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Ein Mädchen aus Island: Sie dachten, ihre Stadt wäre sicher. Doch dann kam diese Nacht und dann kam das Schiff

Island ist einer der sichersten und friedlichsten Orte der Welt. Es hat keine Armee, Polizisten tragen keine Waffen. Die Menschen auf der Insel fürchteten einander nicht. Bis zu jener Winternacht.

Von Fiona Weber-Steinhaus

Reykjavik: Man fühlte sich sicher. Bis zu jener Mordnacht im Januar...

Birna Brjánsdottír (l.) wurde zuletzt in einer der einsamen Straßen von Reykjavik lebend gesehen. Verantwortlich für ihr Verschwinden soll der aus Grönland stammende Thomas Møller Olsen (r.) sein

Das neue Jahr hatte vor ein paar Tagen erst begonnen, und alles deutete darauf hin, dass 2017 viel für Birna Brjánsdóttir bereithielt. Vor sechs Wochen war sie 20 geworden, hatte sich zu ihrem Geburtstag ein neues Tattoo stechen lassen, und als Nächstes wollte sie mit ihren Freundinnen in die USA reisen. Sie war eine junge Frau im Aufbruch, so wie das Land, in dem sie lebte.

An diesem Abend traf sie sich mit ihrer besten Freundin Matthildur in der Innenstadt von Reykjavík. Der neue Pony fiel ihr über die nachgemalten Augenbrauen. Die Freundinnen spielten in einer Kneipe Karten. Birna gewann, wie immer. Dann zogen sie weiter ins "Húrra". In der Indie-Bar gab es an diesem Abend Freibier. Jungs in Holzfällerhemden und Mädchen in engen Tops tanzten. Birna allerdings trug, wie meistens, einen Kapuzenpullover, dazu schwarze Jeans und Doc Martens. Um zwei Uhr verabschiedete sich Matthildur. Birna blieb. Drei Stunden später verließ sie das "Húrra" und kaufte sich in einem Imbiss einen Kebab.

Reykjavik, es war Samstag, der 14. Januar, kurz nach fünf Uhr morgens, hinter der Bucht lag die Gebirgskette Esjan überzogen von Schnee, als Birna bei vier Grad minus mit offener Fleecejacke in den tiefschwarzen Morgen wankte. Sie lief im Schein der Straßenlaternen. Erst sechs Stunden später würden die Lichter erlöschen, wenn die Sonne über Island aufgehen würde.

Island hat keine Armee, die Polizisten tragen keine Waffen

Isländerinnen empfinden es nicht als mutig, nachts allein durch die leeren Straßen ihrer Hauptstadt zu gehen. Fährt ein Auto in die Richtung, in die man will, hebt man den Daumen und steigt ein, auch wenn man den Fahrer nicht kennt. In der Facebook-Gruppe Skutlarar bieten Leute Mitfahrgelegenheiten an. Man hat keine Angst vor Fremden, ohnehin fühlen sich viele hier einander vertraut. Es war schon immer so: Nur wer kooperierte, sagen Soziologen, konnte früher die harten Winter auf der Insel überleben. Die Nähe der Isländer zeigt sich auch in ihrer Anrede. Man spricht sich mit Vornamen an und verzichtet auf Familiennamen. Die Nachnamen der Männer enden auf -son: Sohn von. Bei Frauen auf -dóttir. Brjánsdóttir – Brjáns Tochter. Birna bedeutete Bärin.

Island gilt auch als einer der sichersten und friedlichsten Orte der Welt. Es ist das einzige Nato-Mitglied ohne Armee, die Polizisten tragen keine Waffen. Die Insel ist so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, mit der Einwohnerzahl von Bielefeld und der Mordrate von Norderney. Viele Bewohner von Reykjavík schließen ihre Tür nicht ab, wenn sie das Haus verlassen.

Diese Unbeschwertheit hat das Land in den vergangenen Jahrzehnten immer attraktiver für Ausländer gemacht. In der Innenstadt von Reykjavík wachsen seit einigen Jahren die Bettenburgen in den Himmel, Daunenjackentouristen lassen sich nicht nur die "Real Icelandic Experience" versprechen, sie genießen auch das entspannte Nachtleben und dass es leicht ist, mit den Isländern in Kontakt zu kommen. Sie schätzen die Spontaneität.

