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"Team Wallraff"-Undercover Missstände in der Pflege: "Das sind Menschenrechtsverletzungen, die da stattgefunden haben"

Die "Seniorenresidenz Schliersee" in Oberbayern
Die "Seniorenresidenz Schliersee" in Oberbayern
© Peter Kneffel / DPA
Andrea Würtz hat den Pflegeskandal Schliersee mit aufgedeckt, heute Abend ist sie bei "Team Wallraff" zu sehen – wo in weiteren Heimen schockierende Zustände enthüllt werden. Ein Interview über den Preis des Whistleblowings und die Verantwortung der Pflegekräfte.

Vor bald zwei Jahren betrat Andrea Würtz zum ersten Mal die Seniorenresidenz Schliersee in Oberbayern. Corona war ausgebrochen, Würtz arbeitete für das zuständige Gesundheitsamt des Landkreises Miesbach. Bald aber ging es um mehr als den Infektionsschutz: Würtz sah unterernährte Bewohner, unversorgte Wunden, unfassbare Zustände. Würtz, selbst viele Jahre in der Pflege tätig, drängte auf eine Schließung des Heimes – vergeblich. Sie wandte sich daraufhin an die Öffentlichkeit, das Heim wurde Ende vergangenen Jahres schließlich geschlossen. In München laufen derzeit Ermittlungen gegen mehrere Beschuldigte, darunter die ehemalige Heimleiterin. Der Verdacht: Körperverletzung in 88 Fällen. Zudem werden 17 Todesfälle überprüft. Wir haben mit Andrea Würtz darüber gesprochen, was sie nach ihren Enthüllungen erlebt hat, was sie sich von der Gesellschaft wünschen würde – und von anderen Pflegekräften.

Frau Würtz, Sie haben Bayern verlassen, wir führen dieses Interview in Ihrem neuen Zuhause in der Pfalz. Was ist passiert?

Einerseits hat das familiäre Gründe: Meine Schwiegermutter kann hier in der Pfalz nicht mehr gut alleine leben, benötigt unsere Hilfe, und nach meinen Erfahrungen in Schliersee und auch anderen Einrichtungen wollten wir sie nicht ins Heim geben. Andererseits ist es schon so, dass das Whistleblowing nicht ohne Folgen geblieben ist.

Was für Folgen?

Ach, manchmal, wenn ich in Oberbayern mit dem Hund spazieren gegangen bin, haben die Leute sich nach mir umgedreht: Na, Sie trauen sich aber was! Ich habe mich nicht bedroht gefühlt, aber es war auch durch weitere Sticheleien hier und da klar, dass ich beruflich in dieser Umgebung nicht mehr Fuß fassen werde.

Haben Sie es noch einmal versucht?

Ja, aber ich wurde noch während der Probezeit gekündigt. Die erste Kündigung meines Lebens. Es gab da einen Zwischenfall, den ich gerne aufgeklärt haben wollte. Mir wurde gesagt, dass die Belegschaft Sorge habe, meinen Ansprüchen nicht gerecht zu werden; die wussten natürlich, dass ich die aus Schliersee war.

Sie waren zuvor im Gesundheitsamt des Landkreises Miesbach tätig. Wie kam es dazu, dass Sie den Job verloren haben?

Ich habe im Sommer 2020 gekündigt, nachdem das Heim in Schliersee nicht geschlossen wurde. Schon damals ermittelte die Kriminalpolizei, und ich war eine der zentralen Zeuginnen. Das Landratsamt und ich sind nicht im Streit auseinandergegangen, es gab kein böses Blut. Aber es konnte da kein Weiterarbeiten mehr geben, ich habe freiwillig gekündigt ­– wenn es irgendwann zum Prozess kommt, muss ich ja vor Gericht in der Lage sein, eine unbefangene Aussage zu machen.

Wovon leben Sie jetzt?

Mein Mann hat eine eigene Firma, da arbeite ich mit. Dafür bin ich sehr dankbar. Wer weiß, wie es wäre, wenn ich diese Möglichkeit nicht hätte.

Sie sind examinierte Kinderkrankenschwester, haben als Stationsleitung gearbeitet, später als Pflegedienstleitung, Sie sind erstklassig qualifiziert – und in der Pflege herrscht Personalmangel. Sie würden doch sofort eine neue Stelle finden.

Ich weiß es nicht. Ich liebe meinen Beruf, liebe die Arbeit mit den Menschen, am Patienten, und ich würde gerne in diesem Beruf weiterarbeiten, aber nicht unter den derzeitigen Bedingungen. Ich nehme meine ethische Verantwortung und damit auch einen gewissen Ehrenkodex ernst, ich möchte pflegen ­– und keine Schadensbegrenzung oder eine Art "Triage light" betreiben. Nach meinen Erfahrungen der letzten Jahre ist das aber derzeit kaum möglich.

