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FBI-Bericht 2020 Mehr Waffen, weniger Polizei: Seit Corona wird in den USA deutlich mehr gemordet

Einer von zahlreichen Tatorten im vergangenen Jahr: Ein Mann erschießt in einem Nachtclub in Kalifornien zwölf Menschen
Einer von zahlreichen Tatorten im vergangenen Jahr: Ein Mann erschießt in einem Nachtclub in Kalifornien zwölf Menschen
© Apu Gomes / AFP
Nicht nur wegen Corona sind in den USA letztes Jahr viele Menschen gestorben. In 2020 gab es so viele Morde wie seit Ende der 90er Jahre nicht mehr. Experten sehen die Gründe in der Pandemie, aber auch in den Folgen von George Floyds Tod.

Die Corona-Pandemie hat das Leben im Jahr 2020 weltweit auf den Kopf gestellt. Dass die Pandemie womöglich auch auf das Verbrechen einen Einfluss hat, legt der neueste Kriminalitätsbericht des FBI nahe. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1960 stieg die Mordrate in den USA in keinem anderen Jahr so stark an wie in 2020. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr rund 21.500 Morde begangen – knapp 5000 mehr als noch in 2019.

An einem einzigen Wochenende im Juni 2020 wurden in Chicago 14 Menschen erschossen und mindestens 106 Menschen durch Schusswaffen verletzt. Das sind die meisten Fälle innerhalb von 48 Stunden seit acht Jahren, berichtete die "Chicago Tribune" damals. Und die "New York Times" schrieb vergangenen Sommer: "Es ist fast ein Vierteljahrhundert her, dass New York City im Juni so viel Waffengewalt erlebt hat, wie in diesem Jahr."

Die Mordrate stieg demnach innerhalb eines Jahres sprunghaft um fast 30 Prozent landesweit. Damit liegt sie jedoch noch immer deutlich unter den Höchstwerten zu Beginn der 1990er Jahre – eine Zeit, die in den Vereinigten Staaten stark vom organisierten Verbrechen geprägt war.

Extremsituation Pandemie und Floyds Tod

Für die vielen Morde im vergangenen Jahr gibt es mehrere Gründe. Zum einen hat die Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass sich die Lebensbedingungen vieler Amerikanerinnen und Amerikaner deutlich verschlechterten. Jobverlust, Geldnot, Erkrankungen und der mangelnde Ausgleich durch Freizeitmöglichkeiten führten besonders in strukturschwachen Gegenden zu extremen Belastungen.

Für Phillip Atiba Goff, Mitbegründer und C.E.O. des Center for Policing Equity, könnte die Zunahme an Tötungsdelikten auch mit der während der Pandemie gestiegenen häuslichen Gewalt zusammenhängen. "Die erste Erklärung, die mir dazu einfällt, ist, dass es daher kommt, dass die Menschen (während der Quarantäne) eingesperrt waren und es an Sozialleistungen mangelte", sagte er der "NY Times". Von all diesen Dingen sei zu erwarten, dass sie zu höheren Gewaltraten führen würden.

Als einen weiteren Faktor sieht eine Analyse des "Atlantic" die Ermordung von George Floyd im Juli 2020 und die nach sich ziehende Protestwelle. Obwohl die Mordfälle bereits vor den im Sommer aufblühenden "Black Lives Matter"-Demonstrationen zugenommen hatten, schossen die Zahlen danach in die Höhe. Bereits früher war die Mordrate nach großen Protesten gegen die Polizei enorm angestiegen.

Die fatalen Umstände, die zu Floyds Tod führten, erschütterten das Vertrauen vieler Menschen – besonders von Schwarzen – in die Polizei erschüttert. Viele Bürgerinnen und Bürger würden es sich demnach zweimal überlegen, ob sie die Notrufnummer 911 wählen, um ein Verbrechen oder etwas Verdächtiges zu melden, berichtet die "Denver Post". Im Umkehrschluss führte die massive öffentliche Kritik, dazu, dass sich viele Beamte in Situationen, wo sie früher proaktiv eingegriffen hätten, nun eher zurückziehen würden.

Mehr Waffen, weniger Polizei

Hinzukommt, dass im Jahr 2020 viele Polizistinnen und Polizisten in Rente gegangen sind. Eine Umfrage unter 200 Polizeidienststellen zeigt, dass die Zahl der Pensionierungen zwischen April 2020 und April 2021 stark gestiegen sind. Besonders größere Dienststellen waren davon betroffen. So ging laut dem FBI die Zahl der Beamten in New York innerhalb eines Jahres um mehr als 2.500 zurück. Die vielerorts gesunkene Polizeipräsenz konnte dadurch vermehrt von Kriminellen ausgenutzt werden.

