichkeit". Der Angeklagte sei einerseits egozentrisch, es mangle ihm an Empathie. Zeugen hätten ihn zudem als rechthaberisch und dominant geschildert, mit einer konfrontativen, fordernden Note. Andererseits sei er leistungsfähig und zielstrebig. Das Insolvenzverfahren habe narzisstische Kränkungen für den Angeklagten mit sich gebracht. "Es ist sicher so, dass hier in unheilvoller Weise Lebenssituation und Persönlichkeit verhakelt waren."

Und Saß findet klare Worte für die angeblichen Amnesien der beiden Angeklagten. Für den von Werner H. beschriebenen Filmriss vor der Tötung der Kinder sieht er keine Indizien. "Dass die Amnesie wieder weg ist für das Tatgeschehen, ist nicht plausibel." Und an die Tötung der Kinder und die Brandstiftung habe Werner H. eine sehr gute Erinnerung. "Das wurde minutiös geschildert."

Die weitreichenden Erinnerungslücken von Christiane H. zweifelt Saß ebenfalls an: Nach der Akte der JVA habe sie gesagt, dass sie den Kindern nichts angetan habe, dass sie sie zugedeckt und den Teddy in Emilias Arm gelegt habe. Das sei eine Erinnerung. Die Aussagen des Kieferchirurgen in der ersten Vernehmung hält Saß hingegen für glaubwürdig: "Ich habe nicht den Eindruck, dass Herr H. Dinge erfindet."

29. Mai, Prozesstag 8

Es ist ein Tag, der die Angeklagten und ihre Anwälte aufschrecken lässt. Oberstaatsanwalt Klaus Tietze-Kattge stellt einen Antrag auf einen rechtlichen Hinweis. Was er dann ausführt, kommt einem vorweggenommen Plädoyer gleich. Der Ankläger sieht neben Heimtücke nun auch noch ein weiteres Mordmerkmal erfüllt: niedrige Beweggründe. "Beide Kinder mussten sterben, weil sich ihre Eltern in eigensüchtiger Weise als Opfer stilisieren wollten."

Der Ankläger bezweifelt zudem, dass der Kieferchirurg und die Zahnärztin die Absicht hatten, Suizid zu begehen. Es sei ihnen vielmehr darum gegangen, der Öffentlichkeit die vermeintliche Schuld des Insolvenzverwalters und der Kasse vor Augen zu führen. Als Mediziner hätten sie gewusst, dass sie sich mit der eingenommen Dosis Tabletten nicht das Leben nehmen konnten. Auch sei sehr wahrscheinlich, dass dem Autonarr Werner H. bekannt gewesen sei, dass ein Auto mit Katalysator kaum tödliche Abgase produziere.

Die Tat trage zudem "das Merkmal einer Arbeitsteilung". Zeugen hätten Christiane H. als Frau beschrieben, die ihre Interessen zu vertreten weiß. Ihre Schilderung, die Tathandlung nicht mitbekommen zu haben, sei nicht glaubwürdig. Es bestehe vielmehr der begründete Verdacht, dass die Aussage des Vaters in seiner ersten Vernehmung im Kern der Wahrheit entspreche.

Mordmerkmal: niedrige Beweggründe

Wenig später gibt die Strafkammer bekannt, dass auch eine Verurteilung wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen infrage komme, "wenn die Kinder sterben mussten, weil die Angeklagten ein völlig unverständliches Zeichen setzen wollten". Für Christiane H. komme eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord oder Totschlag in Betracht. Dafür reiche eine ausdrückliche oder auch "nur" stillschweigende Zustimmung zur Tötung aus, sagt der Vorsitzende Richter, betont aber gleichzeitig: "Es ist noch alles offen."

Das Urteil fällt voraussichtlich noch im Juni.

Dieser Artikel ist der aktuellen Ausgabe des stern entnommen:

Honeymoon-Horror: Mord in Kapstadt
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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(