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Trauerfeier für Jannik Inselkammer: Ein guter Bayer

Eine Lawine verschüttete Jannik Inselkammer im Skiurlaub in Kanada. Nun nahm München Abschied vom beliebten Chef der Augustiner-Brauerei. Er verkörperte all' das, was Bayern eben auch sein kann.

Von Felix Hutt, München

München hat mit einer Trauerfeier vom verunglückten Chef der Augustiner-Brauerei, Jannik Inselkammer, Abschied genommen

München hat mit einer Trauerfeier vom verunglückten Chef der Augustiner-Brauerei, Jannik Inselkammer, Abschied genommen

Dieser Tag ist viel zu schön, um zu gehen. Die Sonne grüßt, als wäre schon Mai, gleich um die Ecke von der St. Michael-Kirche, vor der die Trauernden und die Kutschen der Brauerei stehen, wärmt sie die, die ihr erstes Bier trinken. Hier beim Dom in der Innenstadt befinden sich drei der umsatzstärksten Augustiner-Wirtschaften, der Biermarke, die die Münchener mehr verehren als ihren Fußballverein.

Noch am Dienstag vor seiner Abreise nach Kanada besuchte Jannik Inselkammer eines der Lokale, das "Bratwurst Glöckl". Als geschäftsführender Gesellschafter der Brauerei, an der seine Familie 35 Prozent Anteile hält, hätte ihm zu jeder Zeit ein Platz am Stammtisch zugestanden, aber der bayerische Machismo, die Wichtigtuerei, war seine Sache nicht. Er ragte nicht nur wegen seiner 1,97 Meter Körpergröße heraus, sondern auch, weil er auftrat wie ein bescheidener Mann in Tracht. Wie ein Gentleman, dem das Gschertsein, das Hinterfotzige, das mancher als bajuwarischen Charme auslegt, fremd war. Er setzte sich in die Nische rechts neben dem Eingang, bestellte eine Schaumige (frisch eingeschenktes Bier vom Fass) und Rinderlende, wie jeder andere auch. Mit dem Wirt redete er kurz über die Bierpreise, die dieses Jahr nicht steigen sollten, und erzählte, wie sehr er sich auf seinen Urlaub freute. Einmal im Jahr nahm Inselkammer eine Auszeit und reiste in die Skiferien. Die Berge waren der Ort, an dem er Kraft tanken konnte.

Es sollte sein letzter Heliskiing-Trip werden

Letzten Montag warteten Inselkammer und seine Freunde dann auf 1400 Meter Höhe in den Selkirk Mountains bei Revelstoke im Bundesstaat British Columbia auf den Helikopter, der sie zur nächsten Abfahrt fliegen sollte. Dreimal waren sie an diesem Vormittag schon abgefahren, als sie wie aus dem Nichts eine Lawine verschüttete. In British Columbia sind in kurzer Zeit 14 Menschen bei Bergunfällen umgekommen, aber Experten hatten die Region für diesen Tag als ungefährlich eingestuft. Die Freunde konnten Inselkammers Körper, der unter Schnee und Geröll begraben lag, bergen, ins Leben zurückholen konnten sie ihn nicht. Er war gerade einmal 45 Jahre alt, hinterlässt seine Frau Simone und seine dreijährige Tochter Antonia. Dies sollte sein letzter Heliskiing-Trip sein, hatte Inselkammer vor der Reise einem Freund gesagt.

Nach seinem Tod erschien er auf einmal dort, wo er nie hinwollte: auf den Titelseiten der Zeitungen. Obwohl die Familie Inselkammer in München und Umgebung ein Brauerei- und Immobilienimperium besitzt, lebt sie sehr diskret. Man sieht sie nicht auf den Festen der Schickeria, mit seiner Familie wohnte Jannik Inselkammer in einem Haus im gediegenen Nymphenburg, wo er schon zur Schule ging. Sein Vater Hans Inselkammer hatte das Familien-Unternehmen aufgebaut, sein einziger Sohn hat es übernommen und ausgebaut. Jannik Inselkammer kümmerte sich sowohl um die Geschäfte der Brauerei, als auch um die mit den Immobilien. Pendelte zwischen seinem Büro im Augustiner-Stammsitz im Westend und dem der Immobilienfirma in der Münchner Innenstadt. Er war ein Workaholic, der erst spät heiratete und Vater wurde, weil Familie davor in seinem Leben keinen Platz hatte. "Sowohl die Familie, als auch das Unternehmen waren auf ihn ausgerichtet", sagt Wolfgang Pförringer, ein enger Freund der Inselkammers, "er hinterlässt eine Lücke, die man nicht füllen kann." Von der Augustiner-Brauerei gibt es noch keine Information, wie es weitergehen soll.

Draußen trinken sie weiter

An diesem Samstag ist die St. Michael-Kirche so voll, dass viele Gäste stehen müssen, einige gar nicht mehr hinein dürfen. Es sind nicht nur die gekommen, die in München immer kommen, wenn Fotografen in der Nähe sind, sondern auch die Arbeiter der Brauerei. Die Mälzer und die Bierfahrer, die Blumen dabei haben und weinen, einfach nur weinen. Bierbrauen ist trotz allem Kult-Gedöns ein Handwerk, und ihr Chef, der verstand etwas davon, Inselkammer promovierte mit einer Arbeit über das Brauereiwesen. Die Trachtler ziehen mit ihrem Wimpel ein, die Schützen und die Brauer. Dann ertönt Bach, der Chor "Collegium Monacense" singt sein "Ich hatte viel Bekümmernis", Inselkammer schaut von einem Bild auf alle die, die seinetwegen gekommen sind und nicht fassen können, dass er gegangen ist. Der Domdekan Lorenz Wolf, ein alter Freund der Familie, hält die Trauerrede, von dem, über den eben noch im Futur gesprochen wurde, bleibt nur das Präteritum. Er war, er war, er war. Draußen trinken sie weiter, manchmal kann man einfach nichts anderes tun.