Gleichzeitig wurden in den USA seit Beginn der Pandemie noch nie so viele Schusswaffen gekauft. Im März 2020 überschritten die Käufe erstmals die Millionengrenze innerhalb einer Woche, im März diesen Jahres lagen sie schon bei 1,2 Millionen pro sieben Tagen. "Wir haben einen Teufelskreis. Waffen auf der Straße führen zu mehr Schießereien und mehr Schießereien führen wiederum zu mehr Waffen auf der Straße", analysiert Jerry Ratcliffe, Strafjustizprofessor an der Temple University. Rund 77 Prozent der gemeldeten Tötungsdelikte im Jahr 2020 wurden mit einer Schusswaffe begangen, so viele wie noch nie. Vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei 67 Prozent.

Dennoch raten Experten wie Ratcliffe und Goff, die möglichen Gründe für den Anstieg der Mordrate mit Vorsicht zu genießen. Noch sei es zu früh. um aus der Mordstatistik konkrete Rückschlüsse zu ziehen. Einen Trend zu erkennen sei einfach, schwieriger sei es, die Hypothesen auch zu belegen.

Louisiana nach wie vor Platz eins

Was die Daten des FBIs jedoch deutlich zeigen, ist, dass Mordfälle überall zugenommen haben – egal ob auf dem Land oder in der Stadt. In Großstädten mit mehr als 250.000 Einwohnern stieg die Zahl der Morde um mehr als 35 Prozent. In mittelgroßen Städten (circa 100.000 Einwohner) nahm sie sogar um mehr als 40 Prozent zu und in Kleinstädten (unter 25.000) um rund 25 Prozent.

Weder Ost- noch Westküste wurden dabei verschont. In allen Regionen des Landes nahmen Mordfälle um mindestens 20 Prozent zu, im Mittleren Westen sogar um rund 30 Prozent. Auch die politische Führung eines Staates – ob demokratisch oder republikanisch – machte dabei keinen nennenswerten Unterschied. Ein regionaler Faktor blieb jedoch konstant: Seit 32 Jahren hat der südliche US-Bundesstaat Louisiana die höchste Mordrate in Folge.

Trotz des massiven Anstiegs der Tötungsdelikte zeigen die FBI-Daten, dass die Kriminalität im Jahr 2020 insgesamt um knapp fünf Prozent zurückgegangen ist. Denn obwohl Morde nach Definition des FBI die "höchsten gesellschaftlichen Kosten" verursachen, machen sie nur einen kleinen Teil der schweren Verbrechen aus. In dieser Hinsicht reihte sich das Ausnahmejahr 2020 also in den seit 18 Jahren andauernden Rückgang der Gesamtkriminalität ein. Auch hier spielte die Pandemie eine Rolle. So machen normalerweise Diebstähle rund sieben von zehn Eigentumsdelikten aus, und natürlich ist es schwerer Ladendiebstahl zu begehen, wenn die Geschäfte geschlossen sind.

Mehr Morde auch in 2021

Auch in diesem Jahr sieht es ganz danach aus, als ob die Morde weiter zunehmen werden – allerdings längst nicht so drastisch, wie in 2020. Eine Analyse aus 87 US-amerikanischen Großstädten zeigt, dass die Tötungsdelikte in der ersten Jahreshälfte von 2021 im Vergleich zum Vorjahr bereits um knapp zehn Prozent gestiegen sind. Während allerdings einige Städte wie Portland, Oregon und Las Vegas im Vergleich zu 2020 deutlich mehr Mordfälle melden, sind die Zahlen in Chicago und New York weitestgehend gleich geblieben. Und St. Louis, eine Stadt im US-Bundesstaat Missouri, die im letzten Jahr die höchste Mordrate des Landes aufwies, verzeichnet einen erheblichen Rückgang.

Dass Waffengewalt und Schießereien auch nach Corona in den USA an der Tagesordnung sind, zeigt der jüngste Vorfall aus Memphis. Am Donnerstag erschoss dort ein Mann in einem Supermarkt einen Menschen und verletzte mindestens 14 weitere schwer. Danach tötete er sich selbst.

Ein schrecklicher Tag für Memphis – und ein weiterer Fall für die Mordstatistik des FBI.

Quellen: "NY Times", "The Atlantic", "The Denver Post", "Chicago Tribune"


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