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Telford: Tausend Mädchen zur Prostitution gezwungen: Missbrauchsskandal erschüttert Großbritannien

Im englischen Telford sollen seit den achtziger Jahren rund tausend Mädchen vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen worden sein. Fünf Menschen kamen offenbar zu Tode. Ein Bericht des "Sunday Mirror" wühlt derzeit das ganze Land auf.

missbrauch in Telford: Junges Mädchen steht an einem Auto

Im englischen Telford sollen seit den achtziger Jahren rund tausend Mädchen vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen worden sein. 

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Auf einen schnellen Blick könnte man meinen, Telford sei eine unauffällige Stadt. Etwa 170.000 Einwohner, im Westen Englands gelegen, knapp 50 Kilometer nordwestlich von Birmingham, eine Planstadt, entstanden in den 1960er und 1970er Jahren. Doch nun rückt Telford in den Fokus eines ganzen Landes. Die Stadt war offenbar Schauplatz eines der größten Missbrauchsskandale Großbritanniens.

Seit den achtziger Jahren sollen dort rund tausend junge Mädchen missbraucht, gefoltert und zur Prostitution gezwungen worden sein. Das berichten Reporter der britischen Zeitung "Sunday Mirror", die den Fall 18 Monate lang recherchiert haben.

In der britischen Presse riefen die Verbrechen in Telford großes Entsetzen hervor. "Telford ist die Spitze des Eisbergs im Fall von Kindesmissbrauch", schrieb die "BBC". "Mädchen müssen davor bewahrt werden, durch diese Hölle zu gehen: Aufforderung zur öffentlichen Untersuchung des Telford-Sex-Skandals", titelte die "Daily Mail". Das Boulevard-Blatt "Sun" rief "Großbritanniens schlimmsten Fall aller Zeiten" aus.

Der Kern der Recherchen des "Sunday Mirror": Kriminelle Banden lockten junge Mädchen, teilweise nicht älter als elf Jahre alt, von ihren Familien weg, um sie unter Drogen zu setzen, zu schlagen und zu vergewaltigen. Drei Menschen wurden getötet, zwei weitere sind im Zusammenhang mit den Verbrechen gestorben.

Fälle in Telford erinnern an Verbrechen in Rotherham

 Großbritannien reagiert auch deswegen so geschockt, weil die Fälle stark an die Verbrechen in Rotherham erinnern. Dort wurden zwischen den Jahren 1997 und 2013 etwa 1400 Kinder und Jugendliche durch britisch-pakistanische Banden zwangsprostituiert und missbraucht. Die örtlichen Behörden in Telford sahen offenbar dennoch keinen Grund, den Hinweisen auf kriminelle Banden nachzugehen.

Dokumente, die dem Innenministerium zugestellt wurden, zeigen laut "Mirror", dass die Behörden schon in den 1990er Jahren von den Missbräuchen wussten, aber bis 2007 nichts unternahmen. Die zur Prostitution gezwungenen Mädchen wurden offenbar lediglich als Prostituierte aufgeführt. Der Vorwurf, der im "Mirror" mitschwingt: Vor allem aus Angst vor Rassismus-Vorwürfen sollen die Behörden nicht gehandelt haben. In Rotherham war es ähnlich – dort stammten die Täter aus Pakistan, in Telford soll es sich um eine asiatische Bande handeln.

Zwischen 2007 und 2012 gab es dann erste Ermittlungen. Dabei wurden rund 200 Tatverdächtige aus dem Zuhälter-Ring ausfindig gemacht. Lediglich neun davon wurden verurteilt. Weitere Ermittlungen ergaben aber offenbar nichts mehr.

Zwölf Opfer äußerten sich gegenüber dem "Mirror"

Der "Mirror" versuchte bereits im Jahr 2016, die Verbrechen in den Fokus der Öffentlichkeit zu stellen. Die Parlaments-Abgeordnete aus Telford, Lucy Allan, ordnete damals eine öffentliche Untersuchung an: "Es muss jetzt eine unabhängige Untersuchung des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Telford geben, damit unsere Gemeinschaft Vertrauen in unsere Behörden haben kann." Polizei und Funktionäre wimmelten die Untersuchung ab, die sei nicht nötig.

Die zuständigen Reporter des "Mirror" sprachen während der Recherchen mit zwölf Opfern. Die Frauen beschuldigten dabei mehr als 70 Täter und sagten, dass die gewalttätigen Handlungen noch bis vor wenigen Monaten stattgefunden hätten.

Eine 14-jährige Jugendliche erklärte gegenüber der Zeitung, dass die Täter ihr drohten, ihre Schwester zu holen und ihrer Mutter zu erzählen, sie sei eine Prostituierte. Außerdem habe einer der Anführer vorgehabt, ihr Haus niederzubrennen, sollte sie mit jemandem sprechen.

Der "Mirror" hat weitere verstörende Aussagen des Mädchens aufgelistet:

"Nacht für Nacht musste ich mit mehreren Männern in schmutzigen Häusern Sex haben."

"Mindestens zwei Mal pro Woche musste ich die Pille danach nehmen, die ich von einer örtlichen Klinik bekommen habe. Aber niemand hat irgendwelche Fragen gestellt."

"Ich bin zwei Mal schwanger geworden und hatte zwei Abtreibungen. Nur Stunden nach meiner zweiten Abtreibung wurde ich von mehreren Männern vergewaltigt."

Fünf Todesfälle im Zusammenhang mit den Verbrechen von Telford

Im Jahr 2000 starb eines der Opfer, als einer der Täter das Haus ihrer Familie angezündete. Im Haus waren auch die Schwester und die Mutter des Mädchens, beide kamen ebenfalls ums Leben. Der Mord sollte als Abschreckung für andere Mädchen dienen. 2002 starb ein weiteres Mädchen bei einem Autounfall. Laut den Recherchen des "Mirror" meldete sich die Mutter des Mädchens bei der Polizei und stellte eine Liste mit Verdächtigen zusammen. Die Polizisten weigerten sich aber offenbar, zu ermitteln. Sie sahen das Mädchen selbst als Kriminelle an. Sie legten den Autounfall offiziell als "Streich" zu den Akten. Das fünfte Todesopfer starb 2009 an einer Überdosis Drogen, nachdem es im Alter von nur 12 Jahren durch den Zuhälter-Ring mit Drogen in Kontakt kam.

Die Polizei in Telford steht nun mächtig unter Druck. Nachdem der Bericht des "Mirror" erschienen, kündigten die örtlichen Behörden an, die Recherchen "sehr ernst" zu nehmen.