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Verkehrsregelung: Wir können auch anders

Hierzulande gibt es 648 Verkehrsschilder, die sich zu 1800 Kombinationen zusammenstellen lassen. Kein Mensch findet sich in diesem Blechwald zurecht. Daher hat ihn ein Verkehrsplaner gleich ganz abgeschafft - mit frappierenden Resultaten.

Von Thomas Krause

Jeder kennt die Situation: Man fährt auf der Autobahn, Leitplanken, Schilder und Brummis huschen links und rechts vorbei. Und irgendwann, nachdem im Radio gerade die Nachrichten gelaufen sind, fragt man sich bangen Gewissens: Ähem, stand da nicht vor kurzem ein Schild mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung? Und galt die eventuell nur bei Glätte? Oder war ein Überholverbot angezeigt?

Nach einer Emnid-Umfrage der Zeitschrift "Zeitwissen" glauben zwei Drittel der deutschen Autofahrer, dass die vielen Blech-Eumel am Straßenrand den Verkehr eher behindern als fördern. 34 Prozent fühlen sich von den vielen bunten Zeichen überfordert. Dieses Problem beschäftigt auch die Lobbyisten der Autofahrer. "Seit Jahren setzt sich der ADAC dafür ein, dass der Schilderwald auf deutschen Straßen gelichtet wird", sagt Thomas Hessling, Verkehrsingenieur in der Münchener ADAC-Zentrale, im Gespräch mit stern.de. Laut Straßenverkehrsordnung (StVO) gibt es 648 Schilder, die sich zu 1800 sinnvollen Kombinationen zusammenstellen ließen. Ein Zeichensystem, das beinahe den Komplexitätsgrad einer Fremdsprache hat.

Kreuzungen komplett entrümpelt

Aber die Politiker lieben die blechgewordene Verkehrsregelung. "Wenn die Kommunen aus diesem Schilderkatalog aussuchen können, tun sie es auch", sagt Hessling. Und dass sie dabei oft weit über das Ziel hinaus schießen, ist auch belegt. In einem Pilotprojekt in der kleinen Stadt Selm, ein paar Kilometer nördlich von Dortmund, stülpte der ADAC Plastiksäcke über 1200 Verkehrsschilder. Danach begutachtete eine Kommission die jeweiligen Standorte und überlegte, ob hier wirklich ein Schild nötig ist und welches das sein könnte. Das Ergebnis: Die Hälfte aller Schilder erwiesen sich als überflüssig. Die Selmer Stadtoberen zogen daraus die Konsequenzen und ließen sie abmontieren.

Einen noch weit radikaleren Ansatz verfolgt seit gut 20 Jahren der niederländische Verkehrsplaner Hans Monderman, den "Zeitwissen" in der aktuellen Ausgabe porträtiert. In dem nordholländischen Städtchen Drachten hat er zum Beispiel an einer dicht befahrenen Kreuzung sämtliche Verkehrsschilder und Ampeln abbauen lassen - und die Fahrbahnmarkierungen wurden auch entfernt. Dafür ließ Mondermann den Platz mit roten Pflastersteinen auslegen, um zu signalisieren, dass hier Vorsicht geboten ist. Mit solchen Maßnahmen will Modermann den Autofahrern die falsche Sicherheit nehmen, "dass ihnen nichts passieren kann, solange sie sich an die Regeln halten." Seine Alternative, das sogenannte "Shared-Space"-Konzept, zielt darauf ab, dass sich die Verkehrsteilnehmer auf die Gefahr konzentrieren und sich mit Blickkontakt und Gesten verständigen müssen. An 107 Kreuzungen in Holland hat er dieses Konzept schon verwirklicht. Das verblüffende Resultat: Ein ernster oder gar tödlicher Unfall an diesen entrümpelten Kreuzungen bislang nicht ereignet.

ADAC und Avantegarde

Ganz so avantgardistisch sind die Experten vom ADAC nicht. "Das funktioniert vielleicht in verkehrsberuhigten Bereichen oder in kleineren Städten. Aber in Großstädten mit teilweise mehrspurigen Straßen kann ich mir nicht vorstellen, dass das Fehlen von Verkehrszeichen die Unfallzahlen verringert", kritisiert Hessling die Mondermannsche Schilderstürmerei. Gerade im Winterhalbjahr sei das Wetter in Deutschland häufig so schlecht, dass man sich darauf verlassen könne, dass sich Autofahrer durch den Frühnebel hindurch per Blickkontakt verständigen können.

Hessling kann sich auch nicht vorstellen, dass sich Autofahrer durch Schilder überfordert fühlen - ganz einfach deshalb, weil sie die meisten Verkehrshinweise sowieso ignorieren. "Autofahrer nehmen die Schilder eh nur selektiv war. Wer einen bestimmten Ort sucht, schaut auf Wegweiser, wer parken will, achtet auf Halteverbotsschilder", sagt Hessling. Besonders viel Ärger lösen nach einer ADAC-Untersuchung - wer hätte es gedacht - Halte- und Parkverbote aus. Und wenn die Schilder dann noch vor einer leeren Ladenzeile anzeigen, dass nur hier Lieferverkehr parken darf, kocht die Automobilistenseele über. Hesslings Fazit: "Etwa ein Drittel aller Schilder auf deutschen Straßen sind überflüssig. Wenn man bedenkt, dass das Aufstellen eines einzigen Schildes durchschnittlich 200 Euro kostet, könnte man enorme Summen einsparen, die in die Instandhaltung von Straßen viel besser investiert wären."

Recycling abseits der Norm

Für das Receycling abmontierter Schilder ist übrigens bereits gesorgt. Schon jetzt werden alte und leicht beschädigte Verkehrzeichen containerweise nach Afrika verschifft - um dann im Kongo oder Gottweißwo wieder aufgestellt zu werden. Dass die Schilder nicht mehr ganz so dolle aussehen, ist kein Drama, weiß Hessling: "In den meisten afrikanischen Ländern interessiert es nicht, ob die Reflektorwirkung der Schilder der aktuellen deutschen Norm entspricht, oder nicht."

Mitarbeit: Lutz Kinkel

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