Birna Brjánsdottír wuchs mit einer Gewissheit auf: Das Klima in ihrer Heimat mag kalt sein, aber hier ist man behütet

Birna Brjánsdottír wuchs mit einer Gewissheit auf: Das Klima in ihrer Heimat mag kalt sein, aber hier ist man behütet

Warum die Zukunft planen, wenn man im Moment leben kann? So beschrieben Freundinnen auch Birna. Abgesehen von ihren USA-Plänen hatte sie sich auf wenig festgelegt. Und sie ließ sich auch nicht dazu drängen. Ihr Eigensinn hatte sich bereits bei ihrer Geburt gezeigt; die Hebamme im Krankenhaus hinter der Hallgrímskirche sagte zu Birnas Mutter: Ihre Tochter hat so einen starken Willen, die schafft es in einer Stunde, aufrecht zu sitzen. Mit 19 hatte Birna überlegt, ob sie sich an der Hochschule einschreiben sollte. Was sie wieder verwarf. Warum in einem Klassenzimmer sitzen? Sie hatte lieber mehr Zeit für Freunde und zum Feiern und verkaufte Damenkleidung in einem Einkaufszentrum. Doch am Samstagmittag erschien Birna dort nicht zu ihrer Schicht.

"Viele glauben, dass bei uns alles sicher ist", sagt Kolbrún Benediktsdóttir. Die 39-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren bei der isländischen Staatsanwaltschaft. Die Aktenordner im Regal ihres Büros bezeugen, dass ihre Insel zwar einer der ungefährlichsten Orte der Welt ist, aber auch dieses friedliche Land nicht gänzlich von Verbrechen verschont bleibt.

"Habt ihr gestern Frauen aufgerissen?"

Die meisten Taten geschehen allerdings hinter verschlossenen Türen: häusliche Gewalt, Vergewaltigungen, Kindesmissbrauch. Und die gestiegene Zahl der Touristen hat die Kriminalstatistik verändert: In den vergangenen anderthalb Jahren haben Prostitution und Menschenhandel massiv zugenommen, genau wie Diebstahl und Drogenhandel. "Aber viele Isländer wissen nicht, was alles bei uns passiert", sagt Benediktsdóttir.

Die Oberstaatsanwältin sagt, ihr Magen habe sich sofort zusammengezogen, als sie das Flehen dieser Frau in den Fernsehnachrichten sah.

Der Fischtrawler "Polar Nanoq" hätte schon am Donnerstag losmachen sollen. Doch die Besatzung hatte auf ein paar verspätete Crewmitglieder warten müssen. Es war Samstagmittag, und das Schiff, 65 Meter lang, 14 Meter breit, lag noch immer am Hafen von Hafnarfjörður vertäut, einem Fischerort 20 Minuten südlich von Reykjavík. An Bord war es ruhig. In einer Waschmaschine schleuderte Wäsche, eine Winterjacke, Jeans und ein T-Shirt. Der Seemann Thomas Møller Olsen hatte sie hineingeworfen, bevor er in seine Kajüte ging. Er war in der Nacht mit seinem Kollegen Nikolaj Olsen durch Reykjavík gezogen.

Nachts im Winter sind die Straßen von Reykjavík einsam. Staatsanwältin Kolbrún Benediktsdóttir hatte wenig Erfahrung mit Mordfällen

Nachts im Winter sind die Straßen von Reykjavík einsam. Staatsanwältin Kolbrún Benediktsdóttir hatte wenig Erfahrung mit Mordfällen

Schließlich trat Nikolaj Olsen aus der Kabine. Er hatte seinen Rausch ausgeschlafen. Olsen, 23, hatte Mandelaugen und hohe Wangenknochen, inuithafte Gesichtszüge wie die meisten Grönländer. Ein paar Kollegen scherzten: Habt ihr gestern Frauen aufgerissen? Nikolaj lachte, ja, genau, zwei sind zu uns ins Auto gestiegen.

Am Nachmittag kam auch Thomas Møller Olsen aus seiner Kajüte. Ein Frauentyp, 29 Jahre alt, dichte braune Haare, ein kräftiger Mann, über 1,90 Meter groß. Ja, ja, die Frauen, sagte er, als seine Kollegen ihn auf Nikolaj Olsens Prahlerei ansprachen. Er hätte die beiden beim Supermarkt abgesetzt.

