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Emanzitiert: Sex nur bei ausdrücklicher Zustimmung? Ja, was denn sonst?

Künftig soll in Schweden jede sexuelle Handlung illegal sein, der nicht ausdrücklich zugestimmt wurde. Für den Reformvorschlag erfuhr das Parlament in Stockholm Spott aus ganz Europa. Wie entlarvend für unsere Meinungselite.

Seit Jahren protestieren Frauen unter dem Titel "Slut Walk" für ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, wie hier in München

Seit Jahren protestieren Frauen unter dem Titel "Slut Walk" für ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, wie hier in München. Schweden reformiert nun das Sexualstrafrecht.

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Was haben sie nicht gelacht, die Kolumnisten, Politiker, Stammtischkönige und Kommentatoren, als sie die Nachricht aus Schweden hörten. Sex künftig nur nach ausdrücklicher Zustimmung? Was für eine Schnapsidee! Schriftliche Verträge werde ein Mann künftig mit einer Frau abschließen müssen, bevor er "ran" dürfe, eigene Genehmigungen werde er sich zu jedem Handgriff einholen müssen. Das behaupteten Kommentatoren in ganz Europa ernsthaft, und durch die sozialen Netzwerke geisterte wieder mal das Schreckgespenst der "Feminazis", die nichts weniger als die Vernichtung des männlichen Geschlechts planten.

Das schwedische Parlament stimmt heute über das sogenannte Einwilligungsgesetz ab, das im Juli in Kraft treten soll. Es sieht vor, dass künftig jede sexuelle Handlung illegal ist, die nicht im aktiven gegenseitigen Einverständnis geschieht. Den Gesetzgebern geht es besonders darum, dass Schweigen oder passives Verhalten nicht länger als "stilles Einverständnis" ausgelegt werden kann.

Es soll nicht mehr darum gehen, ob oder wie im Fall von sexueller Gewalt das Opfer seinen Widerstand zum Ausdruck gebracht hat. Sollte in Schweden ein Mensch künftig wegen sexueller Straftaten angeklagt werden, wird man ihn nicht mehr wie bisher fragen: "Hat sie denn Nein gesagt?" Vielmehr wird die Frage lauten: "Hat sie denn ausdrücklich Ja gesagt?". Und das macht gerade und besonders im Fall von sexuellen Straftaten  einen großen Unterschied aus. Denn mit dem neuen Gesetz sollen auch die Straftatbestände "unachtsame Vergewaltigung" und "unachtsamer sexueller Übergriff" eingeführt werden.

Wer sagt, dass nur Männer Probleme bekommen?

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig sich Meinungsbildner mit einem Thema auseinandersetzen, bevor sie es kommentieren. Anliegen aus dem Bereich der Frauenrechte werden ja traditionell gern gleich in Bausch und Bogen lächerlich gemacht. Da wird in seliger Ahnungslosigkeit drauflosgeflunkert, dass sich die Balken biegen.

Zu keinem Zeitpunkt nämlich sah der Reformvorschlag für das schwedische Sexualstrafrecht schriftliche Verträge zwischen Sexualpartnern vor. Der Gesetzesentwurf beinhaltet lediglich eine Umkehr in der Herangehensweise an die Frage, ob zwischen beiden Beteiligten Konsens herrscht. Auch besteht ein Unterschied zwischen "illegal" und "eingesperrt werden". "Illegal" bedeutet nicht zwangsläufig eine Haftstrafe. Und wer sagt, dass dieses Gesetz nur Männern Probleme bereiten kann? Noch nie von der hohen Zahl von Sexualstraftaten in lesbischen Beziehungen gehört?

Glücklich jeder Mensch, der es nicht begreift, weil er es nicht erlebt hat

Das vielfache Unverständnis, der Spott dem schwedischen Parlament gegenüber zeigt auch, wie wenig sich Meinungsbildner mit den Schwierigkeiten beschäftigen, die Opfer sexueller Gewalt vor Gericht erwarten. Sie müssen erklären, warum sie sich nicht gewehrt haben. Warum sie nicht Nein gesagt haben. Warum sie sich mit dem Täter noch einmal getroffen haben. Viele mögen sich nicht vorstellen können, dass jemand so etwas einfach über sich ergehen lässt und nicht sofort die Kraft aufbringt, sich einzugestehen, was da geschehen ist.

Niemand ist gerne Opfer. Die Perfidität der sexuellen Gewalt liegt in der zerstörerischen Kraft, die sie entwickeln kann, im Schlachtfeld, als das sie Seelen zurücklässt. Glücklich jeder Mensch, der es nicht begreift, weil er es nicht erlebt hat. Aber dann möge man in der Frage eben Experten zu Wort kommen lassen oder schweigen.

Das "Ja" bedeutet den entscheidenden Unterschied 

Nein, weite Teile der Meinungselite haben sich in der Diskussion um das schwedische Einwilligungsgesetz gehörig blamiert. Aber weil es gegen die "depperten Emanzen" geht, drückt das geneigte Publikum gern ein Auge zu und verbreitet freudig und mitunter sogar wissentlich ausgewiesene Falschmeldungen weiter.

Dieser Gesetzesentwurf aus Schweden ist jedoch nichts weniger als ein längst fälliger Meilenstein im Sinne der sexuellen Gleichberechtigung, ähnlich der "Pille" oder der Erklärung der Vergewaltigung in der Ehe zur Straftat. Das schwedische Parlament zeichnet ein Bild von einer Welt, in der Sexualpartner aufeinander achten und sich vergewissern, dass der andere auch will, was man gerade macht. So, wie es bei sexuellen Begegnungen immer sein sollte. Die Beweislast im Falle einer Anzeige wird auch nach Verabschiedung des Einwilligungsgesetzes beim Kläger liegen. Natürlich. Es ist die Grundlage unseres Rechtssystems. Wer hier Panik zu erzeugen versucht, ist entweder ahnungslos oder ein Intrigant.

Das Abwarten des "Ja" wird viele Frauen und Männer, Jungen und Mädchen vor sexueller Gewalt bewahren. Denn wer gar nichts sagt, sagt nicht nur nicht Nein, sondern eben auch nicht Ja. Es bedeutet den entscheidenden Unterschied in der – bisher auch rechtlichen – Grauzone zwischen Missverständnis und Gewalt. Nein, am neuen schwedischen Sexualstrafrecht ist nichts Lächerliches. Es ist nichts weniger als eine längst fällige Revolution im Sinne einer freien, gleichberechtigten Sexualität. Möge jenen, die das nicht erfassen können, ob dieser gedanklichen Überlastung das Hirn implodieren.


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