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"BBC"-Recherche TikTok soll von Livestreams geflüchteter Familien vor allem selbst finanziell profitiert haben

Eine Hand hält ein Smartphone in der Hand, auf dem Bildschirm ist das Logo von TikTok
TikTok soll eine hohe Provision für die Livestreams einbehalten haben, wie eine Recherche der "BBC" ergeben hat
© Jonathan Raa / Picture Alliance
In stundenlangen TikTok-Livestreams bitten geflüchtete Familien User:innen um Geld. Laut einer BBC-Recherche sollen die digitalen Geldgeschenke aber kaum bei den Familien ankommen, sondern durch eine hohe Provision vor allem bei TikTok selbst landen.

Auf TikTok landen immer wieder Livestreams syrischer geflüchteter Familien – direkt aus Zelten in Flüchtlingscamps. In den Videos bitten sie, oft gemeinsam mit ihren Kindern, teils stundenlang am Stück gebetsmühlenartig um Geldgeschenke. Die können ihnen User:innen, die den Stream schauen, auch machen. Sie tauschen dafür echtes Geld gegen virtuelle Münzen, die sie dann im Livestream etwa in Form einer virtuellen Rose oder eines Löwen verschicken. Am Ende können die Empfänger diese virtuellen Geschenke wieder gegen echtes Geld tauschen. Je nachdem, wie viele Menschen am Stream teilnehmen, können dabei in kurzer Zeit hohe Summen zusammenkommen. Einer Recherche der "BBC" zufolge soll der Großteil der Geldgeschenke die Familien jedoch gar nicht erreichen, sondern vor allem bei TikTok landen – durch hohe Provisionen von bis zu 70 Prozent. 

Dafür hat die "BBC" über fünf Monate hinweg 30 TikTok Accounts beobachtet, auf denen syrische Familien live aus Flüchtlingscamps streamten. Teilweise hätten diese damit innerhalb von einer Stunde Geldgeschenke im Wert von 1000 US-Dollar generiert. Die betroffenen Familien vor Ort gaben aber an, nur einen Bruchteil des Geldes erhalten zu haben.

TikTok bestreitet Höhe des Gewinnanteils

TikTok bestritt der "BBC" und dem stern gegenüber auf Nachfrage, eine Provision von 70 Prozent für die Livestreams zu kassieren, wollte aber zu der genauen Höhe keine Angaben machen. In einem Selbstversuch, in dem die "BBC" dem eigenen Reporter in Syrien über seinen TikTok-Livestream Geldgeschenke von einem anderen Account zukommen ließ, stellte der Sender aber fest, dass am Ende genau 69 Prozent weniger als der geschickte Wert übrig blieb.

Um einen Livestream auf TikTok starten zu können, braucht man 1.000 Follower:innen. Den Zugang zu so einem Account sollen die Geflüchteten über Agenturen in China und dem Nahen Osten bekommen haben, die mit Vermittlern in den Flüchtlingscamps in Kontakt stehen. Diese Agenturen arbeiten mit TikTok zusammen und werden von dem Unternehmen in Provisionen bezahlt, je nach Dauer der Livestreams und dem Geldwert, der durch sie generiert wurde. Auch der "BBC"-Reporter kontaktierte eine dieser Agenturen für sein Selbstexperiment direkt, und bekam von ihr einen Account freigeschaltet, von dem er den Livestream starten konnte.

Von den Vermittlern in den Flüchtlingscamps werden die Familien mit Handys und SIM-Karten ausgestattet. Am liebsten verwenden die Vermittler laut eigener Aussage dazu britische SIM-Karten, da Menschen in Großbritannien am großzügigsten spenden würden. Teilweise helfen die Vermittler den Familien auch bei den Livestreams – einer von ihnen, mit denen die "BBC" gesprochen hat, tut dies mit zwölf verschiedenen Familien für mehrere Stunden täglich.

TikTok beendet Zusammenarbeit mit Agentur und entfernt Konten

Gegenüber dem stern teilte eine TikTok-Sprecherin mit, das Unternehmen sei "zutiefst besorgt" über die Informationen aus der "BBC"-Recherche. "Wir haben umgehend und rigoros Maßnahmen ergriffen, um die Konten, die gegen unsere Community-Richtlinien verstoßen haben, zu entfernen, unsere Beziehung mit der fraglichen Agentur zu beenden und alle unsere LIVE Agenturen anzuschreiben, um sie an ihre vertragliche Vereinbarung zu erinnern, sich an unsere strengen Richtlinien zu halten."

Offiziell sind auf TikTok direkte Aufrufe zu digitalen Geldgeschenken verboten, genauso wie die Ausbeutung Minderjähriger. In seinem Statement teilt die TikTok-Sprecherin dem stern dazu weiter mit: "Diese Art von Inhalten ist auf unserer Plattform nicht erlaubt, und wir werden unsere globalen Richtlinien gegen ausbeuterisches Betteln weiter ausbauen." Die betreffenden Accounts hatte TikTok jedoch erst als Reaktion auf die "BBC"-Recherche gesperrt – als diese die Beiträge in der App meldete, sei zunächst nichts geschehen, da kein Verstoß gegen die Richtlinien festgestellt werden konnte. 

Quellen: BBC, Statement TikTok

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