Der Kapitän war sauer. Er missbilligte, dass Crewmitglieder sich in der Stadt betranken. Abends hob sich der Anker. Die "Polar Nanoq" fuhr aus dem betongrauen Hafen. Bald schon verließ der Trawler isländische Gewässer und nahm Kurs auf Grönland. Die Wellen des Atlantiks schlugen gegen den Bug. In frühestens drei Wochen würden sie wieder zurück an Land gehen. Vorher würden sie fischen, Heilbutt, Makrele, Kabeljau.

Weit weg von Reykjavík.

1,8 Tötungsdelikte pro Jahr

Birna würde nicht einfach so allein verschwinden. Für mich ist ziemlich klar, dass sie in Gefahr ist. Wenn Sie Birna gefangen halten, bitte lassen Sie sie frei", sagte die Frau in den Abendnachrichten. Es war Sigurlaug Hreinsdóttir, die Mutter von Birna Brjánsdóttir.

Ihre Tochter war nicht nach Hause gekommen. Sie hatte auch nicht beim Vater übernachtet, der von der Mutter getrennt lebte. Bei ihren Freundinnen hatte sie sich ebenso wenig gemeldet.

Die Mutter erstattete noch am Samstag Vermisstenanzeige. Die Polizeibeamten waren nicht allzu besorgt. Sie wussten, die meisten vermissten Jugendlichen sind einfach nur mit ihrer ersten Liebe durchgebrannt oder schlafen irgendwo ihren Rausch aus. Dennoch brachte das isländische Fernsehen den Aufruf der Mutter.

Tatsächlich gehen immer mal wieder Menschen auf Island verloren. Der "Geirfinnur-Fall" von 1974, bei dem sechs Menschen aufgrund von Falschgeständnissen zu Unrecht verurteilt wurden, beschäftigt die Isländer bis heute. Damals verschwanden innerhalb eines Jahres zwei Männer. Sie tauchten nie wieder auf.

Ob sie Opfer eines Verbrechens geworden sind, ist bis heute unklar. Allerdings ist es in kaum einem Land der Welt unwahrscheinlicher, umgebracht zu werden, als auf Island. Durchschnittlich werden hier 1,8 Tötungsdelikte pro Jahr begangen. Die Einkommen sind relativ gleich verteilt, die Menschen gut gebildet, das Sozialsystem ist umfassend. Kein Anwalt hat sich ausschließlich auf Strafrecht spezialisiert. Und kein Polizeikommissar auf Morde.

Nikolaj Olsen und Thomas Møller Olsen (r.) mochten die Nächte in Reykjavík. Die Menschen waren so aufgeschlossen

Nikolaj Olsen und Thomas Møller Olsen (r.) mochten die Nächte in Reykjavík. Die Menschen waren so aufgeschlossen

Wenn doch mal ein Mensch durch die Hand eines anderen stirbt, sind die Fälle meist schnell geklärt. "Kriminalistisch gesehen sind Tötungsdelikte oft die einfacheren Fälle", sagt die Staatsanwältin Benediktsdóttir. "Fast alle Täter gestehen, Täter und Opfer kennen sich, es sind Beziehungstaten." In ihrer Zeit bei der Staatsanwaltschaft hat Benediktsdóttir nur eine Mordanklage als Staatsanwältin geleitet. Manche ihrer Kollegen hatten noch keine einzige auf dem Tisch.

Hoch auf See, an Bord der "Polar Nanoq", konnte sich Nikolaj Olsen nicht mehr so genau an den Vorabend erinnern. Die Nacht mit Thomas war für ihn im Nebel des Neonlichts von Reykjavík verschwommen. Sie waren im "English Pub" gewesen. Nebenan lag ein Gentlemen's Club, der angeblich illegal Stripperinnen beschäftigte. Die Kundschaft: willige Männergruppen – egal, ob Seeleute oder Billigflieger-Junggesellenabschiede.

Im Pub liefen in Endlosschleife promillekompatible Singer-Songwriter-Lieder. "Don't look back in Anger", "I would walk 500 Miles", "Wonderwall". Nikolaj kannte die Kellnerin von seinen früheren Besuchen. Thomas kam später dazu. Beim Glücksrad, das die Barkeeper hinter der Theke drehten, gewann Nikolaj acht Bier. Die beiden Seemänner exten Jägerbombs, Jägermeister mit Red Bull. Nikolaj wurde aus der Bar geworfen, er war am Tisch eingeschlafen.