Sehen Sie sich als Opfer?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe eine Entscheidung getroffen und mich bewusst an die Öffentlichkeit gewandt. Nachdem ich alle Dienstwege ausgeschöpft hatte, hätte ich natürlich auch den Prozess abwarten können. Aber wenn Menschen so viel Leid zugefügt wurde wie in Schliersee, dann wäre es falsch gewesen, zu schweigen und das weiterhin in Kauf zu nehmen. Die wahren Opfer sind die Menschen in Schliersee, die nach einem kurzen Aufschrei jetzt schon wieder fast in Vergessenheit geraten sind. Für die lohnt es sich weiterzumachen.

Sie bereuen nichts?

Nein! Ich stehe zu jedem einzelnen Wort, das ich gesagt habe. Und ich glaube, dass Schliersee sinnbildlich dafür steht, etwas verändern zu müssen im deutschen Pflegesystem.

Andrea Würtz mit ihrem Hund in der Natur
Andrea Würtz hat den Pflegeskandal in der "Seniorenresidenz Schliersee" mit aufgedeckt. Würtz arbeitete damals für das zuständige Gesundheitsamt.
© privat

Wie erinnern Sie Ihre ersten Besuche in der Seniorenresidenz Schliersee?

Noch nie in meinem Leben habe ich so viele schlecht versorgte Menschen gesehen. Es war dreckig, viele waren unterernährt. Manche lagen mit Straßenklamotten im Bett. Unversorgte Wunden, unfassbares Leid. Die Bewohner waren völlig resigniert.

Welche Schicksale sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

Menschen, die um Hilfe schreien. Menschen, die einen aus leeren Augen angucken und sagen: Ach, da kommt eh keiner. Da war eine Frau mit Halbseitenlähmung: Um sie herum lagen vier leere, staubtrockene Trinkbecher auf dem Boden, sie selbst war von oben bis unten mit Brei vollgekleckert. Offenbar hatte ihr niemand beim Essen und Trinken geholfen, also hatte sie es selbst versucht. Die Leute waren ungewaschen, es hat gestunken, in manchen Zimmern war der Boden verschmiert mit Erbrochenem und Exkrementen. Die elementarsten Grundbedürfnisse wurden ignoriert, und deshalb sage ich das ganz bewusst: Das sind Menschenrechtsverletzungen, die da stattgefunden haben.

Die Undercover-Reporter von "Team Wallraff" haben auch in anderen Heimen haarsträubende Zustände aufgedeckt. In der aktuellen Sendung, die RTL am heutigen Donnerstag um 20.15 Uhr ausstrahlt, kommentieren Sie einige Szenen.

Einige Male musste ich den Dreh unterbrechen. Ich habe mit den Tränen gekämpft.

In einer Szene sagt der Leiter eines Augsburger Heimes vor versteckter Kamera: Gerade erst seien fünf Leute gestorben – das mache 10.000 Euro, die jetzt monatlich fehlen. Ist so ein Denken üblich?

Diese profitorientierte Ausrichtung ist nicht neu, aber in dieser Härte macht es mich nach wie vor wütend und sprachlos. Die Privatisierung der Altenpflege hat deutlich zugenommen, wir brauchen mehr unangekündigte Kontrollen und eine schnellere Handlungsmöglichkeit.

Am 10.2 um 20.15 Uhr zeigt RTL die neue Recherche von "Team Wallraff"

In einer neuen Undercover-Recherche deckt das "Team Wallraff" gravierende Missstände in Pflegeheimen auf. Die RTL-Reporter:innen berichten von vernachlässigten Bewohner:innen, fragwürdigen Hygienebedingungen und überlastetem Personal. RTL zeigt die neue Ausgabe von "Team Wallraff – Reporter Undercover" am Donnerstag ab 20.15 Uhr unter dem Titel "Abgeschoben und vergessen: Das würdelose Geschäft mit alten Menschen in unseren Pflegeheimen".

In dem Heim in Augsburg stand während der Recherche ein Besuch der Heimaufsicht an – aber man wusste vorher Bescheid und konnte sich vorbereiten. Ist das der Normalfall?

Das kann ich nicht sagen, aber nach meiner Erfahrung kommt das sehr häufig vor, in anderen Bereichen der Pflege ist es sogar Standard: Die Überprüfungen von ambulanten Pflegediensten durch den MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) etwa werden immer angekündigt, da gibt es immer Vorlauf. Es gibt auch Bücher, die auf so eine Prüfung vorbereiten, oder selbstständige Pflegekräfte, die es zum Geschäftsmodell gemacht haben, Heime und Pflegedienste fit für den MDK zu machen.

Also sind Besuche und Kontrollen wirkungslos?

In manchen Fällen sicherlich. Es wird dann der Dienstplan kontrolliert, der ist schön, der Stellenschlüssel ist korrekt – aber wie wird der Plan denn mit Leben gefüllt? Da muss man dann auch mal länger im Heim verweilen, mal unangekündigt kommen. In Schliersee waren Hausmeister als Pflegekräfte eingeteilt, eine verstorbene Mitarbeiterin stand noch im Dienstplan. Auch da sind aber die Pflegekräfte gefragt: Wenn die ehrlich sagen würden, nein, es ist so nicht zu schaffen, wir fälschen oder frisieren hier, damit es für den Moment der Kontrolle passt – dann würde das der Gesellschaft guttun. Damit wir alle gemeinsam überlegen können, was wir denn nun zu tun gedenken.

