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Tugce-Prozess: Verteidigung hält Richter für befangen

Im Prozess um die getötete Studentin Tugce hat der Anwalt des Angeklagten Sanel M. einen Befangenheitsantrag gegen einen der Richter gestellt. Auch die Glaubwürdigkeit eines Zeugen steht in Frage.

Der Angeklagte Sanel M. berät sich mit seinem Anwalt Stephan Kuhn. Dieser hält einen der Richter im Tugce-Prozess für befangen und hat einen entsprechenden Antrag gestellt.

Der Angeklagte Sanel M. berät sich mit seinem Anwalt Stephan Kuhn. Dieser hält einen der Richter im Tugce-Prozess für befangen und hat einen entsprechenden Antrag gestellt.

Der siebte Tag im Prozess um den Tod der Studentin Tugce begann mit einem Paukenschlag: Die Verteidigung des Angeklagten Sanel M. hat einen Befangenheitsantrag gegen den zuständigen Richter am Landgericht Darmstadt gestellt. Dabei soll es sich um Richter Jens Aßling handeln. Dieser habe die Ereignisse, die auf dem Überwachungsvideo vom Parkplatz in Offenbach zu sehen sind, in einem Schreiben verzerrt dargestellt, begründete Anwalt Stephan Kuhn seinen Antrag.

In seinen Ausführungen habe Aßling das Tatgeschehen so dargestellt, als wäre der Angeklagte Sanel M. unmittelbar vor dem tödlichen Schlag auf Tugce zugegangen und zurückgehalten worden. Das Video zeige tatsächlich jedoch, dass die 22-Jährige auf Sanel M. zugegangen sei, sagte Kuhn.

Im Gerichtssaal habe der unerwartete Antrag für Unruhe gesorgt, die Verhandlung sei für eine Stunde unterbrochen worden, berichtet die "Bild"-Zeitung. Oberstaatsanwalt Alexander Homm habe anschließend Zweifel an dem Antrag geäußert. Ob diesem stattgegeben wird, soll jedoch eine andere Kammer des Landgerichts am Wochenende entscheiden.

Zweifel an Zeugenaussage des Türstehers

Wenn dem Befangenheitsantrag der Verteidigung stattgegeben wird, müsste das Verfahren komplett neu aufgerollt werden – mit anderen Richtern.

Gleich zu Beginn der Verhandlung hatte Macit Karaahmetoglu, der Nebenklageanwalt der Familie von Albayrak, bereits für Aufregung gesorgt. Wie die "Fuldaer Zeitung" berichtet, legte er dem Gericht einen Facebook-Ausdruck vor, der beweisen sollte, dass einer der Hauptzeugen unglaubwürdig sei: Der Türsteher, der den Streit zwischen Albayrak und Sanel M. beobachtet und am Mittwoch vor Gericht ausgesagt hatte, stehe demzufolge mit dem Freundeskreis von Sanel M. in Kontakt. Er soll mit Freunden des Angeklagten in dem sozialen Netzwerk befreundet sein und einen Beitrag 'geliked' haben, indem diese für die Freilassung von Sanel M. werben.

Der 29-jährige Türsteher hatte Sanel M. in seiner Aussage vor Gericht als nicht aggressiv beschrieben und damit den Schilderungen der Freundinnen von Tugce in zentralen Punkten widersprochen.

Polizisten: "Sanel M. war ruhig und träge"

Das Gericht hatte am siebten von zehn geplanten Verhandlungstagen insgesamt 18 Beamte geladen, aber nicht alle konnten erscheinen. Unter ihnen sind Polizisten, die am Tatort waren: Ein 33 Jahre alter Polizist schilderte die Festnahme. Sanel M. sei "ruhig und sogar ein bisschen träge" gewesen. "Wenn man halt seinen Alkohol abbaut", sagte der Polizist. Eine Überprüfung habe rund 0,9 Promille ergeben. Der 18-Jährige habe "in keinster Weise aggressiv reagiert". Ein 27 Jahre alter Beamte sagte, ihm habe ein Kollege mitgeteilt, Sanel M. sei dann später bei seiner Einlieferung in eine Zelle "ziemlich aggressiv gewesen".

Zu den Zeugen gehörte auch eine Polizistin, die als eine der ersten Beamten am Tatort eintraf und sich um Tugce kümmerte, während ihr Kollege Anwesende befragte. "Ich habe Tugces Kopf ruhig und stabil zu halten versucht, so wie nach einem Motorradunfall", sagte die 26-Jährige. Das Ende des Prozesses wird für Mitte Juni erwartet.

Sanel M. steht wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht. Dem 18-Jährigen wird vorgeworfen, der 22-jährigen Tugce im November 2014 auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants in Offenbach so heftig ins Gesicht geschlagen zu haben, dass sie stürzte, mit dem Kopf hart aufschlug und später starb.

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