In der "American Bar", zwei Häuser weiter, dann mehr Bier, mehr Shots. Gegen fünf Uhr morgens stiegen sie in Thomas' Mietauto. Eine Stunde später sah ein Seemann, der gerade vor dem Fernseher saß, Nikolaj sturzbetrunken auf die "Polar Nanoq" wanken.

Es gab keine Spur

Gegen Mittag sah dann ein Kollege, wie auch Thomas Møller Olsen die Gangway hochschritt.

"Ich möchte dies als eine Suche nach einer lebenden Person verstanden wissen", sagte Kriminalhauptkommissar Grímur Grímsson, ein hagerer Mann mit zurückgekämmtem grauem Haar, bei der Pressekonferenz am Montag, dem 16. Januar. Zwei Tage war Birna nun verschwunden. Geschäftsleute klebten die Vermisstenanzeige in ihre Schaufenster: 1,70 Meter groß, 70 Kilogramm schwer, rotblonde Haare. Die Such-Teams der freiwilligen Rettungsorganisation Landsbjörg klingelten an Haustüren, schauten in Kellern nach, durchquerten die Lavafelder.

Doch obwohl Grímssons Worte hoffnungsvoll klingen sollten: Er war nicht Chef der Abteilung für Vermisstenfälle, sondern zuständig für Kapitalverbrechen. Auch bei den isländischen Polizeibeamten war mittlerweile der Verdacht aufgekeimt, dass etwas Schlimmes passiert sein könnte.

Birnas Familie und ihre Freunde hatten versichert, dass sie niemals abhauen würde. Ihr Heimweg hatte nicht durch unwegsames Gelände geführt. Ein Unfall, etwa dass sie ins Wasser gestürzt war, schien unwahrscheinlich. Aber wie sonst könnte sie verschwunden sein? Es gab keine Spur von ihr.

Nur die Aufzeichnungen der Überwachungskameras in der Innenstadt. Sie zeigten, wie Birna um 5.12 Uhr eine Straße entlanggeht. Drei Minuten später rempelt sie im Vorbeigehen einen Mann an, der neben einem anderen steht. Sie torkelt weiter, beißt von ihrem Kebab ab. Die beiden Männer schauen ihr nach. Um 5.19 Uhr fallen Münzen aus ihrer Tasche auf den Boden. Sie bückt sich, verliert fast das Gleichgewicht. Dann biegt Birna ab auf die beleuchtete Hauptstraße Laugavegur.

Birna schaut nur auf den Boden. Es scheint, als falle es ihr schwer, den Kopf oben zu halten. Ist sie betrunken? High? Bei der Hausnummer 31 biegt sie erneut ab und verschwindet in eine Straße. Es ist 5.25 Uhr. Ein rotes Auto fährt in die Straße, in die auch Birna abgebogen ist. Das Nummernschild lässt sich auf der pixeligen Aufzeichnung nicht erkennen.

Ein Schiff aus Grönland: Der Fischtrawler "Polar Nanoq" landete häufig im Hafen von Hafnarfjörður an

Ein Schiff aus Grönland: Der Fischtrawler "Polar Nanoq" landete häufig im Hafen von Hafnarfjörður an

Die "Polar Nanoq" befand sich nun schon seit zwei Tagen in internationalen Gewässern. Mittlerweile hatte sich der Ärger des Kapitäns auf seine Matrosen Thomas und Nikolaj gelegt. Er war ohnehin ein besonnener Mann, der nicht dem Klischee des Raubeins entsprach, er sah eher aus wie ein untersetzter Versicherungsvertreter. Und Nikolaj Olsen und Thomas Møller Olsen waren eigentlich angenehme Crewmitglieder. Møller Olsen arbeitete seit zwei Jahren auf dem Schiff. Seine Kollegen schätzten ihn als verlässlich.

Doch man weiß auch auf einem engen Trawler nicht alles übereinander. Thomas Møller Olsen hatte in seiner Kajüte Haschisch versteckt, um es nach Grönland zu schmuggeln. Er war wegen Drogenbesitzes vorbestraft. Im Freundeskreis seiner dänischen Exfreundin hatte er den Ruf eines Psychos, der Frauen schlecht behandelt. Auf einer Party soll er eine bewusstlose Frau vergewaltigt haben.

