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Very British: Warum musste Tomlinson sterben?

Ian Tomlinson starb bei den Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in London. Die Polizei behauptet, er sei als unbeteiligter Fußgänger einem Herzinfarkt erlegen. Jetzt zeigt ein Video: Tomlinson wurde vor seinem Tod von einem Polizisten geschlagen und zu Boden geworfen.

Von Cornelia Fuchs, London

Ian Tomlinson war auf dem Weg nach Hause an dem Abend des 1. April. Den ganzen Tag über hatten wenige hundert Meter entfernt von seinem Zeitungsstand hunderte Demonstranten ausgeharrt vor der britischen Notenbank. Sie waren am Mittag dort zusammengekommen, um gegen den G20-Gipfel am nächsten Tag zu protestieren, einige hatten Puppen in Nadelstreifenanzügen mitgebracht, die sie an Lampen aufhängen wollten. Der Großteil der Menschen auf dem Platz vor der Bank of England war friedlich gestimmt, die Sonne schien, mehrere Gruppen führten kleine Sketche auf, verkleidet als Banker mit Koffern voller Geld und der Aufschrift "Bonus" und "Gier ist gut".

Sieben Stunden eingekesselt

Doch die Stimmung wandelte sich im Laufe des Nachmittags. Keiner der Demonstranten war gegen sieben Uhr abends noch freiwillig vor Ort. Die Polizei hatte am frühen Nachmittag begonnen, die Menge einzukessseln. Demonstranten sagen, dies geschah, bevor an der Filiale der Royal Bank of Scotland, direkt gegenüber der Notenbank gelegen, einige Fenster zu Bruch und Gardinen in Flammen aufgingen. Die Polizei sagt, es geschah danach, um die Proteste in Schach zu halten

Sicher ist, dass alle Demonstranten von der Polizei über sieben Stunden festgehalten wurden, ohne Toiletten, ohne Zugang zu Wasser oder Essen. Dabei wurde keinerlei Unterschied gemacht zwischen verdächtigen Gewalt-Tätern und friedlichen Teilnehmern. Die Polizei ließ niemanden hinein oder heraus. Am Abend schließlich wurde begonnen, Einzelne aus dem Kessel herauszulassen. Organisatoren der Demonstration berichten, dass jeder, der den Kessel verlassen wollte, seine Adresse angeben musste und fotografiert wurde.

Kein Weg an der Polizei vorbei

In diese Szenerie lief Ian Tomlinson, 47 Jahre alt, Zeitungsverkäufer in Trainingshose und T-Shirt auf dem Weg nach Hause. Die Tageszeitung "Guardian" hat dutzende Zeugenaussagen zusammengetragen, die seinen letzten Weg nachzeichnen. Er wurde mehrfach an Absperrungen zurückgewiesen, musste Umwege gehen und erschien schließlich in einer Seitengasse vor einer Phalanx von Polizisten mit Helmen, Schlagstöcken und zwei Hunden, nicht weit entfernt von der Notenbank.

Der Obduktionsbericht hat ergeben, dass Tomlinson an einem Herzinfarkt starb. Die Polizei hatte in ihren offiziellen Stellungnahmen bisher bekannt gegeben, dass Sanitäter mit Flaschen beworfen worden seien, als sie Tomlinson zur Hilfe eilten und ihn daher in eine ruhige Seitengasse bringen mussten.

Ein Video gibt neue Erkenntnisse

Doch ein neues Video, das die Tageszeitung "Guardian" veröffentlichte und an die Polizei-Beschwerdestelle weitergab, zeigt, dass Tomlinson vor seinem Zusammenbruch von der Polizei geschlagen worden ist. Auf den Aufnahmen steht er mit dem Rücken zu den Polizisten, die Hände in der Tasche und geht, sehr langsam, vor diesen her. Ein Polizist mit Helm schlägt ihn einmal mit dem Schlagstock auf die Beine und gibt ihm anschließend einen so harten Stoß, dass Tomlinson, die Hände noch in den Taschen, auf den Boden fällt. Die Wucht des Aufpralls lässt ihn auf dem Boden rollen, Tomlinson setzt sich anschließend auf und beginnt, den Polizisten etwas zuzurufen, während zwei Passanten ihm versuchen aufzuhelfen.

Tomlinson kommt wieder auf die Beine, die Aufnahmen enden hier. Wenige hundert Meter weiter und keine fünf Minuten später bricht er dann zusammen und stirbt. Zeugen sagen, er habe zuvor verwirrt und benommen gewirkt.

Der offensichtliche Widerspruch zwischen der offiziellen Stellungnahme der Polizei und den jetzt veröffentlichten Bildern erinnert viele Londoner an das Nachspiel im Fall Jean Charles de Menezes. Der Brasilianer war im Juli 2005 in der Londoner U-Bahn von Spezialeinheiten mit mehreren Kugeln in den Kopf erschossen worden – die Polizisten sagten aus, sie hätten angenommen, einen der Terroristen vor sich zu haben, die am Tag zuvor versucht hatten, Bomben in der U-Bahn zu zünden. Obwohl damals schnell klar wurde, dass de Menezes unschuldig und das Opfer einer furchtbaren Verwechslung geworden war, verbreitete Scotland Yard zunächst, er sei mit einer verdächtig gefütterten Jacke in der U-Bahn-Station verschwunden und habe die Absperrungen übersprungen. Diese Aussagen waren falsch. Eine öffentliche Untersuchung fand schließlich vor wenigen Monaten heraus, dass vor allem Chaos in der Leitzentrale und fehlende Kommunikation zwischen den Einheiten zu der tragischen Verwechslung geführt hatten.

"Es ist Zeit für die Wahrheit"

Die Familie von Ian Tomlinson verlangt nun Aufklärung über die Umstände seines Todes. Sein Sohn Paul, 26, sagte dem "Guardian": "Wir wollen Antworten auf die Frage: Warum? Es gab keinerlei Grund für die Polizei, ihn so zu behandeln. Aber ich bin sicher, dass jetzt mehr Beweise gefunden werden, wir müssen die wahren Umstände herausbekommen. Es ist Zeit für die Wahrheit."

Die unabhängige Polizei-Beschwerdestelle hat inzwischen eine neue Obduktion angeordnet und übernimmt die Untersuchungen zu den Umständen des Todes von Ian Tomlinson.