Sie sehen die Pflegekräfte mit in der Verantwortung?

Die Politik löst das Problem der Pflege offenbar nicht, also muss die Pflege es ein Stück weit selbst lösen, indem sie sich bekennt und sagt: Wir haben alle wirklich eine gute Ausbildung, wir wissen viel, aber wir können das nicht anwenden. Es gibt sicher tolle Ausnahmen, aber größtenteils ist es so: Die Pflegekräfte haben keine Zeit für die Patienten, und wenn sie das einmal zugeben würden, wären wir schon ein ganzes Stück weiter.

Bei "Team Wallraff" ist eine Szene zu sehen, in der eine Frau verlassen im Flur steht, sich an ihren Rollator klammert, aber ganz dringend auf die Toilette muss, schließlich hinfällt ...

… und wo die Pflegekraft sie dann wie ein Stück Vieh über den Boden schleift? Ganz schlimm, da musste ich unterbrechen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie so etwas sehen?

Mein erster Gedanke gilt der Bewohnerin, die da gestürzt ist. Was für eine Scham muss diese Frau empfinden? Sie macht dann ja auch noch in die Hose. Wie verzweifelt muss sie sein? Ich empfinde unglaubliches Mitleid mit dieser Frau, die hat eine Lebensgeschichte, die hat das nicht verdient. Der zweite Gedanke war: die arme Reporterin, die das miterleben muss. Erst der dritte Gedanke galt meiner Kollegin. Wie lange muss diese Frau schon unter Dauerstrom stehen, dass sie sich so indiskutabel verhält, was treibt sie dazu? Irgendwann, auf dieser langen Wegstrecke der Überforderung und Frustration, ist die Empathie verloren gegangen. Das ist ganz furchtbar. Die eigentliche Leidtragende aber ist die Bewohnerin.

Noch eine Szene: In einem Heim im Harz muss der Reporter, als Praktikant getarnt, auf einer Demenz-Station mit 15 Bewohnern arbeiten – allein. Dann muss auch noch ein Katheter gewechselt werden.

Auch so was kommt leider viel zu häufig vor.(Hier wurde er von der Fachkraft dann auch gewechselt). Manchmal zeichnen Fachkräfte auch Dinge ab, die sie gar nicht gemacht haben. Es gibt Heime, da machen Fachkräfte morgens nichts anderes, als eine halbe Stunde lang Häkchen hinter Pflegetätigkeiten zu setzen, die sie gar nicht persönlich durchgeführt haben. Dokumentationsdienst heißt das dann.

Die bayerische Landesregierung hat einen Untersuchungsbericht zu Schliersee anfertigen lassen, demnach gab es allein in Bayern und allein im Jahr 2019 in 173 Heimen erhebliche Mängel.

Das hat mich nicht überrascht. Es muss jetzt etwas ins Rollen kommen – und dabei geht es mir nicht in erster Linie um die Situation der Pflegekräfte. Über deren Belastungen wird viel gesprochen. Es geht um die alten Menschen, die leiden.

Seit Jahrzehnten wird vom Pflegenotstand geredet, nach jedem Pflegeskandal rauschen Wellen von Empörung durchs Land – und immer wieder versanden sie. Warum, glauben Sie, ändert sich nichts?

Ich staune auch darüber. Wir haben einen demografischen Wandel, es wird immer mehr alte Menschen in unserer Gesellschaft geben, das ist ein drängendes Problem. Wir brauchen eine breite Diskussion, und die kann nicht immer nur lauten: "Gebt den Pflegekräften mehr Geld!" oder "Wer soll das alles bezahlen?" Den Schaden tragen die Pflegebedürftigen, und über die höre ich in der aktuellen Diskussion zu wenig. Es fehlt in dieser Gesellschaft das Interesse für die Menschen, die dieses Land mit aufgebaut haben und für die Frage, was diese Menschen unserer Gesellschaft wert sind. Es gibt Mahnwachen nach Tierschutzverletzungen. Wo waren die Mahnwachen nach Schliersee?

Nachdem die Seniorenresidenz Schliersee nicht geschlossen wurde, haben Sie sich zunächst anonym an den Bayerischen Rundfunk gewandt, später haben Sie Ihre Identität offenbart. Warum wollten Sie mit Namen und Gesicht in die Öffentlichkeit treten?

Weil ich andere Pflegekräfte motivieren will, das Gleiche zu tun. Ich will eine echte und dauerhafte Veränderung erreichen, sozusagen ein Domino-Stein sein, der einen Anstoß gibt. Unter jedem Youtube-Video zu dem Thema gibt es anonyme Kommentare von Pflegekräften, die Ähnliches berichten. Wenn die sich in die Öffentlichkeit wagen würden, dann würde der Gesellschaft klar werden, dass Schliersee kein Einzelfall ist. Ich möchte vereinen, nicht spalten. Wir Pflegekräfte müssen uns solidarisieren, wir müssen alle miteinander sagen: Das können wir nicht mehr verantworten.


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