Aber im Alltag machte er einen freundlichen Eindruck. Wenn er sich in Reykjavík bei der Autovermietung einen Wagen auslieh, freuten sich die Mitarbeiterinnen, die ihn kannten: "Der schöne Grönländer ist wieder da." Sie scherzten, wie süß und nett er sei. Wenn er seinen Wagen ablieferte, fuhren sie Møller Olsen oft von der Autovermietung wieder zurück zu seinem Schiff im Hafen von Hafnar fjörður.

Birnas Blut

Mit jedem Tag schwand der Optimismus in Reykjavík. Birnas Handy sendete seit Samstag kein Signal mehr, obwohl sie es sonst selten aus der Hand legte und immer ein Ladekabel bei sich trug. Die Polizisten prüften die Verbindungsdaten. Und fanden heraus, wo es zuletzt eingeloggt gewesen war: um 5.50 Uhr in Hafnarfjörður. Dort wurden auch Birnas Doc Martens gefunden. Sie lagen neben Betonröhren einer Ölfirma am Hafen.

Es war klar, dass auf Islands Ermittler ein Fall zukam, der alle bisherigen Dimensionen sprengen könnte. Wenn internationale Medien über die Lögreglan, die isländische Polizei, berichten, dann gern über deren Social-Media-Präsenz, vor allem darüber, wie süß der Instagram-Account wirkt – Polizisten, die im Schnee Eiscreme essen, vor einem Einsatz grillen oder Katzen, Kinder und Kuscheltiere umarmen. Der Auftritt vermittelt: Lögreglan, dein Freund und Helfer. Und auch: Hier herrscht Friede.

Er steht aber auch für die Internetbegeisterung dieses Landes. Drei Viertel aller Isländer besitzen ein Facebook-Profil. Auch Birna war immer online gewesen, bei Instagram, Facebook, hatte Filme auf Youtube hochgeladen. Und die Polizisten ihres Heimatlandes gelten als Social-Media-Experten. Sie schulen Mitarbeiter von Europol in Den Haag darin, wie man Onlinenetzwerke für Ermittlungen nutzt. Ein Post der Lögreglan erreicht mindestens 83.000 Abonnenten, fast ein Viertel der isländischen Bevölkerung.

Die Polizei lud die Videoaufzeichnungen von Birna bei Facebook hoch. Tausende Isländer fingen an, die Filme zu teilen und zu analysieren. Mehrere Beamte werteten die Hinweise der Bevölkerung aus.

Suchtrupps durchstöberten die Lavafelder der Insel

Suchtrupps durchstöberten die Lavafelder der Insel

Am Montag, den 16. Januar, mietete ein Urlauberpaar einen roten Kia bei Europcar. Der Wagen riecht komisch, dachten sie. Ein bisschen süßlich. Vielleicht die Reinigung. Sie fuhren dennoch mit ihm los. Aber sie kamen nicht weit. Ein Polizeiwagen hielt sie an. Die Beamten beschlagnahmten das Auto.

Als die Spurensicherung das Sitzpolster des Kia entfernte, entdeckte sie eine Blutlache. An den Armaturen, an der Decke, überall fanden die Polizisten Blut, hastig weggewischt. Die Proben schickten sie zur Analyse nach Schweden, mit höchster Priorität. 26 Stunden später kam das Ergebnis: Es war Birnas Blut.

Der Facebook-Post hatte geholfen. Jemand von Europcar hatte sich gemeldet. Der rote Wagen in dem Video sah ihrem Kia ähnlich. Der Name des letzten Mieters: Thomas Møller Olsen. Und bald war auch klar, wo sich der Mann befand: Hunderte Seemeilen von Reykjavík entfernt auf dem Atlantik.

Als er die Rotorblätter rattern hörte, ahnte Thomas Møller Olsen schon, dass es so weit war. "Meinst du, die kommen, um mich zu holen?", fragte er einen Kollegen. Dann seilten sich die Polizisten, bewaffnet mit Maschinengewehren, vom Helikopter aufs Deck der "Polar Nanoq" ab. Sie nahmen Nikolaj Olsen und Thomas Møller Olsen fest. Um 23 Uhr erreichte das Schiff mit den beiden Verdächtigen wieder den Hafen von Hafnarfjörður.

