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Verdienstkreuz für Knobloch "In der Mitte der Gesellschaft anerkannt"

Charlotte Knobloch, scheidende Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland wurde mit dem Großen Verdienstkreuz ausgezeichnet. Bundespräsident Christian Wulff überreichte ihr den Orden im Schloss Bellevue in Berlin.

Bundespräsident Christian Wulff hat die scheidende Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern geehrt. Die besonders hohe Auszeichnung sei Ausdruck des Dankes an Charlotte Knobloch persönlich sowie für ihr Lebenswerk, erklärte der Bundespräsident am Dienstag in Berlin anlässlich der Verleihung des Ordens. Deutschland könne stolz sein auf diese Frau.

An dem Empfang für Knobloch im Schloss Bellevue nahm auch Wulffs Vorgänger Horst Köhler mit Frau Eva Luise teil. Köhler war Ende Mai überraschend vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten. Seit der gemeinsamen Einweihung der Münchner Synagoge 2006, deren Verwirklichung Knobloch sehr am Herzen lag, besteht eine vertrauensvolle Beziehung zwischen ihr und Köhler. Knobloch hatte Köhler in ihrer Ansprache erwähnt und ihn dann gebeten, mal wieder nach München zu kommen.

Die 78-Jährige bezeichnete sich in ihrer Ansprache als Mensch, der "vor sieben Jahrzehnten in Deutschland alles verlor: seine Familie, seine Identität, seine Heimat und das Vertrauen in die Menschen". Es sei ein "unglaubliches Wunder, wie dieses Land sich innerhalb der Biografie nur eines einzigen Lebens gewandelt hat. Aus einem Reich des Grauens für uns Juden wie für alle Menschen in diesem Land wurde ein Hort des Friedens."

Die Nazi-Zeit überlebte Knobloch bei einer katholischen Familie in Franken. Seit den 80er Jahren engagiert sie sich in führenden Positionen in jüdischen Einrichtungen und Organisationen. Mitte 2006 wurde sie als Nachfolgerin von Paul Spiegel zur Präsidentin des Zentralrates gewählt. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Integration von Zuwanderern aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Knobloch zog im "Mannheimer Morgen" (Mittwoch) eine positive Bilanz ihrer vierjährigen Amtszeit: "Bei der Integration der Zuwanderer in den jüdischen Gemeinden haben Zentralrat und Gemeinden sehr viel erreicht, auch wenn der Prozess noch nicht abgeschlossen ist." Sie könne für sich in Anspruch nehmen, ein Miteinander geschaffen zu haben. Jüdisches Leben sei in Deutschland mehr als willkommen. "Wir sind in der Mitte der Gesellschaft anerkannt, was jahrzehntelang nicht der Fall war."

Bei der Neuwahl des Zentralrats-Präsidenten in einigen Tagen wird Knobloch nicht mehr kandidieren. Damit steht ein Generationswechsel an. Erstmals könnte jemand gewählt werden, der den Massenmord an den europäischen Juden durch die Nazis nicht selbst erlebt hat. Knobloch misst dem keine große Bedeutung bei: "Die nächste Generation ist mit der Geschichte des Holocaust aufgewachsen, auch wenn wir zunächst jahrzehntelang nicht darüber geredet haben." Sie habe jedoch immer größten Wert darauf gelegt, dass sich das Judentum in Deutschland nicht über den Holocaust definieren dürfe: "Wir sind eine Religionsgemeinschaft."

DPA DPA

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