Trauermarsch durch Reykjavik

Die Küstenwache hatte den Kapitän vorher informiert, dass zwei Crewmitglieder gesucht würden. Er hatte daraufhin den Kurs geändert, zurück nach Island, von wo ihnen der Helikopter der Viking Squad, Islands bewaffneter Spezialeinheit, entgegenflog. Der Crew erzählte er, man müsse wegen eines Motorschadens umkehren. Das Internet ließ er abschalten. Doch da hatte sich bereits ein Journalist über Facebook bei Møller Olsen gemeldet: Habt ihr den roten Kia gemietet? Was wisst ihr über diesen Fall? Auch Møller Olsens Freundin hatte dem Matrosen geschrieben: "Ich glaube, du bist tatverdächtig." Er war daraufhin zusammengebrochen. Der Kapitän hatte befohlen, er solle sich hinlegen und Beruhigungstabletten nehmen. Nikolaj Olsen hingegen verhielt sich unauffällig.

Die Polizisten fanden 23 Kilogramm Hasch in Møller Olsens Kajüte. Und im Müll Birnas Ausweis.

Kolbrún Benediktsdóttir trank mit ihrer Familie in der Stadt heiße Schokolade, als im Café auf dem Fernseher die Eilmeldung erschien: 15 Uhr, Polizeipressekonferenz. Benediktsdóttir wusste, was diese Meldung bedeutete. Sie fuhr sofort nach Hause, um die Übertragung zu sehen. "Ich habe geweint, wie so viele Isländer an diesem Tag", sagt sie. "Alle hatten so sehr gehofft, Birna lebend zu finden."

Rund 800 Leute hatten nach Birna Brjánsdóttir gesucht. Als die Küstenwache dann an jenem Sonntag über die Halbinsel Reykjanes geflogen war, hatte die Wärmebildkamera in der Nähe des Leuchtturms Selvogsviti etwas Auffälliges aufgenommen. Es war der 22. Januar. Birna war an Land gespült worden. Sie war nackt.

Es gab keine Spur der jungen Frau. Nur die Bilder der Kameras, die sie gefilmt hatten, wie sie durch das verschwommene Neonlicht torkelte

Es gab keine Spur der jungen Frau. Nur die Bilder der Kameras, die sie gefilmt hatten, wie sie durch das verschwommene Neonlicht torkelte

Ihr Leichnam wurde zur Obduktion in dasselbe Krankenhaus gebracht, in dem sie 20 Jahre zuvor geboren worden war. Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass sie noch gelebt hatte, als sie ins Wasser geworfen wurde. Ihre Nase war gebrochen, sie war gewürgt worden, hatte Hämatome am Kopf. Jemand musste ihr mindestens zweimal ins Gesicht geschlagen haben. Es konnte aber nicht nachgewiesen werden, ob sie vergewaltigt worden war.

Das Land schien in den folgenden Tagen stillzustehen. In den Fenstern flackerten Kerzen. Der Präsident schrieb: "Wir werden uns immer an Birna, dieses junge schöne Mädchen, welches uns in der Blüte ihrer Jugend genommen wurde, erinnern." Etwa 10.000 Menschen schritten in einem Trauermarsch durch Reykjavík. Zu Birnas Beerdigung wehte vor der Hallgrímskirche die Flagge auf Halbmast. Birnas Freunde, vorn links Matthildur, trugen den weißen Sarg mit rosafarbenen Rosen aus der Kirche. Als der Kameramann des staatlichen Fernsehsenders RÚV die Freunde filmte, liefen ihm Tränen über die Wangen.

Ein halbes Jahr später konnte Kolbrún Benediktsdóttir aus dem Fenster des Gerichtssaals in Hafnarfjörður die "Polar Nanoq" am Hafen sehen. Fünf Ordner, 1500 Seiten Akten hatte die Staatsanwältin durchgearbeitet. Journalisten schickten Live-Aktualisierungen aus dem Gerichtssaal. Jeden Verhandlungstag saß Birnas Vater in der ersten Reihe. Sein Rücken durchgedrückt, sein Blick starr. Er hatte sich auf seinen Arm ein Tattoo stechen lassen, dieselbe Figur wie Birna.

An Birnas Ausweis befanden sich Møller Olsens Fingerabdrücke

Vor Gericht stand nur Thomas Møller Olsen als Angeklagter. Sein Freund Nikolaj hatte ausgesagt, dass er sich nicht mehr genau an den Abend erinnern könne. Zu viel Alkohol. Er wisse nur noch, dass jemand zu ihnen in den Wagen gestiegen sei. Aber wer? Das könne er nicht mehr sagen. Auch nicht, ob es zwei Frauen gewesen waren, wie er gegenüber dem Kollegen an Bord damals geprahlt hatte, oder doch nur eine. Gegen sechs Uhr habe ihn Thomas dann am Schiff abgesetzt, was ein Zeuge bestätigte. An seiner Kleidung hatte man auch keine Spuren von Birna gefunden.

Thomas Møller Olsen war neunmal von den Ermittlern verhört worden. Neunmal hatte er dieselbe Geschichte erzählt. Zwei Frauen seien in der Stadt zu ihm und Nikolaj ins Auto gestiegen. Am Hafen habe er Nikolaj abgesetzt. Dann hätten Birna und er sich im Wagen geküsst, bevor er die beiden Frauen an einem Kreisverkehr abgesetzt habe. Er habe das Auto vor der Rückgabe bei der Mietwagenfirma mit Feuchttüchern gereinigt, da es im Kia nach Erbrochenem gerochen habe. Blut habe er nicht gesehen.

Das Land trug Trauer, als Birna Brjánsdóttirs Sarg aus der Hallgrímskirche getragen wurde. Nach acht Tagen hatte man das Mädchen gefunden

Das Land trug Trauer, als Birna Brjánsdóttirs Sarg aus der Hallgrímskirche getragen wurde. Nach acht Tagen hatte man das Mädchen gefunden

Doch die Ermittlungen der Lögreglan hatten ein anderes Bild ergeben. Als Kriminaltechniker Luminol auf die Jacke sprühten, die Møller Olsen auf der "Polar Nanoq" eilig in die Waschmaschine geschmissen hatte, leuchtete an ihr im Dunkeln ein Fleck auf. Blut. Es stammte von Birna. An ihren Schnürsenkeln wurde seine DNA gefunden. An Birnas Ausweis, der im Müll des Trawlers gefunden worden war, befanden sich Møller Olsens Fingerabdrücke. Die Analyse des Blutspurenmusters im Kia ergab, dass der Täter mit Birna alleine war, als er auf sie einschlug.

Vor Gericht sagte Thomas Møller Olsen dann, dass nur Birna allein mit ihnen im Wagen mitgekommen sei. Und nicht er, sondern Nikolaj sei mit der jungen Frau davongefahren und später ohne sie zurückgekehrt. Die Richter glaubten ihm nicht und verurteilten Møller Olsen zu 19 Jahren Freiheitsstrafe wegen Drogenschmuggels und wegen Mordes. Sein Anwalt legte Berufung ein.

Auch in Reykjavík kann überall etwas passieren

In Reykjavík gingen die Frauen wieder aus, die Bars füllten sich wieder. Doch Birna hatte sich in den Gedanken festgesetzt. Natürlich konnte überall etwas passieren, auch hier in Reykjavík, wo die Leute oft nicht ihre Haustür abschließen, wo sich alle irgendwie um ein paar Ecken kennen.

Als er in den Saal geführt wurde, warf sich der Mörder ein Tuch über den Kopf. Kein Fotograf sollte das Gesicht des "schönen Grönländers" sehen

Als er in den Saal geführt wurde, warf sich der Mörder ein Tuch über den Kopf. Kein Fotograf sollte das Gesicht des "schönen Grönländers" sehen

Ende November stand vor dem Türsteher der "Húrra"-Bar eine schwankende junge Frau. Sie wusste nicht, wo sie wohnte, sie schaffte es nicht mehr, ihr Smartphone zu bedienen. Vielleicht K.-o.-Tropfen? Der Securitymann rief die Polizei. Doch die Frau wollte nicht mit den Polizisten mitfahren. Später kam ein Gast, legte ihr den Arm um die Taille und wollte sie wegziehen. "Kennst du sie?", fragte der Türsteher. Der Mann lief weg. Der Türsteher rief erneut die Polizei. Doch ohne Glück. Die Frau stolperte schließlich allein in die Nacht. 400 Menschen teilten den wütenden Facebook-Beitrag des Türstehers. Vor allem ein Satz ließ alle zusammenzucken:

"Es erinnerte mich an Birna."

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